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16. Juli 2012, von Michael Schöfer
Falsches Rollenverständnis


Noch bevor Joachim Gauck Bundespräsident wurde, bekam er nahegelegt, seine Lebenspartnerin Daniela Schadt zu heiraten. "Der CSU-Familienpolitiker Norbert Geis hat den Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, Joachim Gauck, aufgefordert, baldmöglichst seine persönlichen Lebensverhältnisse zu ordnen. 'Es dürfte wohl im Interesse des Herrn Gauck selbst sein, seine persönlichen Verhältnisse so schnell als möglich zu ordnen, damit insoweit keine Angriffsfläche geboten wird'." [1] "Wilde Ehe im Schloss Bellevue?", fragte auch der Bonner General-Anzeiger. Und: "Ob die beiden nach der Wahl heiraten?" [2] Als ob ein Leben ohne Trauschein heute überhaupt noch erwähnenswert wäre. Geis unterstellte also, Gaucks persönliche Lebensverhältnisse seien nicht "geordnet", bloß weil er mit der Frau, mit der er zusammenlebt, nicht verheiratet ist. Da roch es ziemlich stark nach dem Mief der prüden fünfziger Jahre.

Doch es soll hier gar nicht um die zum Himmel schreiende Rückständigkeit von Norbert Geis gehen, sondern um das Rollenverständnis von Frauen, die mit Politikern verheiratet sind. Man kann die Partnerschaft natürlich wie Hannelore Kohl gestalten, die sich dabei äußerste Selbstdisziplin auferlegte. Aber sie soll auch unter den mit damit verbundenen Einschränkungen sehr gelitten haben. Bei diesem Entwurf spielt die Partnerin buchstäblich eine Rolle, nämlich die des schmückenden Anhängsels. Zumindest nach außen hin trat Hannelore Kohl als eine Frau ohne Eigenschaften auf. Ihr "Beruf" war Kanzlergattin.

Daniela Schadt wird als hochintelligent und als eine "sprachlich ungewöhnlich versierte Kommentatorin" beschrieben. [3] Bis zur Wahl Gaucks war sie Redakteurin bei der Nürnberger Zeitung, zuletzt als Ressortleiterin Innenpolitik. Sie studierte an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt am Main Germanistik, Politik und französische Literatur. Die Entscheidung, von ihrem Job Abschied zu nehmen, sei ihr nicht leicht gefallen. Frühere Redaktionskollegen bezeichneten sie als "analytische Denkerin", "brillante Schreiberin", "Medienprofi" und "Koryphäe in der Russlandpolitik mit Hang zu leidenschaftlichen Kommentaren". Der Abschied ist den Kollegen ebenfalls schwer gefallen, wurde berichtet. [4] Jetzt ist sie keine Redakteurin mehr, sondern nur noch Deutschlands "First Lady" oder, wenn man so will, die "First Freundin" unseres Bundespräsidenten.

Muss das unbedingt sein? Müssen Partnerinnen von hochrangigen Politikern automatisch ihre beruflichen Eigenständigkeit und damit ein Stück Persönlichkeit an den sprichwörtlichen Nagel hängen? Hätte es die Bundesrepublik nicht verkraftet, die Frau an der Seite des Bundespräsidenten weiterhin als engagierte Journalistin zu erleben? Selbstverständlich hat man als Partnerin des Bundespräsidenten protokollarische Pflichten. Doch dem Ehemann Angela Merkels, dem Quantenchemiker Joachim Sauer, gelingt es ja auch, sich dem weitgehend zu entziehen. Von Ausnahmen abgesehen hält er sich lieber im Hintergrund und arbeitet wie bisher als Professor für Physikalische und Theoretische Chemie an der Berliner Humboldt-Universität. Warum geht bei ihm, was bei Daniela Schadt angeblich nicht geht?

Stellen wir uns vor, Schadt würde einen bissigen Kommentar zur Innenpolitik schreiben, eventuell sogar verbunden mit Kritik an der Kanzlerin. Na und? Ginge dadurch die Republik oder etwa das Abendland unter? Käme es zu einem Verfassungskonflikt? Könnten wir es wirklich nicht aushalten, wenn die Lebenspartnerin Gaucks eigenständige Positionen vertreten würde? Im Gegenteil, das dürfte nachts zu interessanten Diskussionen im Schloss Bellevue führen. Bloß zur Erinnerung: Die Bundesversammlung hat einen Bundespräsidenten gewählt, kein Bundespräsidentenpaar. Ein Staatsamt hat nur er, sie hingegen keines. Ergo ist sie im Grunde der Öffentlichkeit gegenüber auch zu nichts verpflichtet, genaugenommen nicht einmal zum "Damenprogramm" bei Staatsbesuchen. Bei einem verwitweten Bundespräsidenten ginge es gewiss ebenfalls ohne. Was sie tut, sollte sie demzufolge freiwillig tun und dabei keinesfalls irgendeinem Erwartungsdruck nachgeben.

Ein anderes Beispiel: Auch Frankreichs Première dame, Valérie Trierweiler, die Lebensgefährtin des französischen Präsidenten François Hollande, ist Journalistin. Offiziell hat sie keine besonderen Rechte oder Pflichten, aber es gibt in der Öffentlichkeit Erwartungshaltungen gegenüber der Frau an der Seite des Mannes im Élysée-Palast. Weil sich Trierweiler per Twitter im Wahlkreis des Départements Charente-Maritime in die Parlamentswahl eingemischt und dort nicht die PS-Kandidatin Ségolène Royal, sondern den Parteirebellen Olivier Falorni unterstützt hat (der den Wahlkreis auch gewann), sprach man in Frankreich von "Skandal", "Eklat" oder der "Tweetweiler Affaire". Da Royal Hollandes Ex-Frau ist, hat das Ganze höchstwahrscheinlich einen privaten Hintergrund, vermutlich können sich Trierweiler und Royal einfach nicht ausstehen. Das soll in den besten Familien vorkommen. "Künftig werde ich es mir dreimal überlegen, bevor ich etwas twittere", hat Trierweiler jetzt versprochen, nachdem man schon über ein irreparables Zerwürfnis zwischen ihr und Hollande spekulierte. Die Presse macht daraus einen "Rüffel für 137 Zeichen" (Der Tagesspiegel), spricht von einem "Machtwort Hollandes" (Stern) und titelt "Hollande stutzt First Lady zurecht" (Frankfurter Rundschau). Sie gelobe Besserung, heißt es allenthalben.

Da ist es wieder: Die Frau an seiner Seite als unmündiges Anhängsel, offenbar darf sie sich - privat oder politisch - keine eigene Meinung erlauben. Und obgleich wir bekanntlich im Jahr 2012 leben, habe ich darüber keine ablehnenden Kommentare gelesen. Gleichberechtigung, Eigenständigkeit, moderne Lebensentwürfe - alles hinfällig. Fragt François Hollande seine Lebensgefährtin um Erlaubnis, bevor er sich äußert? Natürlich nicht, schließlich ist er der vom Volk gewählte Präsident Frankreichs. Aber die Presse scheint es vollkommen in Ordnung zu finden, wenn Trierweiler Hollande fragen soll oder sich wenigstens zurückhalten muss. Bloß weil sie seine Partnerin ist? Wo leben wir eigentlich? Im 19. Jahrhundert? Wenn die Gesellschaft im 21. Jahrhundert immer noch das Modell Hannelore Kohl favorisiert, ist die Emanzipation tatsächlich noch nicht Allgemeingut geworden. Würde ein Mann seine Eigenständigkeit aufgeben? Würde er seine Meinung der Partnerin zuliebe hintanstellen? Würde ihn die Presse dazu auffordern? Wohl kaum. Wozu auch, das fände die Gesellschaft bestimmt ganz normal. Ein Mann ist eben ein Mann. Bei Frauen sieht die Sache offenkundig anders aus, von ihnen wird nach wie vor ein gewisses Maß an Unterordnung erwartet. Das ist beschämend und zeugt von einem falschen Rollenverständnis. Wo ist eigentlich der Fortschritt in der Geschlechterfrage geblieben?

Die französische Schriftstellerin Simone de Beauvoir hat bereits 1949 in ihrem Buch "Das andere Geschlecht" behauptet, dass die Unterdrückung der Frau gesellschaftlich bedingt sei ("man ist nicht als Frau geboren, man wird es"). "Beauvoir sagt in diesem Werk (...), dass Frauen von den Männern zum 'Anderen Geschlecht' gemacht worden seien. Dies bedeutet in der existentialistischen Terminologie Beauvoirs, dass sich der Mann als das Absolute, das Essentielle, das Subjekt setzt, während der Frau die Rolle der Anderen, des Objekts zugewiesen wird. Sie wird immer in Abhängigkeit vom Mann definiert. Deshalb hat sie mit stärkeren Konflikten zu kämpfen als der Mann. Wenn sie ihrer 'Weiblichkeit' gerecht werden will, muss sie sich mit einer passiven Rolle begnügen, dies steht aber ihrem Wunsch entgegen, sich als freies Subjekt durch Aktivität selbst zu entwerfen." [5] Wie man sieht, ist das Buch immer noch aktuell. Man sollte es in deutschen und französischen Redaktionsstuben zur Pflichtlektüre machen.

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[1] Focus vom 21.02.2012
[2] General-Anzeiger vom 21.02.2012
[3] General-Anzeiger a.a.O.
[4] Stern-Online vom 19.03.2012
[5] Wikipedia, Das andere Geschlecht, Geschichte und Bedeutung