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01. September 2012, von Michael Schöfer
Immer auf die Kleinen


Die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO bestreikt die Lufthansa. "Es ging uns in den Verhandlungen und Gesprächen der letzten 13 Monaten darum, im Rahmen einer Gesamtlösung den Einzug von Leiharbeitskräften, die Auslagerung von Arbeitsplätzen in billige Personalleasinggesellschaften und die stetige Reduzierung der Grundgehälter zu verhindern, da wir ein solches Unterfangen für nicht mehr vereinbar halten mit dem sozialen Auftrag in unserer Republik und wir bedauern, dass es gemeinsam nicht gelungen ist, diese elementaren Themen gemeinsam zu bewältigen. Nun befinden wir uns in einem Arbeitskampf und wir bitten um Verständnis für diesen." [1] "Angesichts der schwierigen Wettbewerbslage fordern wir einen Beitrag von allen Beschäftigen", sagt dagegen Lufthansa-Passagiervorstand Peter Gerber. [2] Weil die Airline ihre Kosten senken will, sollen die Mitarbeiter u.a. längere Arbeitszeiten in Kauf nehmen.

Geschäftlich geht es der Lufthansa momentan nicht besonders gut, im Jahr 2011 hat der Konzern nämlich ein Minus produziert. Allerdings: "Die operativen Unternehmenszahlen sind unter Berücksichtigung der schwierigen Rahmenbedingungen dennoch ordentlich ausgefallen. Wir haben den Umsatz um mehr als 8 Prozent gesteigert und einen operativen Gewinn von 820 Mio. EUR erwirtschaftet. Unter dem Strich weist der Konzern aber einen Verlust von 13 Mio. EUR aus (...)." [3]

Die vier Vorstandsmitglieder der Lufthansa kassierten 2011 eine Grundvergütung von insgesamt 3,795 Mio. Euro. Inklusive der variablen Vergütungsbestandteile, den Optionsprogrammen und Sonstigen Bezügen (geldwerte Vorteile etc.) kamen so 6,83 Mio. Euro zusammen. 2010 waren es dagegen 2,655 Mio. bzw. 10,781 Mio. Euro. [4] Auffallend ist, dass zwischen 2010 und 2011 die Grundvergütung des Vorstands um 42,9 Prozent anstieg, während die variablen, von der operativen Marge des Lufthansa-Konzerns abhängigen Gehaltsbestandteile um 65,7 Prozent gesunken sind. Der Vorstand hat also rechtzeitig reagiert und sein Augenmerk vorsorglich auf die sicheren Gehaltsbestandteile gelegt. Im Unterschied zu dem, was er der Belegschaft abverlangt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Nach Angaben von UFO hat die Lufthansa in den Tarifverhandlungen beim Gehalt nach Nullrunden in den vergangenen drei Jahren eine Orientierungsmarke von 3,6 Prozent angeboten. Im Gegenzug gibt es freilich eine Vielzahl von Forderungen, die der Flugbegleiter-Gewerkschaft zufolge zu massiven Gehaltsverlusten führen würden. [5] "Das würde sowohl für das Bestandspersonal als auch für zukünftige Beschäftigte 20 bis 30 Prozent weniger Geld bedeuten", beklagt UFO-Chef Nicoley Baublies. [6] Kein Wunder, wenn sich bei der Urabstimmung 97,5 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder für den Streik entschieden haben. [7] Es ist wie in vielen Tarifkonflikten: Immer auf die Kleinen. Peter Gerbers Forderung, einen Beitrag von ALLEN Beschäftigten zu verlangen, ist nur die halbe Wahrheit. Der Vorstand wurde davon großzügigerweise ausgenommen. Und auch die Aktionäre durften sich über einen warmen Geldregen freuen: Trotz des negativen Konzernergebnisses hat man fürs vergangene Geschäftsjahr eine Dividende von immerhin 114,5 Mio. ausgeschüttet.

Der Vollständigkeit halber wäre noch nachzutragen: Für den Konzernverlust von 13 Mio. Euro war vor allem die Tochter British Midland Airways (bmi) verantwortlich. Doch das beruhte schließlich auf einer falschen Kaufentscheidungen des Vorstands. Im Oktober 2008 stockte die Lufthansa ihre Beteiligung bei bmi auf 80 Prozent der Aktien auf, im November 2009 übernahm sie die restlichen 20 Prozent. [8] "British Midland zählt pro Jahr rund zehn Millionen Passagiere. Sie verfügt über elf Prozent aller Start- und Landerechte am Londoner Flughafen Heathrow und gilt deshalb als strategisch interessant. Für die Aufstockung ihres Anteils zahlt Lufthansa jetzt einen dreistelligen Millionenbetrag", hieß es damals. [9] Im Dezember 2011 hat man die ehedem "strategisch interessante" British Midland, die seit der Vollübernahme Verluste in Höhe von 315 Mio. Euro einflog, schon wieder abgestoßen. [10] Wie man liest, unter Inkaufnahme von weiteren Verlusten. Anders ausgedrückt: Der Vorstand hat sich bei der Übernahme grandios verspekuliert.

Warum sollen immer nur die Arbeitnehmer die Zeche für die Fehler des Managements zahlen? Die Kranich-Airline hat bereits die Streichung von 3.500 Arbeitsplätzen angekündigt. "Die Einschnitte sind nach Ansicht des Managements nötig, da die Lufthansa in Europa mit Billigfliegern wie Ryanair oder easyJet konkurriert, die dank niedriger Kosten hohe Gewinne einfliegen." [11] Gewiss, das Fluggeschäft ist sensibel und dessen Verlauf von vielen Variablen abhängig. Doch ob sich der deutsche Marktführer überhaupt in Richtung Billig-Airline bewegen soll und dadurch gesunden wird, ist mehr als fraglich. Richtig schlecht (siehe oben) geht es der Fluggesellschaft ja nicht. Ausgerechnet im vermeintlichen Krisenjahr 2011 hat die Lufthansa-Gruppe mit 106,3 Mio. beförderten Fluggästen einen neuen Rekord aufgestellt (das war eine Steigerung von 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). [12] Die Lufthansa ist bei den Passagieren also beliebter denn je. Von ihr erwartet man aber gemeinhin besseren Service, als ihn Ryanair & Co. je anbieten könnten respektive anbieten wollen. Ob man das vergleichsweise hohe Niveau durch massive Gehaltskürzungen bei der Belegschaft und den Einsatz von Leiharbeitern hält, darf bezweifelt werden. Am Ende könnte sogar der ausgezeichnete Ruf des Unternehmens Schaden nehmen.

Dass Manager ihr Unternehmen an die Wand fahren, ist bekanntlich nie auszuschließen. Opel war in den sechziger und siebziger Jahren einmal der zweitgrößte Autobauer Deutschlands. Dann kam ein gewisser José Ignacio López und mit ihm Qualitätsprobleme und Imageverluste. Der traurige Rest ist bekannt. Die Traditionsfirma kämpft zwar noch ums Überleben, von der früheren Herrlichkeit sind indes bloß Erinnerungen geblieben. Leider sind es auch hier im Wesentlichen die Arbeitnehmer, sprich die Kleinen, die die Zeche zahlen. Doch das muss ja nicht immer so bleiben.

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[1] UFO vom 29.08.2012
[2] Frankfurter Rundschau vom 29.08.2012
[3] Lufthansa, Geschäftsbericht 2011, Seite 18, PDF-Datei mit 6,2 MB
[4] Lufthansa, Geschäftsbericht 2011, Seite 206
[5] UFO vom 17.08.2012
[6] Stern.de vom 31.08.2012
[7] UFO vom 08.08.2012
[8] Wikipedia, British Midland Airways, Übernahme durch Lufthansa
[9] Der Tagesspiegel vom 23.06.2009
[10] Spiegel-online vom 22.12.2011
[11] Die Zeit-online vom 28.08.2012
[12] Lufthansa, Pressemeldung vom 11.01.2012