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20. Dezember 2012, von Michael Schöfer
Morgen soll ja die Welt untergehen...


...bloß weil vor was weiß ich wie vielen Jahren den Mayas das Papier ausging und sie gerade kein neues Blatt mehr für ihren Abreißkalender zur Verfügung hatten. Das hat irgendjemand bemerkt und daraufhin flugs die Apokalypse prophezeit. "Oh, der Kalender endet? Dann muss zwangsläufig auch die Welt enden." Ist doch absolut logisch, oder nicht? Wahrscheinlich war es ein Schriftsteller, der - im Gegensatz zu den Mayas - zwar jede Menge leeres Papier vor sich liegen hatte, aber gerade keine anderen kreativen Einfälle besaß. "Weltuntergang? Verkauft sich bestimmt gut", wird er gedacht haben. Und dabei hatte er nicht einmal unrecht.

Aber hinter dem Hype um den Weltuntergang stecken vielleicht auch notleidende Reiseveranstalter. Ins südfranzösische Dorf Bugarach verirrten sich bislang kaum Touristen, doch da dort morgen angeblich Ufos Überlebende retten, ist diese Flaute behoben. Jedenfalls vorläufig. 80.000 Sitzplätze soll das Ufo anbieten, entsprechend hoffnungsvoll blickt der örtliche Tourismusmanager auf den nahenden Weltuntergang. Ich wage die Prognose: Die Übernachtungsmöglichkeiten in Bugarach werden restlos ausgebucht sein. Die Gastwirte jubeln gewiss ebenfalls, schließlich wollen die Überlebenden vorher noch etwas essen und trinken, Ufo-Reisen dauern ja mitunter Lichtjahre.

Auch an einem Berg im Südosten Serbiens gibt es keine freien Betten mehr. Am Rtanj werden zwar keine Ufos erwartet (selbst bei den Aliens sind die Transportkapazitäten offenbar begrenzt), aber wenigstens soll der Berg mit wohltuenden elektromagnetischen Strahlen Menschen vor dem Weltuntergang schützen. Die Hotels seien brechend voll, heißt es. "Wohltuend" im Zusammenhang mit Strahlung ist übrigens ein Begriff, den die Serben vom japanischen Energieversorger Tepco abgekupfert haben. Allerdings haben sich dessen Strahlen vor fast zwei Jahren als nicht ganz so wohltuend herausgestellt.

Paradox: In Deutschland kaufen die Leute wie wild Weihnachtsgeschenke, obgleich die Welt drei Tage vorher im Orkus verschwinden soll. Eigentlich total sinnlos, das Geld hätte man sich sparen können. Keine Ahnung, wie der Einzelhandelsverband das nun wieder hingekriegt hat. Vermutlich hat er den Leuten erfolgreich eingeredet, dass hemmungsloser Materialismus die bösen Weltuntergangswellen zurückdrängen kann. Und was geschah? Die Kaufhäuser waren voller denn je! Phänomenal.

Jetzt bekommt man eine Ahnung davon, wie Religionen entstanden sind. Da hat auch irgendjemand irgendetwas aufgeschrieben und Tausende haben es erstaunlicherweise geglaubt. Frappierende Parallele: Die meisten Religionen haben eine Apokalypse anzubieten, das gehört bei ihnen gewissermaßen zum Standardprogramm. Seitdem geht die Welt auch tatsächlich unter - immer wieder aufs Neue. Und das wird sich, zumindest solange die Welt existiert, wohl kaum ändern. Wovon sonst sollen die Weltuntergangspropheten denn künftig leben? Aber ich gehe jede Wette ein: Den richtigen Weltuntergang sagt niemand voraus, der kommt eines Tages bestimmt völlig überraschend um die Ecke geschlichen. Auf leisen Sohlen nähert er sich und schlägt dann erbarmungslos von hinten zu.

Apropos leise. Um welche Uhrzeit morgen die Welt untergehen soll, ist leider unbekannt. Darum ein kleines Anliegen: Lieber Weltuntergang, bitte mit Deiner Arbeit nicht vor 8 Uhr beginnen, denn ich möchte zumindest noch einmal ausschlafen dürfen. Mehr Wünsche habe ich eigentlich nicht. Ach, und falls Du es irgendwie einrichten kannst, sei rechtzeitig bis zur Tagesschau fertig, die Berichte über die Geretteten interessieren mich brennend, das will ich keinesfalls verpassen.

Postskriptum: Falls Sie, werte Leserinnen und Leser, diesen Text sehen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie einen der 80.000 Sitzplätze ergattert haben und gerade durch die Galaxis düsen. Können Sie sich mal kurz bei Ihrem Sitznachbar erkundigen, wohin es überhaupt gehen soll?