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09. Dezember 2010, von Michael Schöfer
Verrückte Anlegerwelt


Der deutsche Leitindex DAX hat gerade die 7.000er-Marke geknackt und ist weiterhin auf dem Vormarsch. Die Anleger erwarten offenbar anhaltendes Wirtschaftswachstum, gute Geschäfte und hohe Unternehmensgewinne. [1]

Gleichzeitig ist der Goldpreis in dieser Woche auf einen neuen Rekordstand gestiegen. Gold ist so teuer wie noch nie, der Preis für eine Feinunze kletterte auf 1.428,60 US-Dollar. Die Anleger erwarten offenbar eine hohe Inflationsrate und ein Abflauen des Wirtschaftswachstums. [2]

Das Verwirrende daran ist: Eigentlich müssten die Kursentwicklungen gegenläufig sein und dürften sich nicht parallel entwickeln - entweder Aktien rauf und Gold runter oder Aktien runter und Gold rauf.

Wer an anhaltendes Wirtschaftswachstum glaubt, sollte keinesfalls in unproduktive Goldbestände investieren. Investitionen in Gold machen nämlich - wenn überhaupt - nur dann Sinn, sofern man einen schlimmen Crash erwartet und hohe Inflationsraten befürchtet. (Es sei denn, man spekuliert darauf, dass genug Dumme beim Run auf Gold mitmachen und will, bevor die Goldblase platzt, rechtzeitig aussteigen und abkassieren.)

Im Gegensatz dazu dürfte, wer in Gold investiert, keinesfalls Aktien kaufen. Jedenfalls nicht gleichzeitig, denn man kann wohl kaum zugleich weiteres Wirtschaftswachstum und einen Einbruch beim Wirtschaftswachstum erwarten. Oder doch? Nun, der Anlegermarkt zeigt nicht zum ersten Mal, wie irrational es dort zugeht. Warum also nicht auch ein bisschen Schizophrenie? Offen gesagt, mich wundert diesbezüglich gar nichts mehr.

Außerdem: Wer dennoch in Gold investieren möchte, sollte sich Folgendes vor Augen halten: "Wenn die Privatanleger nur fünf Prozent ihres Vermögens investieren würden, müssten sie zusätzlich eine Menge kaufen, die der 40-fachen Jahresproduktion der Minen entsprechen würde." [3] Mit anderen Worten: Das vorhandene Gold reicht keinesfalls für alle, demzufolge wird sich auf diesem Weg bestenfalls eine Minderheit wirklich absichern können. (Vom drastisch sinkenden Goldkurs, wenn nach einem Crash alle ihr Gold auf den Markt werfen, ganz zu schweigen.) Was angesichts dessen von "Experten" zu halten ist, die dazu raten, fünf bis zehn Prozent des Vermögens in Gold anzulegen, ergibt sich von selbst.

[Quelle: Wikipedia, Bild ist gemeinfrei]

Wenn Sie mich fragen, ich tippe beim Gold auf eine Spekulationsblase, die irgendwann unweigerlich platzen wird. Und dann werden diejenigen, die aufgrund von m.E. unbegründeten Hyperinflationsängsten auf die scheinbare Sicherheit von Edelmetallen gesetzt haben, große Verluste erleiden. Übrigens nicht zum ersten Mal, so war es ja auch zur Jahrtausendwende beim Run auf Aktien von IT-Unternehmen und vor kurzem beim Run auf "innovative" Finanzprodukte. Fragen Sie mal bei der Hypo Real Estate oder der Commerzbank nach, wie innovativ die waren, dort kann man Ihnen bestimmt etwas darüber erzählen.

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[1] Focus-Online vom 09.12.2010
[2] TT.com vom 07.12.2010
[3] Handelsblatt vom 12.10.2010