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17. September 2012, von Michael Schöfer
Dann kann man gleich alles verbieten


Machen wir uns nichts vor: Die Empörung in der islamischen Welt über das Mohammed-Video ist für radikale Kräfte doch nur eine willkommene Gelegenheit, erneut Gewalt anzuwenden und sich als Hüter des wahren Glaubens zu profilieren. Wer partout beleidigt sein will, wird immer irgendeinen Anlass finden. Schon allein das Internet ist voll von durchaus beabsichtigten Beleidigungen. Wollte man auf jede mit Gewalt reagieren, gäbe es nie wieder Ruhe, würden ständig Botschaften oder Flaggen brennen. Und wollte man alles verbieten, was auch nur im Ansatz von irgendjemand irgendwie als Beleidigung interpretiert werden könnte, gäbe es keine Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit mehr. Mensch und Affe haben einen gemeinsamen Ahnen? Eine Beleidigung des Schöpfers! Eine Verunglimpfung der heiligen Schrift! Eine schändliche Herabsetzung des Ebenbild Gottes!

Außerdem haben wir uns inzwischen leider angewöhnt, mit unterschiedlichen Maßstäben zu messen. Das Satire-Magazin Titanic zog in "Die undichte Stelle ist gefunden" den Papst gehörig durch den Kakau. Na und? Das mag vielleicht geschmacklos sein, dennoch ist das Ganze von der hierzulande üblichen Meinungsfreiheit gedeckt. Zumindest bis das Bundesverfassungsgericht etwas anderes entscheidet. Aber hätte das Magazin auch Mohammed in ähnlicher Weise attackiert? Wohl kaum. Allerdings weniger aus Überzeugung als aus Furcht. Die berühmt-berüchtigte Schere im Kopf. Christen fanden den Film "Das Leben des Brian" ebenfalls ziemlich anstößig, aber haben wir ihn deshalb aus den Kinos verbannt? Natürlich nicht. Und das vollkommen zu Recht. Bei einem ähnlich satirischen Film "Das Leben des Mohammed" wäre das eventuell anders. Wenigstens zur Zeit. Freilich nicht wegen des Inhalts, sondern wegen den befürchteten Gewalttaten.

Ob der rechtspopulistischen Splitterpartei Pro Deutschland die Meinungsfreiheit heilig ist, darf bezweifelt werden. In anderen Ländern, etwa Ungarn, sehen wir ja, was mit der Meinungsfreiheit passiert, sobald Rechtspopulisten an der Macht sind. Trotzdem gilt hier der fälschlicherweise Voltaire zugeschriebene Satz: "Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen." (In Wahrheit stammt er von der englischen Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall.) Selbstverständlich will Pro Deutschland mit der angekündigten Filmvorführung des Mohammed-Videos provozieren, aber ist das nicht genau das, was wir gemeinhin unter Meinungsfreiheit verstehen: Wenn auch die, deren Meinung wir ablehnen, ihre Meinung frei äußern dürfen? "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." (George Orwell) Wollen wir dieses freiheitliche Prinzip aufgeben? Wollen wir die Demokratie opfern und der Gewalt weichen? Dann können wir eigentlich gleich kapitulieren.

Die Muslime sollten lernen, die Meinungsfreiheit zu achten und auf Beleidigungen gelassener zu reagieren. Nicht umgekehrt, dass wir aus Angst die Meinungsfreiheit einschränken. Dem Papst haben wir ja die Scheiterhaufen, auf denen vor ein paar hundert Jahren zweifellos die gesamte Titanic-Redaktion gelandet wäre, auch ausgetrieben. Heute muss selbst der "Stellvertreter Jesu Christi" vor die weltlichen Gerichte ziehen, falls er sich beleidigt fühlt. Die historische Rückständigkeit der islamischen Welt ist m.E. hauptsächlich auf die bislang ausgebliebene Säkularisierung zurückzuführen. Die rigide Unterdrückung der Meinungsfreiheit lässt keine geistig fruchtbare Atmosphäre entstehen. Entsprechend sieht dort die ökonomische Lage aus: kaum Erfindungen, kaum Patente, kaum eigenständige Industrie, große technologische Abhängigkeit vom Ausland. Fast nicht zu glauben: Die Araber waren einst führend in der Wissenschaft, doch das ist lange her. Ohne das Öl würden viele arabische Staaten ein unbeachtetes Dasein am Rande der Weltgeschichte fristen. Die "Arabellion" ist zwar eine Chance, jedoch nur, wenn sie zu mehr, nicht zu weniger Freiheit führt. Diese Freiheit muss zwangsläufig beinhalten, sogar den Glauben infrage stellen zu dürfen. Andernfalls kommen die unterdrückten Völker nie aus dem allzu engen Korsett vorgegebener Meinungen heraus.

Wenn Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) die Vorführung des provokanten Schmähfilms über den Propheten Mohammed "mit allen rechtlich zulässigen Mitteln" verhindern will, zieht er demzufolge genau die falsche Konsequenz. Dann kann man gleich alles verbieten, weil sich - siehe oben - immer irgendeiner beleidigt fühlt. Doch wo kämen wir da bloß hin?