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13. März 2012, von Michael Schöfer
Die aufgeregte Republik


In der modernen Mediengesellschaft kommt man nicht mehr zur Ruhe. So schlagen wir uns nun schon seit Jahren mit den Folgen der Finanzkrise herum und bekommen dabei eine Hiobsbotschaft nach der anderen serviert. Griechenland? Ein Dauerbrenner. Kaum scheint das Problem erledigt zu sein (die Betonung liegt hier auf "scheint"), gerät Spanien ins Blickfeld. Früher gab es zwischen einzelnen Krisen wenigstens noch Phasen der Erholung, heute lösen sie sich einander nahtlos ab. Anders ausgedrückt: Die Welt präsentiert sich uns als einzige Dauerkrise. Zwangsläufige Folge: Der Erregungszustand des mehr oder weniger geneigten Publikums bleibt auf einem anhaltend hohen Niveau.

Beispielhaft hierfür ist die Affäre um unseren höchsten Repräsentanten. Kaum ist Christian Wulff nach wochenlangem Hin und Her zurückgetreten, übrigens durchaus zu Recht, gerät postwendend sein designierter Nachfolger, Joachim Gauck, in den Fokus der Kritik. Den einen war er in der DDR zu staatsnah, weil er dort 1988 einen "Kirchentag von unten" verhindert habe. [1] Andere bezeichnen ihn wiederum abfällig als Kandidat der Springer-Presse, für den das Godesberger Programm der SPD "sozialistisches Teufelszeug" sei. [2] Was denn jetzt? Zu nah an den Sozialisten oder den Sozialisten zu fern? Hinzu kommen pharisäerhafte Bemerkungen über sein Privatleben, weil Gauck in "wilder Ehe" lebt (I'm deeply shocked!), und angeblich aus dem Zusammenhang gerissene Zitate über das, was er einst über dieses oder jenes Thema sagte. Ganz so, als sei es verwunderlich, dass sich ein Mann von 72 Jahren in der Vergangenheit überhaupt jemals geäußert hat. Bundespräsidentschafts-Kanidaten sind freilich per se keine unbeschriebenen Blätter mehr. Auf der anderen Seite sind sie aber auch nicht so wichtig, der Bundespräsident ist schließlich nur ein hochbezahlter Grüßaugust. Deshalb: Cool down!

Wir leben in einer aufgeregten Republik, in der die Erregungskurve nie wieder nachlässt. Man sehnt sich förmlich nach ein paar Tage voller Langeweile, die kann nämlich auch erholsam sein. Wenn man genau hinsieht, sind die jeweiligen Aufreger ohnehin bloß die Fortsetzung längst bekannter Missstände: Politiker sind korrupt, Kriege grausam, Lobbyisten zu einflussreich, der Reichtum ist ungerecht verteilt und die Zerstörung der Umwelt auf einem nach wie vor inakzeptabel hohen Niveau. Aus diesem Baukastensystem kann sich jeder bedienen, um aktuelle Anlässe wird man dabei kaum verlegen sein. So verkommt Ruhe schnell zu einem Fremdwort, stressbedingte Erschöpfung macht sich breit. Wer kann und mag etwa noch den zahlreichen Talk-Shows (allein in der ARD fünf Mal pro Woche) mit ihren ewig gleichen Gästen (Hans-Ulrich Jörges, Klaus von Dohnanyi, Arnulf Baring, Peter Scholl-Latour etc.) sowie deren ewig gleichen Argumenten folgen?

Man fühlt sich unwillkürlich gedrängt, das Notebook auf dem Schreibtisch verstauben und den Fernseher ständig ausgeschaltet zu lassen. Doch eine Lösung ist das natürlich ebenso wenig, die Finanzkrise wird dadurch ja nicht besser. Aber die Frage ist durchaus berechtigt: Wo wird das Ganze enden? Wird es überhaupt irgendwann enden? Vermutlich nicht. Wir erleben gerade eine historisch einmalige Expansion der Medieninhalte. Früher hatten wir allenfalls drei Fernsehprogramme mit - heutzutage unvorstellbar - nächtlicher Sendepause. Es ist tatsächlich wahr: Wer damals mitten in der Nacht auf dem Fernsehsessel erwachte, sah entweder ein Testbild oder das Hintergrundrauschen des Urknalls auf dem Schirm. Heute haben wir ununterbrochen mindestens 50 Sender zu verkraften, zuhause mehrere Internet-PC auf dem Tisch und unterwegs ein iPad und/oder Smartphone in der Tasche. Wir sind überall erreichbar und immer auf dem Laufenden. Kein Wunder, wenn wir uns gestresst fühlen. Paradox: Man hat das Gefühl, dass die Menschen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Mit anderen Worten: Trotz Informationsflut immer uninformierter sind. Möglicherweise liegt es ja daran, wenn in diesem medialen Reizklima selbst berechtigte Diskussionen unangenehm schrill erscheinen. So wie die über Joachim Gauck.

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[1] Der Freitag vom 08.03.2012
[2] Junge Welt vom 22.02.2012