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19. Juni 2012, von Michael Schöfer
Die Talibanisierung Deutschlands


Man muss zweimal hinsehen: Ist das wirklich "meine" linksliberale Frankfurter Rundschau? Und ein Blick auf den Kalender verrät: Wir leben tatsächlich im 21. Jahrhundert. Kaum zu glauben, denn in der FR darf ein gewisser Martin Mosebach über den "Wert des Verbietens" schwadronieren. Mosebach plädiert in seinem Artikel dafür, Blasphemie (Gotteslästerung) wieder unter Strafe zu stellen. Ehrlich, kein Witz.

Das Grundgesetz sei "im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen" formuliert worden, und das sei zweifellos der Gott des Christentums gewesen. "An einen anderen dürfte man Ende der 1940er Jahre schwerlich gedacht haben", schreibt Mosebach. Die Bundesrepublik ist "nicht fix und fertig aus dem Haupt des Zeus gesprungen", sondern ruhe "auf Voraussetzungen (...), die in anderen Zusammenhängen entstanden sind." Mosebach meint damit natürlich das Christentum. "Diese nicht von der Bundesrepublik und ihren Gesetzgebern geschaffenen Voraussetzungen, die aber dennoch in das Fundament des Staatsgebäudes eingemauert sind, müssten – solange dies Grundgesetz gelten soll – im Grunde unter dem besonderen Schutz des Staates stehen. Er [der Staat] hat ein Interesse, dass sein Grundgesetz nicht geistig ausgehöhlt wird und in Leerformeln austrocknet, sondern von lebendiger Realität bleibt. Hier läge eine Pflicht des Staates begründet, jenen Gott, auf dessen Geboten er seine sittliche Ordnung aufbauen will, vor Schmähung zu bewahren, die dieser sittlichen Ordnung auf Dauer den Respekt entziehen würde." Unglaublich, aber leider wahr: Es sei der Kunst "förderlich gewesen", habe "überaus anregend gewirkt und sie zu den kühnsten Lösungen inspiriert", "nicht alles aussprechen zu dürfen, von rigiden Regeln umstellt zu sein". Mosebach behauptet ferner: "Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird." [1] Ja, ja, so förderlich wie im Mittelalter.

Mosebachs Forderung kommt letztlich einer Talibanisierung Deutschlands gleich. Es ist erschreckend, denn er gibt unverblümt zu: Er sei unfähig, sich zu empören, "wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen." Dass beleidigte Muslime es nicht bloß mit der Verursachung von Schrecken bewenden lassen, sondern den aus ihrer Sicht des Lebensrechts Beraubten buchstäblich Gewalt antun, ist hinlänglich bekannt. Hat Mosebach die Morde und Mordversuche mit religiösem Hintergrund vergessen? Stichwort: Die Mohammed-Karikaturen Kurt Westergaards. Sein Artikel ist in meinen Augen fast schon "Billigung von Straftaten" (§ 140 StGB).

Mosebachs Begründung, warum der Staat Blasphemie zu verbieten habe, ist genauso schlicht wie falsch. Müssen wir, weil frühere Generationen mehrheitlich an Gott geglaubt haben, ebenfalls an Gott glauben? Wenn die Verfassungsväter 1949 Wert darauf legten, als Grundlage für die Verfassung Gott heranzuziehen, mag das für sie wichtig gewesen sein. Für die Nachgeborenen ist es vollkommen irrelevant. Die Ableitung des Grundgesetzes von Gott dokumentiert lediglich die Vorurteile dieser Generation, das hat aber mit dem säkularen Wesensgehalt unserer Verfassung überhaupt nichts zu tun. Es gibt keine wie auch immer geartete Verpflichtung, Vorurteile zu übernehmen, nur weil frühere Generationen welche hatten. Es ist noch gar nicht so lange her, da bedurften Frauen der Erlaubnis ihres Mannes, wenn sie berufstätig sein wollten. Homosexualität und Ehebruch waren strafbar, vorehelicher Geschlechtsverkehr wurde als Unzucht gewertet. Die jeweiligen Begründungen verdankten wir ebenfalls dem Christentum. Wenn die Verfassung Respekt vorm Christengott verlangt, können die Strafgesetze doch nicht hintanstehen. Nein, Mosebach muss dann konsequenterweise auch das Begehren unseres Nächsten Weib unter Strafe stellen. Ob das für die zwischenmenschlichen Beziehungen genauso "förderlich" wäre wie das Verbot von Blasphemie für die Kunst, ist allerdings mehr als fraglich. Wie steht's mit der Sklaverei? "Die neutestamentlichen Schriften gehen von der Existenz von Sklaven als Teil der gottgewollten Ordnung aus, in der die Menschen eben unterschiedliche Status innehaben und sich damit arrangieren müssen, wollen sie Gottes Willen nicht zuwiderhandeln. Im Mittelalter kam für Sklaverei und Sklavenhandel das Argument hinzu, dass damit die Christianisierung von Heiden gefördert werde. Mit den päpstlichen Bullen Dum Diversas (1452) und Romanus Pontifex (1455) wurde es Christen erlaubt, Sarazenen, Heiden und andere Feinde des Christentums zu versklaven und ihren Besitz zu nehmen." [2]

Sich auf etwas berufen, das voller Irrtümer steckt, ist heutzutage ziemlich dreist. Oder blöd. Zur Erinnerung: Das Christentum hat bekanntlich massive Probleme mit den Naturgesetzen. Nehmen wir beispielsweise Josua Kap. 10: "Da redete Josua mit dem HERRN des Tages, da der HERR die Amoriter dahingab vor den Kindern Israel, und sprach vor dem gegenwärtigen Israel: Sonne, stehe still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne und der Mond still, bis daß sich das Volk an ihren Feinden rächte. (...) Also stand die Sonne mitten am Himmel und verzog unterzugehen beinahe einen ganzen Tag." [3] Nur, dass wir mittlerweile so fundamentale Naturgesetze wie das Masseträgheitsgesetz entdeckt haben, Isaac Newton sei Dank. Danach verharrt ein Körper "im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Translation [Bewegung], sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird." [4] Ausgesprochen dumm für das Christentum, dass wir inzwischen wissen, dass nicht die Sonne um die Erde kreist, sondern Tag und Nacht durch die Erdrotation verursacht wird. Die Rotationsgeschwindigkeit beträgt am Äquator mehr als 1.600 km/h. Mit anderen Worten: Hätte Gott tatsächlich die Erde abrupt angehalten, hätte gemäß dem Masseträgheitsgesetz alles mit Überschallgeschwindigkeit weiterfliegen müssen. Weltweit wären sämtliche Lebewesen und Häuser zerschmettert worden. Sind das die Voraussetzungen, auf denen unser Grundgesetz beruht? Lachhaft. Fehler gibt es auch im Neuen Testament zuhauf, davon zeugt zumindest die kritische Bibelforschung. Genau diese Falschheit wollen wir ja seit der Aufklärung überwinden. Zu Recht. Die Religion will uns mit dem Duktus des unfehlbaren Oberlehrers die ganz großen Dinge erklären, scheitert aber schon jämmerlich im Kleinen.

Der Wesensgehalt des Grundgesetzes (Demokratie, Menschenrechte etc.) musste mühsam gegen den hartnäckigen Widerstand des Christentums erkämpft werden. Erst in der Emanzipation vom Glauben lugten die Werte, denen unsere Verfassung verpflichtet ist, hinter dem dumpfen Aberglaube hervor. Das Christentum ist verantwortlich für eine jahrhundertelang währende Zeit der Intoleranz und Bildungsarmut. In jeder Hinsicht ein dunkles Zeitalter. Religion ist heutzutage zum Glück nur noch Folklore. Wenigstens bei uns. Ganz so wie Fastnacht, dennoch glaubt keiner ernsthaft, man dürfe - außer am 11.11. - wirklich die Rathäuser und Regierungszentralen stürmen. Offensichtlich will uns Mosebach aber genau das weismachen. Im Namen Gottes soll man wieder die Bilder stürmen dürfen. Und Bücher zensieren. Schließlich läuft Mosebachs Ansinnen genau darauf hinaus.

Es gibt keinen Gott (egal auf welchen Namen ihn die Menschen getauft haben), das sind lediglich orientalische Märchen. Und man hat das Recht, nicht an orientalische Märchen glauben zu müssen, das nennt man gemeinhin negative Religionsfreiheit. Die beinhaltet zudem das Recht, orientalisch Märchen auch als solche bezeichnen zu dürfen. Außerdem: Wo nichts ist, kann man nichts beleidigen. Mosebachs These, Verbote seien der Kunst "förderlich gewesen", ist haarsträubend. Wo wären wir heute, wenn der Glaube nicht fast zwei Jahrtausende lang die Entwicklung aufgehalten hätte? Bestimmt viel weiter. Der eigentlich kreative Künstler/Denker/Schriftsteller ist der verfolgte Künstler/Denker/Schriftsteller? Es ist unbegreiflich, wie wir das Aufblühen der Kultur im Gottesstaat Iran so lange übersehen konnten. Grotesker kann man in der Tat kaum argumentieren.

Zu Ende gedacht würde Mosebachs Forderung zu einer Talibanisierung Deutschlands führen, weil Blasphemie auslegbar ist. Aus der Sicht von Gläubigen kann darunter praktisch alles fallen. Das öffnet der Willkür Tür und Tor. Keine leere Behauptung, denn das erleben wir ja in anderen Weltgegenden ständig. Wer dahin zurück will, ist im Endeffekt gegen die Demokratie. Dieses Plädoyer für Intoleranz und religiöse Engstirnigkeit in der FR zu lesen, hat mich ehrlich gesagt überrascht. Und ein bisschen peinlich berührt.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 19.06.2012
[2] Wikipedia, Sklaverei, Ideologische Begründungen
[3] Gutenberg.de, Martin Luther, Die Bibel, Josua Kap. 10, Vers 12 und 13
[4] Wikipedia, Newtonsche Gesetze, Erstes newtonsches Gesetz