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08. Januar 2013, von Michael Schöfer
Der Tag der Rücktritte


Gestern war der Tag der Rücktritte:

In Baden-Württemberg ist Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) zurückgetreten. Sie hat es in nicht ganz zwei Jahren geschafft, die traditionell SPD-nahe Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nachhaltig zu verprellen. Als Mitte Dezember die schwarz-gelbe Opposition einen Entlassungsantrag stellte, stärkte ihr Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) noch demonstrativ den Rücken. "Diese Ministerin hat einen schweren Job", sagte er in einer turbulenten Landtagssitzung, sie könne mit ihren Aufgaben keinen Beliebtheitspreis einfahren - das sei eine Tatsache, der Entlassungsantrag wäre daher absurd. Kretschmann warf der Opposition vielmehr blanken Populismus vor. Nun behauptet der SPD-Landesvorsitzende und Finanzminister Nils Schmid plötzlich, die Ministerin habe den Rückhalt in der SPD und der Gesellschaft verloren. Im Übrigen sei der Rücktritt freiwillig erfolgt. Mal ehrlich: Wer glaubt denn das? Niemand!

Hartmut Mehdorn, der Ex-Bahn-Chef, ist nun auch als Chef der Fluggesellschaft Air Berlin zurückgetreten. Amtszeit: 15 Monate. Früher wollte Mehdorn die Bahn gewissermaßen zur Fluglinie transformieren, jedenfalls ließ sein damals geplantes Buchungssystem darauf schließen. Es ist nicht bekannt geworden, ob Mehdorn nun daran gescheitert ist, die Air Berlin zur Eisenbahn umbauen zu wollen. Es sei die "richtige Zeit für den Führungswechsel" gewesen, behauptet er treuherzig. Mal gespannt, was man in drei Wochen über die wahren Hintergründen lesen wird.

Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin, hat ebenfalls Probleme mit den Fluggesellschaften, die seit Jahren versprochene Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg verzögert sich immer weiter. Wowereit entschloss sich daher zu einem halben Rücktritt - als BER-Aufsichtsratschef, Bürgermeister will er jedoch bleiben. Das ist schon ein bisschen schizophren, finden Sie nicht? Erwartungsgemäß ist gestern überdies Bettina Wulff von ihrem Christian zurückgetreten. Burgwedel ist eben doch etwas anderes als Bellevue.

Was für ein Tag also. Vier Rücktritte auf einmal, das kommt selten vor. Ist doch klar, warum gestern nicht auch gleich der Philipp Rösler zurückgetreten ist, bei dem ganzen Tohuwabohu wäre seine Partei wahrscheinlich - zumindest medial - untergegangen. Und das will sich der gute Rösler für einen passenderen Termin aufheben. Gelegenheiten dazu wird es ja 2013 noch mehr als genug geben.