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14. Februar 2013, von Michael Schöfer
Politiker machen sich in der Narrenzeit zum Narren


Ich bin echt froh, kein Politiker zu sein, denn für diesen bedauernswerten Personenkreis habe ich in den letzten Wochen fast schon so etwas wie Mitleid entwickelt. Nein, es geht hier ausnahmsweise mal nicht um Annette Schavan, bei der sich mein Mitleid zugegebenermaßen in engen Grenzen hält. Es geht darum, was Politiker alles mit sich machen lassen. Und darum, was sie, um Begeisterung bei ihren Wählern zu wecken, von sich geben.

Wenn in der Narrenzeit eine buntgekleidete Menschenhorde die Staatskanzleien oder Rathäuser stürmt, zeigt meiner Ansicht nach schon allein das gequälte Lächeln der Ministerpräsidenten und Oberbürgermeister, dass die das in vielen Fällen wohl nur gezwungenermaßen mitmachen. Eben deswegen, weil es halt Tradition hat und man in so einem Amt keinesfalls als Spielverderber gelten darf. Auch Narren sind schließlich Wähler. Wie muss sich etwa Winfried Kretschmann fühlen, wenn er in Riedlingen mit einer, nun ja, sagen wir mal "Bommelmütze" Polonaise läuft? "Kretschmanns haben ein Herz für Narren", heißt es dann. Das glaube ich aufs erste Wort. Ehrlich. Bei Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Herrmann, der sonst gegen alle Widrigkeiten von Stuttgart 21 zu kämpfen hat, passen die giftgrünen Haare sogar zur parteipolitischen Richtung, dennoch kann er sich nur ein verkniffenes Lächeln abringen. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler geht mit Narrenkappe bestenfalls als putzig durch.

Allerdings haben es die Narren in diesem Jahr völlig falsch gemacht: Anstatt Heiner Geißler vors Stockacher Narrengericht zu zerren, hätten sie besser Stefan Mappus angeklagt. Aber der hat wohl momentan mit anderen Gerichten schon mehr als genug zu tun (wobei er vorm Narrengericht vielleicht billiger davonkäme). Selbst Politiker, denen man nachsagt, dass sie in der übrigen Zeit zum Lachen bestimmt in den Keller gehen, lassen in der "fünften Jahreszeit" den Affen mit sich machen. Und genau so sieht es dann auch aus: Beispielsweise Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer als Kleopatra oder Bayerns Finanzminister Markus Söder (laut Seehofer "vom Ehrgeiz zerfressen") als Marilyn Monroe - inklusive Pumps in Größe 47 und aufgeklebten Fingernägeln.

Zum krönenden Abschluss der Narrenzeit quält uns auch noch der Politische Aschermittwoch. Die Redenschreiber müssen wochenlang über möglichst humorvoll klingenden Schlüsselsätzen gebrütet haben. Diesmal ist dabei leider nur das herausgekommen: Dirndlbewunderer Rainer Brüderle sagt beispielsweise: "Willst du Öde in der Bude, hol' dir Pronold, Steinbrück und Ude." Oder über Jürgen Trittin: "Mao trifft Dosenpfand." Der kontert: "Wir versuchen alle, vor allem nach Aschermittwoch, unseren inneren Schweinehund zu überwinden. Die FDP macht ihn zum Spitzenkandidaten." Wie immer setzt Alexander Dobrindt, der Intelligenzbolzen, äh Verzeihung, Generalsekretär der CSU, eine besondere Duftmarke: "Lieber nachts um zwölf Rainer Brüderle an der Hotelbar als Claudia Roth zum Frühstück."

Solche Plattheiten sind natürlich erst nach mindestens drei Maß Bier verkraftbar, aber man hat durchaus den Eindruck, dass die Zuschauer der jeweiligen Parteiveranstaltungen das geforderte Quantum locker erreichen, anders wäre deren Begeisterung auch kaum zu erklären. Wobei der Vollständigkeit halber hinzugefügt werden muss, dass es wahrscheinlich kein Vergnügen ist, mit Dobrindt zusammenzusitzen - weder nachts an der Hotelbar noch morgens beim Frühstück. Es mag ja Politiker geben, die bestrebt sind, intellektuelle Hürden zu überspringen. Alexander Dobrindt hat offenbar keinerlei Probleme, diese konsequent zu unterlaufen.

Liebe Leserinnen und Leser, bitte glauben Sie mir: Ich bin echt froh, kein Politiker zu sein.