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15. Dezember 2011, von Michael Schöfer
Deutschland wird älter


Das zeigt sich momentan vor allem in der Politik. Wenn der 92-jährige "elder statesman" Helmut Schmidt wirklich wollte, hätten Sigmar Gabriel (52), Frank-Walter Steinmeier (55) und Peer Steinbrück (64) vermutlich keine Chance, 2013 für die SPD als Kanzlerkandidat anzutreten. Diesen Eindruck hinterließ jedenfalls der letzte Bundesparteitag der Sozialdemokraten. Mit der Weisheit des Alters lässt sich das kaum erklären, eher mit dem personellen und inhaltlichem Vakuum der ältesten Partei Deutschlands. Rückblickend wird Helmut Schmidts Leistung als Bundeskanzler natürlich verklärt, aber seine potentiellen Nach-Nachfolger sind genau besehen nicht viel besser: Steinmeier verteidigt beharrlich die unselige Agenda 2010-Politik, als deren Architekt er gilt und die zu einem Gutteil zur jetzigen Krise beigetragen hat. Steinbrück will angeblich die Finanzindustrie hart an die Kandare nehmen, nachdem er zuvor aktiv an der Deregulierung des Finanzmarkts beteiligt war. Sehr glaubwürdig. Und Gabriel muss seinen Kurs wohl erst noch finden [1].

Doch die anderen Parteien machen es nicht besser, auch hier drängen nämlich die Alten zurück an die Spitze: Dem wegen eines Privatkredits in Bedrängnis geratenen Bundespräsidenten Christian Wulff (52) soll nach dem Rücktritt, so kolportieren es zumindest die Medien, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (69) folgen. Einmal abgesehen vom Alter: Es wäre doch völlig absurd, wenn Christian Wulff wegen dem Privatkredit der Unternehmergattin Edith Geerkens zurücktreten müsste, nur um durch Wolfgang Schäuble abgelöst zu werden. Ausgerechnet Schäuble, in dessen Keller - selbstverständlich nur im übertragenen Sinne - immer noch die ominösen 100.000 Mark schlummern, deren Verbleib bis heute ungeklärt ist. Bloß zur Erinnerung: Der damalige Partei- und Fraktionsvorsitzende musste im Jahr 2000 wegen der Verstrickung in die CDU-Parteispendenaffäre seine Ämter an Friedrich Merz und Angela Merkel abtreten. Schäuble bat damals "dafür um Entschuldigung, dass er im Dezember 1999 einen Teil der Wahrheit über seinen Kontakt zum Waffenhändler Karlheinz Schreiber verschwiegen hatte". [2]

Nicht weniger kurios ist derzeit die Lage in der FDP. Seit dem fulminanten Wahlerfolg bei der Bundestagswahl 2009 (14,6 Prozent) geht es mit der Funktionspartei rapide bergab. Guido Westerwelle hat bekanntlich den Absturz nicht überlebt, doch sein Nachfolger Philipp Rösler scheint die Partei ebenfalls nicht retten zu können. Umfragetief reiht sich an Umfragetief, Wahlniederlage an Wahlniederlage. Nach dem überraschenden Rücktritt von FDP-Generalsekretär Christian Lindner werden dem 66-jährigen Rainer Brüderle allerbeste Chancen eingeräumt, Röslers Amt als Parteivorsitzender zu übernehmen. Ausgerechnet Brüderle, der in seiner Zeit als Bundeswirtschaftsminister den Spitznamen "Problembär" verpasst bekam. Und das keineswegs zu Unrecht. Selbst bei der Linken wird über die Rückkehr von Oskar Lafontaine (68) an die Parteispitze spekuliert. Fehlt noch, dass die Grünen den inzwischen 63-jährigen Joschka Fischer exhumieren.

Was ist bloß los mit der deutschen Politik? Sind die Alten wirklich unsere Zukunft? Es ist unfassbar, denn mit Methusalems kann man die Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse endgültig begraben. Beispiel: "Alles Gerede und Geschreibe über eine angebliche 'Krise des Euro' ist leichtfertiges Geschwätz von Medien, von Journalisten und von Politikern", behauptete Helmut Schmidt in seiner Parteitagsrede. [3] Applaus, Applaus! Na, dann müssen wir uns ja überhaupt keine Sorgen machen, wenn die ganze Eurokrise nur leichtfertiges Geschwätz ist.

Das einzige Argument, das für die Alten spricht, ist: Die Jungen sind auch nicht besser. Oder wollten Sie von einem Philipp Mißfelder regiert werden? Oder von einem Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, genannt "Gutti"? Oder etwa vom Bierdeckel-Steuerexperten Friedrich Merz? Ich jedenfalls nicht. Bei aller inhaltlichen Kritik, es verwundert vor diesem Hintergrund kaum, wenn die Piratenpartei momentan bei Bundestagswahlen über 5 Prozent bekäme. [4]

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[1] vgl. NachDenkSeiten vom 14.12.2011, Sigmar Gabriels intellektueller Offenbarungseid
[2] Wikipedia, Wolfgang Schäuble, CDU-Spendenaffäre
[3] Hamburger Abendblatt vom 04.12.2011
[4] Sonntagsfrage Bundestagswahl