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08. April 2012, von Michael Schöfer
Warum bloß diese Aufgeregtheit?


Eigentlich wollte ich mich zu dem Gedicht von Günter Grass "Was gesagt werden muss" gar nicht äußern, denn ich habe bereits an anderer Stelle [1] meiner Skepsis gegenüber dem Literaturnobelpreisträger Ausdruck verliehen. Das umstrittene Gedicht hat daran nichts geändert.

Trotzdem: Ausnahmsweise muss ich dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu einmal recht geben: "Iran, nicht Israel ist eine Bedrohung für Frieden und Sicherheit in der Welt. Es ist der Iran, nicht Israel, der das Massaker des syrischen Regimes an seinem eigenen Volk unterstützt. Es ist der Iran, nicht Israel, der Frauen steinigen lässt, Homosexuelle hängt und Millionen seine Bürger brutal unterdrückt." [2] Grass irrt mehrfach: Weder hat Israel damit gedroht, das iranische Volk mit einem atomaren Erstschlag auszulöschen (die Planungen für einen Angriff auf den Iran umfassen - soweit bekannt - nur konventionelle Mittel), noch wurde das Nuklearpotential Israels bislang verschwiegen. Es ist vielmehr der Iran, der Israel gerne von der Landkarte fegen würde. Jedenfalls, wenn man Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad Glauben schenkt. Insofern ist die Besorgnis Israels vor der iranischen Atombombe verständlich. Das heißt andererseits nicht, dass der ins Auge gefasste Angriff auf den Iran gerechtfertigt wäre. Zumindest stellt er ein enormes, vielleicht sogar unkalkulierbares Risiko dar. Doch wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Entscheidung zu treffen hätten, künftig in Tel Aviv oder Teheran leben zu müssen, würden Sie sicherlich Tel Aviv wählen. Ich auch, denn schließlich ist Israel eine Demokratie, in der Meinungsfreiheit herrscht und in der man keine Wahlen fälscht.

Das bedeutet keineswegs, dass die israelische Demokratie ohne Schattenseiten wäre. Die werden nicht zuletzt in Israel selbst ziemlich kontrovers diskutiert. Israel versteht sich als jüdischer Staat. Das ist zwar aufgrund der Geschichte des jüdischen Volkes, die untrennbar mit dem Holocaust verbunden ist, mehr als verständlich, doch wie verträgt sich das mit dem demokratischen Gleichheitsanspruch? Konkret: Wie ist es in einem jüdischen Israel um die Rechte der Nichtjuden (Andersgläubige, Atheisten) bestellt? "Der Staat Israel (...) wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten, die Heiligen Stätten unter seinen Schutz nehmen und den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen treu bleiben." So versprach es die Unabhängigkeitserklärung vom 14.05.1948. Wir wissen freilich: Israel hält seit 1967 völkerrechtswidrig palästinensische Gebiete besetzt. Die Besiedelung des besetzten Landes ist ebenso illegal wie die weitgehende Rechtlosigkeit der dort lebenden Palästinenser. Es gibt viele Kritiker, die eine israelische Apartheid-Lösung befürchten. Sogar in Israel gehen die Meinungen darüber auseinander.

In einem hat Günter Grass allerdings recht behalten: Dass man ihm Antisemitismus vorwerfen würde, dieser Vorwurf kam denn auch prompt. Die israelische Regierung hat ihn obendrein zur Persona non grata erklärt. Ein wenig souveräner Umgang mit Grass' israelkritischer Meinung. Würde jeder Staat derart überzogen reagieren, gäbe es nur noch unerwünschte Personen. Demokratien haben Kritik naturgemäß hinzunehmen. Und nicht jede Kritik an Israel ist gleich unter der Rubrik Antisemitismus einzuordnen. Doch die Auseinandersetzung mit der Politik Israels ist gerade hierzulande immer eine Gratwanderung, das belegt das Gedicht "Was gesagt werden muss" nur wieder aufs Neue. Es ist dennoch erstaunlich, wie hoch die Wogen dabei schlagen. Ich frage mich ernsthaft: Warum bloß diese Aufgeregtheit? Ist Günter Grass wirklich Thilo Sarrazin 2.0? Naja, das Einzige, was mir dazu einfällt, ist: Jeder blamiert sich auf seine Weise. Ich denke, wir werden es aushalten und daran wohl kaum zugrunde gehen. Übrigens: Falls Israel den Iran tatsächlich angreift, wird man diese Frage unter ganz anderen Gesichtspunkten völlig neu erörtern. Spätestens dann, wenn der Preis für einen Liter Benzin an den Zapfsäulen auf 5 Euro gestiegen ist (von gravierenderen Folgen will ich hier gar nicht reden). Und das ist dann im Gegensatz zu Grass' Lyrik wirklich wichtig.

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[1] siehe Altersweise oder bloß alt? von 10.07.2011
[2] Frankfurter Rundschau vom 05.04.2012