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19. September 2012, von Michael Schöfer
Überflüssig wie ein Kropf


Manchmal hat man den Eindruck, in puncto Religion haben alle ihren Verstand an der Garderobe abgegeben. Nein, ich rede ausnahmsweise nicht von den Muslimen, die sich über das krude Mohammed-Video empören und mit blinder Gewalt antworten (im Gegensatz zu vielen, die sich jetzt echauffieren, habe ich es mir wenigstens auf YouTube angesehen). Ich rede vielmehr von den Christen. Die gibt es, man mag es kaum glauben, nämlich auch noch. Und bei denen wird genaugenommen ähnlich hanebüchener Unsinn erzählt.

Kürzlich habe ich zum Beispiel mit einem Theologen korrespondiert, der behauptete, Jesus sei gekreuzigt worden. Das sei Fakt, denn das stehe nicht nur in der Bibel, das würden auch "andere Schriften von damals" berichten. Meines Wissens ist die Bibel jedoch die früheste Quelle, die Jesus erwähnt. Und Zirkelschlüsse der Marke "Die Bibel hat recht, das steht in der Bibel" sind in meinen Augen unzulässig. Dass die Evangelien, wie die Kirche behauptet, "unter dem Beistand des Heiligen Geistes abgefasst" wurden, ist schließlich kein Beweis. Stichhaltige Belege: Fehlanzeige. Ich fragte ihn deshalb, welche anderen Schriften das wären, und er antwortete: Flavius Josephus habe im "Jüdischen Krieg" die Kreuzigung Jesu erwähnt.

Schauen wir uns kurz die Fakten an: Flavius Josephus ist im Jahre 37 oder 38 geboren, da war Jesus, sofern es ihn wirklich gab, bereits tot. Josephus hat seine Schrift vom jüdischen Krieg in den Jahren 75 - 79 n.Chr. geschrieben, er kann folglich gar kein Zeitzeuge gewesen sein und hat das Ganze bestenfalls aus zweiter oder dritter Hand erfahren. Das Testimonium Flavianum, in dem Jesus angeblich namentlich erwähnt wird (es existieren unterschiedliche Versionen, über deren Echtheit man streitet), ist sogar erst 93 n.Chr. veröffentlicht worden. Glaubt man der christlichen Legende, wurde Jesus 30 oder 31 nach unserer Zeitrechnung hingerichtet - also gut 60 Jahre und mindestens zwei Generationen vor Josephus' Bericht. Nach heutiger Auffassung sind die Evangelien des Neuen Testaments im Zeitraum zwischen 70 und 100 n.Chr. niedergeschrieben worden. [1] Frühere schriftliche Überlieferungen sind bis dato unbekannt, weshalb man in der dazwischenliegenden Phase von einer mündlichen Überlieferung der Geschehnisse ausgehen muss. Übrigens etwas, das zur damaligen Zeit im Orient durchaus üblich war.

Allerdings geht in einer Kultur, in der die Geschehnisse nur mündlich überliefert werden, einiges verloren bzw. wird vieles hinzugedichtet. Stellen Sie sich vor, man müsste heute, knapp 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, über dessen Verlauf berichten und hätte dafür nur mündliche, aber keinerlei schriftliche oder filmische Berichte zur Verfügung. Da gäbe es bestimmt ebenfalls Probleme. Das Vorhandensein gegenteiliger schriftlicher Belege hat ja beispielsweise Günther Oettinger nicht davon abgehalten, einen Marinerichter namens Hans Filbinger nachträglich zum Widerstandskämpfer zu erklären. Laut Oettinger war das NSDAP-Mitglied kein Nationalsozialist. "Er war ein Gegner des NS-Regimes", behauptete der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident in seiner berühmt-berüchtigten Trauerrede über seinen Amtsvorgänger. In einer Kultur mündlicher Überlieferungen wäre er damit vielleicht sogar durchgekommen.

Und nun das: "War Jesus verheiratet", wird gefragt. Hochinteressant (Achtung: Ironie!). "Eine Harvard-Professorin entdeckt ein Dokument aus dem vierten Jahrhundert und befeuert damit die Debatte über eine mögliche Ehe Jesu." [2] "Der Text sei vermutlich eine Abschrift eines ursprünglich in Altgriechisch verfassten Evangeliums aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts." Bei Google News gibt es derzeit schon 197 Nachrichtenartikel, die sich mit dieser extrem wichtigen Frage beschäftigen. Doch der - zumindest nach außen hin - keusche Männerbund im Vatikan kann ruhig weiterschlafen, das Ganze ist genau besehen keine Aufregung wert. Denn was kann - falls echt - ein Papyrus-Schnipsel aus dem vierten Jahrhundert, das überdies "vermutlich" nur eine Abschrift aus dem zweiten Jahrhundert ist, beweisen? Nichts! Gar nichts! Vor 300 Jahren wurde in Preußen Friedrich II. geboren. Bei ihm steht zwar fest, dass er verheiratet war, aber er soll die Ehe nie vollzogen haben. Ungeachtet der wesentlich besseren Quellenlage diskutiert man noch immer, ob der "Alte Fritz" womöglich homosexuell veranlagt war (was im Gegensatz zu seiner Kriegslüsternheit und Judenfeindlichkeit keine Schande wäre).

Über die Ehe eines Menschen zu diskutieren, von dem man gar nicht weiß, ob er vor 2000 Jahren überhaupt existierte, ist bizarr. Aber ohne groß nachzudenken wird das Ganze zum vermeintlichen Sensationsfund aufgeblasen. Doch orientalische Märchen sind in meinen Augen genauso real wie die der Gebrüder Grimm. Nämlich gar nicht. Die Diskussion darüber, ob Jesus verheiratet war oder wenigstens Sex hatte, ist also müßig. Mit einem Satz: So überflüssig wie ein Kropf.

Postskriptum: Genau das ist der entscheidende Unterschied: Hätte ich einen ähnlichen Artikel über Mohammed geschrieben, müsste ich jetzt wohl im mein Leben fürchten. "Freiheit, des hoaßt koa Angst habn vor neamands." (Konstantin Wecker in Willy)

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[1] Wikipedia, Evangelium (Buch), Die vier neutestamentlichen Evangelien
[2] Frankfurter Rundschau vom 19.09.2012