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17. Februar 2011, von Michael Schöfer
Das ist alles nur geklaut


Ob Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg "Die Prinzen" mag, ist nicht überliefert. Deren Song "Alles nur geklaut" dürfte ihm aber dennoch in den Ohren klingen. Wenigstens im übertragenen Sinne. "Das ist alles nur geklaut (...). Entschuldigung, das hab ich mir erlaubt." Inzwischen steht er unter dem Verdacht, auf mindestens 30 Seiten seiner 475 Seiten umfassenden Dissertation abgeschrieben bzw. nicht ordentlich zitiert zu haben. Und die Internetgemeinde hat Blut geleckt, die Liste der Plagiatsvorwürfe wächst ständig. Noch gilt zwar die Unschuldsvermutung, aber der smarte Minister gerät immer mehr in die Bredouille.

Das Ganze ähnelt in gewisser Weise einer Soap: ein bisschen Berlusconi und ein bisschen Helene Hegemann. Große Dramaturgie! An Silvio Berlusconi ist bislang nichts hängengeblieben, weder seine politischen Misserfolge noch die Beschuldigungen der italienischen Justiz. Aber es scheint, dass ihm nun eines seiner zahlreichen amourösen Abenteuer zum Verhängnis wird. Es ist wie bei Al Capone, der wurde ja auch nicht wegen seiner Morde verurteilt, sondern wegen einer im Vergleich dazu geradezu läppische Steuerhinterziehung. Dafür bekam er elf Jahre aufgebrummt. Berlusconis Steuerhinterziehung heißt Karima el-Mahroug alias Ruby Rubacuori. Guttenbergs "Rubygate" heißt etwas sperrig "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU." Und ausgerechnet hier scheinen die erstaunlichen Teflon-Eigenschaften des Barons endlich zu versagen. Seine weiße Weste bekommt die ersten Flecken.

Helene Hegemann wiederum war kurzzeitig der Star des Feuilleton. Ihr Buch "Axolotl Roadkill" wurde dort überschwänglich gelobt, die Rezensenten überschlugen sich förmlich vor Begeisterung. Hegemanns Roman war allerdings teilweise vom Roman "Strobo" des Berliner Bloggers Airen abgekupfert. Sie komme halt aus einem Bereich, verteidigte sich die junge Autorin, "in dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiemäßig drangeht, sich also überall bedient, wo man Inspiration findet." [1] Aha! "Postmodernes Sampling oder Copy-and-paste?", fragte "Juvenil", das Blog für Kinder- und Jugendliteratur, provokant.

"Copy and paste", wird sich vielleicht auch unserer Karl-Theodor gedacht haben. Spitzenpolitiker haben ohnehin einen vollen Terminkalender, da macht man sich das Schreiben der eigenen Doktorarbeit eben so leicht wie möglich. Jedenfalls unterstellt ihm das momentan die halbe Republik. Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesverteidigungsministerium, Christian Schmidt, vermutet demgegenüber hinter den Plagiats-Vorwürfen eine "kommunistische Ypsilanti-Initiative". [2] Oje, wenn man sich derart dumm-dreist verteidigt, sieht man schon seine Felle davonschwimmen. Was abgeschriebene Textstellen mit Kommunismus im Allgemeinen und mit Andrea Ypsilanti im Besonderen zu tun haben, bleibt das Geheimnis des Staatssekretärs. Guttenberg macht, was er sonst äußerst selten macht: er schweigt. Die Lichtgestalt der Union wankt. Ob der CSU-Politiker sich in ein paar Wochen noch "Dr. jur." nennen darf, ist offen. Und kann ein Plagiator noch Bundeskanzler werden? Eigentlich unvorstellbar. Die Affäre könnte seinen kometenhaften Aufstieg jäh beenden, Guttenberg ereilt womöglich das gleiche Schicksal wie Ikarus: The higher they climb the harder they fall.

Falls sich seine Dissertation tatsächlich als teilweise abgekupfert herausstellen sollte, ist Guttenbergs Handeln an Dummheit kaum zu überbieten. Es muss ihm doch 2006 längst klar gewesen sein, dass er Feinden, und solche hat man in hohen Positionen jede Menge, keine Blöße geben darf. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, hat er seine Karriere leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Es ist im Grunde sogar erstaunlich, wie spät die Zweifel an Guttenbergs Doktorarbeit aufkamen, normalerweise geht so etwas viel schneller. Mit einer gefälschten Dissertation durchzukommen, kann kein Spitzenpolitiker ernsthaft erwarten. Selbst geheimgehaltene außereheliche Affären treten, siehe Horst Seehofer, irgendwann offen zutage. Und bei einer Doktorarbeit liegt der Beweis buchstäblich schwarz auf weiß auf dem Tisch und kann in aller Ruhe seziert werden.

"Man fällt nicht über seine Fehler. Man fällt immer über seine Feinde, die diese Fehler ausnutzen." Das Zitat ist, wie man an den " " sehen kann, geklaut. Copy and paste. Aber durch die " " vollkommen legal geklaut. Übrigens von einem gewissen Kurt Tucholsky. Man darf zitieren, man muss es halt nur kenntlich machen. Tja, so leicht wäre es für Guttenberg gewesen, es fehlen bloß ein paar " ". Apropos Tucholsky, von dem stammt bekanntlich die Aussage "Soldaten sind Mörder". Doch die hätte unser Verteidigungsminister bestimmt nie geklaut. Und nicht bloß deshalb, weil jeder gleich gewusst hätte, von wem sie ist.

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[1] BuchMarkt vom 07.02.2010
[2] Berliner Kurier vom 18.02.2011