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31. März 2012, von Michael Schöfer
Wenn der Mob tobt


Sexualmorde an Kindern gehören wohl zu den schlimmsten Verbrechen überhaupt. Insofern ist die Aufregung in Emden wegen dem Mord an der elfjährigen Lena verständlich. Die Polizei hat dann ziemlich schnell einen 17-Jährigen als Tatverdächtigen präsentiert. Und anschließend tobte der Mob: Nachbarn sollen Presseberichten zufolge kurz nach der Festnahme dessen Namen und Anschrift über Twitter verbreitet haben. In Facebook gab es Aufrufe zur Lynchjustiz ("Es gibt nur eins: Erschießen") und 50 Menschen belagerten stundenlang das Polizeigebäude, nachdem im sozialen Netzwerk dazu aufgerufen wurde, die Emdener Polizei zu stürmen und den Verdächtigen herauszuholen. Etwas, das den zweifelhaften Charme eines Aufmarschs des Ku-Klux-Klan mitsamt der Südstaaten-Borniertheit der 50er Jahre versprüht. Der Mob wollte wahrscheinlich jemand hängen sehen. Unschuldsvermutung? Fakten? Ordentliches Verfahren? Da könnte ja jeder kommen...


Hätte es so ausgesehen, falls die Menge den 17-Jährigen in ihre Hände bekommen hätte?
[Quelle: Library of Congress, National Photo Company, Prints & Photographs Division,
Reproduction Number: LC-DIG-npcc-12928, gefunden bei: Wikimedia Commons]


Doch nun hat sich der Tatverdächtige offenbar als unschuldig herausgestellt. Er habe sich bei den Vernehmungen in Widersprüche verwickelt und könne überdies kein Alibi vorweisen, hieß es noch gestern. Täter gefasst, suggerierte das. Von wegen, jetzt sagt die Staatsanwaltschaft, der 17-Jährige "sei durch neue Fakten als Täter ausgeschlossen worden". [1] "Vermutlich hat ihn der Abgleich mit den am Tatort gefundenen DNA-Spuren entlastet", spekulieren die Medien. [2] Der Mob hätte also einen Unschuldigen gelyncht.

Der Vorgang zeigt zweierlei: Erstens, wie schnell die dünne Decke der Zivilisation reißen kann und die primitiven Rachegelüste einer tumben Menge zu Vorschein kommen. Und zweitens, dass der Mörder der elfjährigen Lena noch immer frei herumläuft.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 31.03.2012
[2] Hamburger Abendblatt vom 31.03.2012