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20. August 2011, von Michael Schöfer
Milliardenwerte vernichtet?


So oder so ähnlich kann man es derzeit fast überall lesen: "Seit Anfang August befinden sich die Aktienkurse im freien Fall. (…) Die jüngsten Einbrüche am Aktienmarkt haben innerhalb kürzester Zeit Vermögenswerte in Milliardenhöhe vernichtet." [1] Kein Wunder, wenn die Menschen dann in Panik geraten. "Stellt Euch vor: Milliardenwerte!" Das sind zugegebenermaßen keine Peanuts, allerdings frage ich mich nicht erst seit heute, ob das wirklich stimmt. Der jetzige Kursrückgang an den Börsen ist schließlich kein Novum. Und nicht zum ersten Mal werden Journalisten darauf hingewiesen, dass das mit der "Vernichtung von Milliardenwerten" genaugenommen gar nicht wahr ist. Leider vergebens, denn man liest es immer wieder.

Wertzuwächse bei Aktien stehen zunächst nur auf dem Papier, man muss sie nämlich erst realisieren. Der Wertzuwachs über Kursgewinne ist virtuell und kommt allein beim Verkauf zum Tragen. Das gilt spiegelbildlich auch für Verluste. Ein Beispiel: Ich kaufe von Ihnen am 1. Januar 2011 für 100 Euro eine Aktie der Firma XY. Am 1. August 2011 steht der Aktienkurs des Unternehmens bei 50 Euro. Habe ich tatsächlich 50 Euro verloren? Nein, denn ich besitze ja immer noch die Aktie. Erst wenn ich die Aktie verkaufe, was momentan ziemlich blöd wäre, hätte ich einen Verlust, weil ich nicht mehr den ursprünglichen Kaufpreis erzielen würde. Doch solange ich abwarte, kann ich den Schwankungen des Aktienkurses relativ gelassen gegenüberstehen. Was schwankt, ist allein der Buchwert meiner Aktie.

Selbst wenn ich die Aktie für 50 Euro verkaufe: Sind die anderen 50 Euro dann "vernichtet"? Keineswegs, denn Sie haben ja die 100 Euro, die ich Ihnen am 1. Januar 2011 gegeben habe, hoffentlich noch in der Hosentasche. Und der Käufer der Aktie muss weniger ausgeben, spart also Geld (den Teil, den er bei gleichbleibendem Kurs für die Aktie hätte investieren müssen). Das Geld ist demzufolge nicht "vernichtet", es ist lediglich in anderen Händen. Und zwar in Ihren. Was ich in Form der Aktie erwarb, ist nur ein bestimmter Anteil an der Firma XY. Eigentumsrechte - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Nehmen wir an, ich besitze 10 Prozent der Anteile dieser Firma. Ich besitze diese 10 Prozent aber unabhängig davon, ob der Aktienkurs gerade bei 50, 100 oder 150 Euro liegt. 10 Prozent sind 10 Prozent. Eigentlich eine Binsenweisheit. Was mich als Anteilseigner viel mehr interessieren müsste, wären die Gewinnaussichten des Unternehmens. Sprich, die Geschäftslage. Mit anderen Worten: Langfristige Überlegungen in Bezug auf die Realwirtschaft müssten entscheidend sein, beispielsweise die Entwicklung der Kaufkraft der Konsumenten. Steigt die Kaufkraft, steigt womöglich auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage (es sei denn, das Geld wird bloß zum Spekulieren an der Börse verwendet). Und wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt, erzielt meine Firma vielleicht mehr Umsatz und macht hoffentlich höhere Gewinne, von denen ich dann in Form einer Dividende ebenfalls profitiere.


Sieht bedrohlich aus: Die Entwicklung des DAX in den zurückliegenden 30 Tagen.

Alles relativ: Die Entwicklung des DAX in den letzten 10 Jahren. Er lag schon einmal höher,
aber er lag auch schon einmal niedriger. [Quelle: Finanztreff.de]


Aktienkursentwicklungen sind daher im Grunde etwas für Spekulanten, nichts für echte Investoren. Es ist ein Treppenwitz, dass die Spekulanten die Industriestaaten zu rigidem Sparen drängen, dann aber zu Recht Angst vor den dadurch ausgelösten Kaufkraftverlusten bekommen, die die Gewinnaussichten der Unternehmen schmälern, an denen sie beteiligt sind, was wiederum den Spekulanten den Aktienkurs verhagelt. Die Katze beißt sich gewissermaßen in den Schwanz. Die Spekulanten spekulieren solange, bis tatsächlich ganze Volkswirtschaften unentrinnbar im Strudel einer ökonomischen Abwärtsspirale festsitzen und kollabieren. Ob die Spekulanten danach besser dastehen, wage ich allerdings zu bezweifeln. Wenn reihenweise Unternehmen pleitegehen, bleiben zumindest die Dummen am Ende auf ihren völlig wertlosen Papieren sitzen, mit denen sie höchstens noch die Wände tapezieren können. Genau das gilt es zu vermeiden. Aber dazu muss man die Realwirtschaft im Auge haben, nicht die Kursentwicklung an der Börse.

Schlimm dran sind natürlich die, die ihre Aktien unbedingt versilbern müssen, etwa weil ihre Altersvorsorge davon abhängt. Wer in Rente geht, braucht Bargeld. Und für den ist es kein Trost, dass Aktienkurse auf lange Sicht auch wieder steigen können. "Auf lange Sicht sind wir alle tot", bemerkte einst der britische Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) trocken. Das gilt hier buchstäblich. Davor, die Renten den Kapitalmärkten auszuliefern, ist freilich oft genug gewarnt worden. Leider hat das ebenso wenig geholfen. "Experten" und Journalisten propagieren nach wie vor die private Altersvorsorge. Man fragt sich: Werden die jemals aus Schaden klug?

André Kostolany (1906-1999), ein amerikanischer Spekulant, hat einmal mit leichter Selbstironie gesagt: "Ich gehe gerne in die Börsensäle, denn nirgends auf der Welt kann ich pro Quadratmeter so vielen Dummköpfen begegnen." [2] Wie wahr, diese Erkenntnis bekommen wir jeden Tag in den Börsennachrichten frei Haus geliefert. Heute zeigen sich die Börsianer über den starken Kursrückgang entsetzt. Und die meisten Journalisten hängen ihnen förmlich an den Lippen, so als ob diese stets die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit von sich geben würden. Führen wir uns exemplarisch Prognosen aus dem Jahr 2010 über den Verlauf des Jahres 2011 zu Gemüte:

"Deutschlands Analysten sehen deutsche Aktien auch 2011 in der Erfolgsspur. Das geht aus einer Erhebung des Anlegermagazins ‘Börse Online’ (...) unter 13 Banken hervor. Demnach erwarten die Experten von elf Instituten, dass der DAX innerhalb des kommenden Jahres weiter ansteigt. Die mit 9.000 Punkten optimistischste Prognose gab Silvia Quandt Research ab, gefolgt von FPM mit 8.800 Punkten und der Commerzbank mit 8.200 Punkten. Lediglich zwei Banken gehen davon aus, dass der DAX in zwölf Monaten gegenüber dem aktuellen Stand Punkte einbüßt: Die HSH Nordbank rechnet mit 6.800 Punkten, die Helaba mit 6.200 Punkten." [3]

Oder: "Große Bankenumfrage: DAX bei 9000 Punkten. Die Börse hat auch im kommenden Jahr Potenzial – so lautet das Ergebnis der exklusiven Kapitalmarktumfrage 2011, die €uro am Sonntag unter nationalen und internationalen Banken und Analysehäusern durchgeführt hat. Die 21 Institute rechnen im Schnitt mit einem DAX-Stand von 7530 Punkten zum Ende des Jahres 2011. Trifft diese Durchschnittsprognose zu, können Anleger nach derzeitigem Stand (9.12.2010) mit rund acht Prozent Plus im deutschen Leitindex rechnen." [4]

Gestern lag der Kurs des DAX bei 5480 Punkten. Tendenz fallend. Müssten diese "Experten" jetzt nicht in Sack und Asche gehen? Mitnichten, heute erzählen sie uns unverfroren das genaue Gegenteil von damals. Ganz so, als hätten sie nie etwas anderes behauptet. Und die Journalisten hängen abermals an ihren Lippen. Das ist einfach irrational. Ob am Ende des Jahres mehr als 7500 Punkte auf dem Kurszettel stehen, ist fraglich. Und um noch 9000 Punkte zu erreichen, müsste es eine Kursrallye geben. Doch das ist Kaffeesatzleserei. Und es ist mir auch egal, für mich sind vielmehr gesamtwirtschaftliche Parameter ausschlaggebend. Die sagen mir: Verteilt um, aber nicht - wie bislang - von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Bloß, von Börsianern werden sie so etwas wohl nie hören.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 20.08.2011
[2] Der große Kostolany, München 2000, Seite 72
[3] Pressemitteilungen-online.de vom 21.12.2010
[4] Finanzen.net vom 16.12.2010