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08. Januar 2012, von Michael Schöfer
Diogenes im U-Boot


Griechenland sei ein Fass ohne Boden, hört man allenthalben. Mittlerweile hat auch der Internationale Währungsfonds (IWF) Zweifel daran geäußert, ob die Griechen ihr Verschuldungsproblem überhaupt in den Griff bekommen. Doch die Athener Regierung braucht dringend die Milliarden der EU und des IWF. Folge: Auf die griechischen Bürger kommen deshalb weitere Sparrunden zu, dabei geht es ihnen bereits jetzt ziemlich schlecht: Ein Fünftel der Griechen lebt inzwischen unter der Armutsgrenze: Gut 2,2 Millionen der elf Millionen Einwohner müssen mit einem Einkommen unterhalb der offiziellen Armutsgrenze auskommen. "Die Armutsgrenze wird in Griechenland auf etwa 15.000 Euro Einkommen jährlich für eine Familie mit vier Mitgliedern berechnet. 27,7 Prozent der Betroffenen haben sogar Schwierigkeiten, sich richtig zu ernähren." [1] Nach Angaben des Bürgermeisters Giorgos Kaminis ist in der Hauptstadt Athen die Zahl der Obdachlosen im Jahr 2011 um 20 Prozent gestiegen, in den Suppenküchen hat die Nachfrage ebenfalls stark zugenommen, und zwar um 15 Prozent. [2] Griechenlands Premierminister Lucas Papademos fordert dennoch weitere Lohnkürzungen. Warum auch nicht, schließlich stammt das Vorbild der bescheidenen Lebensführung aus dem klassischen Griechenland: Der Philosoph Diogenes von Sinope (400 - 324/323 v. Chr.) soll der Legende nach vollkommen bedürfnislos in einer Tonne gelebt haben. Liebe Hellenen: Back to the roots!


Gilt nach 2.400 Jahren erneut als großes Vorbild: Diogenes von Sinope

[Quelle: Wikipedia, Bild ist gemeinfrei]

Die Griechen sollen künftig an allem sparen, bloß an einem nicht - an der Rüstung. "2010 betrug der griechische Rüstungsetat fast sieben Milliarden Euro. Das entsprach knapp drei Prozent der Wirtschaftsleistung, eine Zahl, die in der Nato nur von den USA übertroffen wurde. (…) Im Etat für 2012 ist vorgesehen, dass der Sozialhaushalt um weitere neun Prozent schrumpfen soll, also um zwei Milliarden Euro. Die Beiträge zur Nato hingegen sollen um 50 Prozent auf dann 60 Millionen Euro steigen, die laufenden Ausgaben für den Verteidigungshaushalt gar um 200 Millionen auf dann 1,3 Milliarden Euro: ein Plus von 18,2 Prozent", schreibt Die Zeit. [3] Wer jetzt glaubt, dass Angela Merkel angesichts dessen erneut zu ihrem berühmt-berüchtigten Griechenland-Bashing ansetzt, irrt gewaltig. Und das hat seinen Grund, denn Deutschland verkauft an den Ägäis-Staat große Mengen Rüstungsgüter. 2010 exportierte Deutschland Kriegswaffen im Wert von insgesamt 2.118,9 Mio. Euro, davon gingen 403,5 Mio. (= 19 Prozent) an Griechenland. So erhielten die Griechen von uns 223 Panzerhaubitzen des Typs M109 und ein U-Boot der Klasse 214. Nach Portugal (812,1 Mio. Euro) war Athen damit der zweitgrößte Empfänger von Kriegswaffen aus Deutschland. [4] Der moderne Diogenes lebt heute also nicht mehr in einer popeligen Tonne, sondern in einem U-Boot made by Howaldtswerke-Deutsche Werft. Ob das wirklich ein zivilisatorischer Fortschritt ist, sei dahingestellt.

Was bläut uns die "schwäbische Hausfrau" ständig ein? "Man kann nicht ständig über die eigenen Verhältnisse leben." Dieser Grundsatz gilt angeblich gerade mit dem Blick auf Griechenland. Was sie in der Öffentlichkeit allerdings ständig unterschlägt, ist folgende Einschränkung: "Es sei denn, es nützt der deutschen Rüstungsindustrie."

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[1] Focus-Online vom 05.01.2012
[2] NZZ-Online vom 17.12.2011
[3] Die Zeit-Online vom 07.01.2012
[4] Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Rüstungsexportbericht 2010, Seite 13 und 38, PDF-Datei mit 2,2 MB