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24. Dezember 2010, von Michael Schöfer
Ein bisschen Besinnung


Alle sechs Sekunden verhungert ein Kind. Alle sechs Sekunden! Und der Hunger in der Welt hat, wohlklingenden Beteuerungen zum Trotz (Millenniums-Gipfel), abermals zugenommen. Gegenwärtig hungern weltweit 925 Millionen Menschen. Die Ausbeutung anderer ist den meisten jedoch vollkommen egal. 14-Stunden-Schichten, 7 Arbeitstage die Woche, kaum Urlaub, wenig Gehalt - das lässt uns Konsumenten kalt. Hauptsache wir können billig einkaufen. Die Hersteller stört das genauso wenig, höchstens die miesen Arbeitsbedingungen werden öffentlich und schädigen das gute Image. Apple kann ein Lied davon singen. Erst als sich beim Apple-Auftragshersteller Foxconn ein paar Arbeiter umgebracht haben, gab's etwas höhere Löhne. Aber nur, weil die Presse darüber berichtet hat. Bittere Erkenntnis: Die Unternehmen haben für die Menschen, die an ihren Werkbänken schuften müssen, bestenfalls ein Achselzucken übrig. Denken Sie mal darüber nach: Wenn denen die Menschen andernorts egal sind, was halten die dann von uns? Wir sind in deren Augen ebenfalls bloß ein Kostenfaktor. Es geht folglich nicht um Werte (Demokratie, Menschenrechte etc.), es geht einzig und allein um Profite.

Die Erde hat sich seit dem Beginn der Industrialisierung bereits um 0,7 Grad aufgeheizt. Wenn wir das Ziel, eine Erwärmung von mehr als 2 Grad zu verhindern, tatsächlich erreichen wollen, darf die Menschheit bis zum Jahr 2100 nur noch 842 Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen. Momentan emittiert die Menschheit allerdings 31 Gigatonnen. Das heißt, die Zielmarke haben wir schon in dreißig Jahren erreicht. Und was machen wir dann in den restlichen sechzig, in denen wir gar nichts mehr emittieren dürften? Auf dem Klimagipfel im mexikanischen Cancún wurde dennoch nur heiße Luft produziert. Verbindliche Reduzierungen: Fehlanzeige! Unverbindliche Absichtserklärungen gab's, weiter nichts. Im Gegenteil, die 12.000 Gigatonnen Kohlenstoff, die noch in Form von Kohle, Öl und Gas im Boden lagern, sollen gehoben werden, denn die Weltwirtschaft braucht unbedingt mehr Energie. Wachstum, Wachstum über alles. Unsere Wirtschaft ist ohne endloses Wachstum gar nicht lebensfähig. Doch kann es in einer endlichen Welt endloses Wachstum geben? Denken Sie mal darüber nach.

Wir sind gehetzt, haben kaum noch Zeit fürs Wesentliche. Was ist überhaupt das Wesentliche? Sollten wir nicht in uns gehen und mal darüber nachdenken, ob wir den ganzen Tand, den wir kaufen, wirklich brauchen? Gewiss, der Einzelhandel jubelt über das angeblich blendend laufende Weihnachtsgeschäft. Ein Glück, wird uns unablässig suggeriert, sonst bräche ja alles zusammen. Echt? Geht ohne Kommerzweihnachten tatsächlich alles den Bach runter? Haben nicht wenigstens die Banker, die wir vor kurzem mit unseren Steuergeldern vor der Pleite retten durften, ihre fetten Boni bekommen? Fehlt nur noch, dass der Papst anstatt für "Jesus inside" Werbung für "Intel inside" macht. Käme immerhin dem Gehalt der modernen Weihnachtsbotschaft näher. Und reden Sie mir jetzt bloß nicht von Nächstenliebe. Das sage ich Ihnen: Ich habe kein bisschen Mitleid mit Guido Westerwelle und der FDP, die zur Zeit einen bodenlosen Niedergang erleben. Sehen Sie, sogar ich kann hartherzig sein. Mit anderen Worten: Wir alle haben Grund, etwas besinnlich zu sein.

In diesem Sinne... Ach, lassen Sie mich doch mit Ihrem "O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit" in Ruhe. Das hilft jetzt auch nicht weiter.