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01. Januar 2013, von Michael Schöfer
Gedenkt den Athenern


Die Geburtsstunde der Demokratie schlug bekanntlich im antiken Athen. Und schon damals konnte man politische Mechanismen erkennen, die sich über fast 2.500 Jahre hinweg kaum geändert haben. So wurde uns beispielsweise u.a. durch den Historiker Thukydides der Verlauf des Peloponnesischen Krieges (431 v. Chr. bis 404 v. Chr.) überliefert. Sechs Jahre nach Kriegsbeginn waren im Grunde alle Beteiligten ermattet, es gab daher eine reelle Chance auf Frieden, die jedoch durch Dummheit und Hybris zunichtegemacht wurde. Was war passiert? Im Sommer 425 siegten die Athener in der Schlacht von Sphakteria über die Spartaner, wobei 120 spartanische Hopliten in Gefangenschaft gerieten. Sparta bot daraufhin Frieden an, der allerdings von den Athenern unter Kleon verhindert wurde. Nikias, der innenpolitische Widersacher Kleons, trat vergeblich für eine Verständigung mit Sparta ein. Die Athener wähnten sich durch den taktischen Vorteil des Augenblicks bereits auf der Siegerstraße, das hat sie gegenüber den strategischen Risiken blind werden lassen. Man war dem Frieden so nah, dennoch ging der Krieg anschließend mehr als zwei Jahrzehnte lang mit unverminderter Härte weiter. Wie allseits bekannt endete der Peloponnesische Krieg nach einigem Hin und Her mit dem Sieg Spartas. Athen musste schließlich 404 v. Chr. kapitulierten. Damit war das goldene Zeitalter des klassischen Griechenlands vorüber - und die Kapitulation Athens gleichbedeutend mit dem Anfang vom Ende der ersten antiken Demokratie. Wäre Athen 21 Jahre zuvor klug beraten gewesen und hätte es die sich bietende Friedenschance ergriffen, wäre das Ganze womöglich anders ausgegangen.

Das Grundmuster, den rettenden Ausweg glasklar vor Augen zu haben, ihn aber - warum auch immer - nicht zu beschreiten, verfolgt die Menschheit bis heute. Die Geschichte ist geradezu gepflastert mit vergebenen Möglichkeiten. Oft mit fatalen Folgen. Das jüngste Beispiel unserer Tage ist Japan. Nach dem Supergau von Fukushima am 11. März 2011 beschloss die japanische Regierung folgerichtig den Atomausstieg. Zwar bloß schrittweise spätestens bis zum Jahr 2040, aber immerhin. Es bot sich also die verlockende Chance, wie Deutschland künftig stärker auf regenerative Energieträger zu setzen. Und es bestehen wohl keinerlei Zweifel, dass ein Hochtechnologieland wie Japan die Energiewende realisieren könnte. Doch nach dem erdrutschartigen Wahlsieg der konservativen LDP im Dezember 2012 folgt nun wie befürchtet der Ausstieg vom Ausstieg. Der neue japanische Ministerpräsident Shinzo Abe hat nämlich gerade den Bau von Kernkraftwerken angekündigt. "Diese neuen Reaktoren würden sich komplett von denen im Unglückswerk Fukushima Daiichi unterscheiden, sagte er am Montag bei einem Besuch der Anlage." [1] Mit anderen Worten: Die geplanten Reaktoren seien selbstverständlich viel sicherer als die havarierten von Fukushima. Selbstverständlich! Hatte man früher nicht ebenfalls hoch und heilig versprochen, alle Kernkraftwerke seien absolut sicher? Das erinnert ein bisschen an die Waschmittelwerbung, da war die Kleidung schon vor 30 Jahren "weißer als weiß", danach wurde sie trotzdem "reiner als rein". Kompletter Nonsens zwar, aber offenbar recht wirkungsvoll.

Ob man die Lage an den havarierten Reaktoren von Fukushima wirklich unter Kontrolle hat, ist ungewiss. Von der Beseitigung der bislang entstandenen Schäden durch die freigesetzte Radioaktivität ganz zu schweigen. Und nebenbei bemerkt ist Japan immer noch auf der Suche nach einem Endlager für seinen hochradioaktiven Abfall. Geht es nach dem Willen der neuen japanischen Regierung, wird auch ab 2040 weiterer Atommüll anfallen, von dem man aber noch gar nicht weiß, wo er am Ende landen soll. Würden Sie in ein Flugzeug steigen, dessen Zielflughafen noch nicht einmal in Planung ist? Wohl kaum. Bei der Atomkraft ist so etwas völlig normal. Übrigens weltweit.

Wie im Peloponnesischen Krieg hatten die Japaner gewissermaßen die Wahl zwischen Krieg (Bau von weiteren Kernkraftwerken) und Frieden (Ausstieg aus der Atomenergie). Angeblich gibt es in der Bevölkerung eine Mehrheit für den Atomausstieg, dessen ungeachtet wurde die bekanntermaßen atomkraftfreundliche LDP an die Macht gewählt. Shinzo Abe der moderne Kleon, der sein Volk sehenden Auges in den Untergang führt? Japan wird mit den Folgen des GAU vom 11. März 2011 wahrlich noch genug zu kämpfen haben, ein erneuter GAU könnte freilich das Land in seiner Existenz als moderne Industriegesellschaft gefährden. Und dass Japan eine seismische Risikozone ist, dürfte mittlerweile Allgemeingut sein. "Japan liegt an der geologischen Bruchzone von vier tektonischen Platten der Erdkruste: die Nordamerikanische Platte im Norden, die Eurasische Platte im Westen, die Philippinische Platte im Süden, die Pazifische Platte im Osten, die sich mit einigen Zentimetern pro Jahr gegeneinander bewegen. Teile der Pazifischen Platte schieben sich dort unter die Kontinentalplatte Eurasiens, was zu Vulkanismus und häufigen Erdbeben führt." [2] "Kaum ein anderer Flächenstaat ist dermaßen von Naturkatastrophen bedroht wie Japan. (...) Der Inselstaat liegt mitten in dem von Vulkanismus und Erdbeben bedrohten pazifischen Feuerring. Jedes Jahr werden in Japan durchschnittlich 1450 Erdbeben registriert. (...) Die gesamte Pazifikküste Japans ist durch Tsunamis gefährdet. Tsunamis können aber auch durch weit entfernte Seebeben entstehen. Knapp 40 der mehr als 200 Vulkane [des pazifischen Feuerringes] sind aktiv." [3] Der Ausstieg vom Ausstieg kommt daher einen Vabanquespiel gleich. Und nach den Erfahrungen vom 11. März 2011 ist so eine Politik nur noch als ausgesprochen dumm zu bezeichnen.

Gedenkt den Athenern: Sie hatten gleichfalls die Wahl, leider haben sie die falsche getroffen. Genau das könnte auch Japan blühen.

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[1] Der Standard vom 31.12.2012
[2] Wikipedia, Japan, Geologie
[3] Diercke, Japan - Naturrisiken