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07. Februar 2013, von Michael Schöfer
Der Eindruck täuscht gewaltig


"Die Reallöhne, das heißt die preisbereinigten Bruttomonatsverdienste, stiegen in Deutschland im Jahr 2012 im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 0,6 %. Nach + 1,0 % im Jahr 2011 und + 1,5 % im Jahr 2010 ist dies der dritte Anstieg in Folge", meldet das Statistische Bundesamt. [1] Natürlich ist es positiv, wenn die Reallöhne steigen. Allerdings sollte der Anstieg in den vergangenen drei Jahren nicht zu der voreiligen Annahme verleiten, dass die Reallöhne heute höher wären als vor 20 Jahren. Der Eindruck täuscht nämlich gewaltig. Genau besehen ist das Gegenteil der Fall, man muss beim Statistischen Bundesamt bloß ein bisschen intensiver nach den entsprechenden Daten suchen.

Bezieht man die Veröffentlichung "Verdienste und Arbeitskosten, Reallohnindex und Nominallohnindex, 3. Vierteljahr 2012" [2] mit ein, die die Zeitreihe ab 1991 umfasst, zeigt sich schnell, dass die Reallöhne auch 2012 immer noch deutlich niedriger liegen als 1992. Der Reallohnindex ist heute 1,9 Punkte niedriger als 20 Jahre zuvor. Mit anderen Worten: Wir müssen erst noch einiges aufholen, um überhaupt wieder auf den Stand kurz nach der Wiedervereinigung zu kommen.

Verheerender kann die Bilanz von zwei Jahrzehnten neoliberaler Politik eigentlich kaum ausfallen, insbesondere wenn man die in diesem Zeitraum erzielten Außenhandelsüberschüsse berücksichtigt (von Januar 1992 bis November 2012: 2.262,7 Mrd. Euro). [3] Deutschland ist zweifellos äußerst erfolgreich, aber der Wohlstand geht an denen, die ihn in den Betrieben erwirtschaften, nahezu spurlos vorüber. Und da klingt es in den Ohren der Arbeitnehmer wie Hohn, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt "Deutschland geht es so gut wie nie zuvor" [4] oder "Deutschland geht es gut" [5]. Falls Merkel Deutschland mit denjenigen gleichsetzt, die von Unternehmens- und Vermögenseinkommen leben, hat sie sicherlich recht. Sollten allerdings, was anzunehmen ist, zu Deutschland auch die Gehaltsempfänger gehören, liegt sie total daneben. Denn während ein Arbeitnehmer vor zwanzig Jahren brutto noch 100 Euro verdiente, sind es aktuell gerade mal 98 Euro und 10 Cent. Da kann man wohl kaum davon sprechen, es ginge ihm "so gut wie nie zuvor".

Es verwundert daher kaum, wenn hierzulande der Einzelhandel darbt und die Mietpreise in den Ballungsräumen für Normalverdiener schier unerträglich werden. Deutschland könnte es besser gehen, sofern der Wohlstand gerechter verteilt wäre. Und da wir dann auch mehr importieren würden, schließlich könnten sich die Arbeitnehmer mehr erlauben, ginge es unseren europäischen Handelspartnern wahrscheinlich ebenfalls etwas besser. 2012 ist das Bruttoinlandsprodukt unserer wichtigsten Handelspartner innerhalb der EU fast ausnahmslos gesunken, höhere Importe Deutschlands könnten diesbezüglich hilfreich sein. Leider verweist die Kanzlerin an dieser Stelle gerne auf deren angeblich mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, ignoriert aber geflissentlich, dass die deutsche Wettbewerbsfähigkeit gewissermaßen durch Dumpinglöhne erkauft wurde. Die Zahlen der Einkommensstatistik belegen es.

Wäre das deutsche Reallohnniveau entsprechend den außenwirtschaftlichen Erfolgen gestiegen, hätten wir die wirtschaftlichen Ungleichgewichte, unter denen Europa derzeit leidet, abgemildert oder sogar ganz vermieden. Seit der Euro existiert und damit das Auf- und Abwerten der eigenen Währung als Regulierungsmechanismus entfiel, können Ungleichgewichte zwischen den Volkswirtschaften der Eurozone nur noch durch Schuldenaufnahme und/oder Lohnsenkungen korrigiert werden. Das mit der Schuldenaufnahme hat sich zwischenzeitlich, verstärkt durch die Finanzkrise, erledigt. Griechenland, Spanien, Italien und Portugal müssen momentan gezwungenermaßen den anderen Weg einschlagen, sie erleben durch Kürzungen bei den Erwerbseinkommen und Renten einen dramatischen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Folge: Die Wirtschaft bricht ein (nach vorläufigen Zahlen 2012: Griechenland -6 %, Spanien -1,4 %, Italien -2,3 %, Portugal -3 %). [6] Noch ist nicht ausgemacht, ob das auch tatsächlich hilft. Dass Südeuropa je das Produktivitätsniveau von Deutschland erreichen kann, ist fraglich. Es könnte durchaus sein, dass wir uns in ein paar Jahren alle bloß auf einem niedrigeren Wohlstandsniveau wiederfinden.



Jahr Reallohnindex (2010 = 100) Veränderung zum Vorjahreszeitraum in %
1992 103,5 +4,9
1993 103,4 -0,1
1994 102,5 -0,9
1995 103,7 +1,2
1996 103,5 -0,2
1997 101,6 -1,9
1998 101,4 -0,2
1999 102,2 0,7
2000 102,1 0,0
2001 102,1 0,0
2002 102,1 0,0
2003 102,2 +0,1
2004 101,1 -1,1
2005 99,9 -1,2
2006 99,0 -0,8
2007 98,3 -0,7
2008 98,8 +0,5
2009 98,5 -0,3
2010 100,0 +1,5
2011 101,0 +1,0
2012 101,6 +0,6

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[1] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 047 vom 07.02.2013
[2] Statistisches Bundesamt, PDF-Datei mit 358 kb
[3] Statistisches Bundesamt, Zusammenfassende Übersichten für den Außenhandel - endgültige Ergebnisse - Fachserie 7 Reihe 1 - 2011, Excel-Datei mit 1,8 MB und Deutsche Ausfuhren im November 2012 unverändert zum November 2011, Pressemitteilung Nr. 005 vom 08.01.2013, Daten von Dezember 2012 liegen noch nicht vor
[4] Der Tagesspiegel vom 07.09.2011
[5] Süddeutsche vom 31.12.2012
[6] Wirtschaftskammer Österreich, Wirtschaftswachstum, PDF-Datei mit 49 kb


Nachtrag (09.02.2013):
Wie das Statistische Bundesamt am 08.02. in seiner Pressemitteilung Nr. 050 bekanntgab, beträgt der Handelsbilanzüberschuss für das Jahr 2012 (Jan. - Dez.) 188,1 Mrd. Euro, für den Zeitraum von 1992 bis 2012 summiert er sich folglich auf 2.274,6 Euro.