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22. Dezember 2012, von Michael Schöfer
Hat Gott einen Schniedel?


Verbotenes, das weiß jeder, übt einen besonderen Reiz aus. Die Kirche hat es schon seit Jahrtausenden meisterhaft verstanden, die dem Menschen innewohnenden Triebkräfte mit Verboten zu belegen. Der Klerus vergeudet bis heute einen Gutteil seiner Energie mit der Frage, wer, wann, wo und unter welchen Umständen Sex haben darf. Wenn überhaupt! Sex muss nach Auffassung der Kirche streng reglementiert bleiben. Er wurde von ihr sowieso nur geduldet, weil er zum Fortbestand der Menschheit unvermeidlich war. Ein notwendiges Übel also. Ironischerweise hat die Kirche Sex hierdurch nur interessanter gemacht, aber damit auch viel Leid erzeugt.

Sexualität ist, egal in welcher Kombination, zwangsläufig mit einem bestimmten Geschlecht verbunden. Ob hetero- oder homosexuell - immer ist irgendein Geschlecht daran beteiligt. Die grundlegendste biologische Einteilung der Menschen ist die in Mann und Frau. Ob Mann und Frau gleichberechtigt sind, ist theologisch umstritten. Zumindest in der katholischen Kirche dürfen Frauen kein Priesteramt ausüben. Das habe Gott so gewollt, heißt es. Die evangelische Kirche sieht das jedoch anders. Wie dem auch sei, jedenfalls hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder die Diskussion um die Geschlechterfrage vor kurzem dadurch bereichert, dass sie ausdrücklich von "das Gott" sprach. "Der bestimmte Artikel in 'der liebe Gott' habe aus ihrer Sicht nichts zu bedeuten, so Schröder. 'Man könnte auch sagen: Das liebe Gott.'" [1]

Jeder kann sich vorstellen, was nun bei den Christdemokraten und Christsozialen los ist. "Gott ist uns von Christus als Vater offenbart. Dabei sollte es bleiben", schimpft etwa Norbert Geis (CSU). [2] Nur zur Einordnung: Das ist der, der Joachim Gauck Anfang des Jahres nahelegte, "seine Lebensverhältnisse zu ordnen", weil der damalige Bundespräsident-Kandidat nicht geschieden war, aber seit Jahren mit seiner Partnerin Daniela Schadt zusammenlebte. Doch Schröder erntet in der Union nicht nur von Geis Unverständnis. Dabei hat sie theologisch betrachtet durchaus recht, denn Papst Benedikt XVI. alias Joseph Aloisius Ratzinger hat in seiner Biografie Jesus von Nazareth festgestellt: "Natürlich ist Gott weder Mann noch Frau." [3] Gott ist, falls es ihn wirklich geben sollte, also in der Tat "das Gott", der alte Mann mit dem Rauschebart demzufolge eine theologisch nicht begründbare bildliche Darstellung. Anders ausgedrückt: Gott hat keinen Schniedel.

Nun liegt es nahe zu fragen, warum sich die Kirche dann überhaupt so intensiv mit der Geschlechterfrage (und allem was damit zusammenhängt) beschäftigt, wenn die Geschlechterfrage offenbar selbst dem Oberbefehlshaber (Gott) ziemlich gleichgültig ist. Ob wir beim Sex Kondome benutzen oder miteinander verheiratet sind, dürfte ihm dann ebenfalls völlig schnuppe sein. Nur die Kirche macht darum ein großes Brimborium. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben 1848 im Manifest der Kommunistischen Partei: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" In der Kirche haben sich dagegen die Verklemmten versammelt. Würde der Klerus von seiner rigiden Sexualmoral ablassen und die Tabuisierung der Lust beenden, hätte er bestimmt viel weniger mit Missbrauchsskandalen zu kämpfen.

Die Diskussion um "der liebe Gott" oder "das liebe Gott" ist ohnehin vollkommen irrelevant, denn wahrscheinlich gibt es gar keinen Gott. Folglich ist jede Aufregung darüber vergebene Liebesmüh. Aber falls es wider Erwarten doch einen geben sollte, hätte er an der Diskussion gewiss seine helle Freude. "So erhaben, so groß ist, so weit entlegen der Himmel! Aber der Kleingeist fand auch bis dahin den Weg." (Friedrich Schiller)

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[1] Die Zeit-Online vom 18.12.2012
[2] Frankfurter Rundschau vom 21.12.2012
[3] Süddeutsche vom 21.12.2012