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21. Februar 2013, von Michael Schöfer
Wann hat ein Mensch genug?


200 Mrd. US-Dollar soll der libysche Ex-Machthaber Muammar al-Gaddafi, der bei Auslandsreisen im eigens mitgeschleppten Beduinenzelt gerne ostentativ den Bescheidenen spielte, im Laufe seiner Herrschaft beiseitegeschafft haben. Husni Mubaraks Familie wird dagegen bloß auf 40 Mrd. Dollar taxiert. Bei Tunesiens Zine el-Abidine Ben Ali sind es angeblich 13 Mrd. Dollar gewesen. In Tunis zeigt gerade ein Museum, was er und seine Familie dafür gekauft haben: 40 Luxuskarossen (darunter ein Aston Martin, ein Lamborghini Gallardo, ein Ferrari, ein Bentley Continental, ein Mercedes McLaren, ein Maybach 62), Diamanten, Perlen, goldene Statuen und Möbel, brillantbesetzte Uhren, persische Seidenteppiche, Designerhandtaschen, Pelzmäntel, maßgefertigte italienische Schuhe, sündhaft teurer Kitsch etc. [1] Die Mitglieder der einst gefürchteten Herrscherfamilie entpuppten sich als geschmacklose Parvenüs. Frei nach Guido Westerwelle: spättunesische Dekadenz. Die zahlreichen Immobilien Ben Alis sind dort naturgemäß nicht zu besichtigen. Und er verfügt vom saudi-arabischen Exil aus nach wie vor über bedeutende Geldsummen auf diversen Auslandskonten, heißt es.

Abseits von Geschmacksfragen stellt sich natürlich naheliegende die Frage: Wann hat ein Mensch genug? Würde eine Milliarde nicht auch ausreichen? Reichen sogar 100 Millionen? Oder sind Raffkes unersättlich? Ein Durchschnittsverdiener würde sich wohl mit 10 Millionen begnügen und künftig auf den Kanaren sein Leben genießen. Privatier anstatt Maloche am Band. Aber so denken Reiche selten, vielleicht sind sie genau deshalb so reich. Man muss offenbar eine gewisse Grundausstattung mitbringen, um es finanziell bis ganz nach oben zu schaffen: grenzenlose Energie, reichlich Gier, wenig Skrupel und vielleicht auch ein bisschen Geiz. So will es zumindest das Klischee, das aber leider - siehe oben - allzu oft bestätigt wird.

Umso mehr ist der Normalbürger, der sich um steigende Strom- und Mietpreise sorgt, überrascht, wenn Milliardäre die Hälfte ihres Vermögens spenden. Einfach so. "The Giving Pledge" geht auf die Initiative von Bill Gates und Warren Buffett zurück, "bis zum Herbst 2012 haben insgesamt 91 Milliardärsfamilien das Versprechen abgegeben, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden". [2] Nobel, nobel - und von massenhaften Entmündigungsklagen der jeweiligen Erben ist ebenfalls nichts bekannt. Neuester Zugang ist Hasso Plattner, der Mitbegründer des Softwareriesen SAP. Plattners Vermögen wird auf rund 6 Mrd. Euro geschätzt. Sicherlich lässt sich von der Hälfte auch ganz gut leben.

Nun soll man diese Initiative nicht kleinreden, immerhin wären die Milliardäre von der Gesetzgebung her zu nichts von alledem verpflichtet gewesen, insofern gebührt ihnen zweifellos besonderer Dank. Allerdings ist genau das unser Problem. Im karitativen Wirken einiger Superreicher kann nämlich keine Lösung der soziale Frage liegen. Es muss vielmehr darum gehen, den notwendigen sozialen Ausgleich über steuerliche Maßnahmen herzustellen. Vor allem deshalb, weil es dann nicht ins Belieben eines Einzelnen fällt, ob und wo Geld investiert wird. Mit anderen Worten: Es geht um demokratische Mitbestimmung. So lobenswert das Verhalten der Milliardäre ist, es stellt keinen Ersatz für eine vernünftige Steuer- und Sozialpolitik dar. Es geht auch um Gerechtigkeit. Warren Buffett hat ja längst erklärt, seine Besteuerung sei viel zu niedrig, er zahle weniger Steuern als seine Sekretärin.

Man fragt sich sowieso, wohin das Ganze führt. Gewiss, der Großteil der Milliardärsvermögen liegt nicht nutzlos im Banktresor herum, sondern ist überwiegend in Form von Unternehmensanteilen angelegt. Trotzdem stellt sich die eingangs erwähnte Frage: Wann ist es genug? Glaubt man der Forbes-Liste der reichsten Deutschen, besaß Karl Albrecht (Aldi Süd) hierzulande 2004 mit 15,6 Mrd. Euro das größte Vermögen. 2006 war es auf 17 Mrd. angewachsen, 2007 waren es bereits 20 Mrd., und 2012 lag es bei 25,4 Mrd. [3] Schön für Karl Albrecht, doch wird das nicht irgendwann irrational? Macht ihn der Reichtumszuwachs überhaupt noch glücklich, wo er sich doch auch bisher schon alles leisten konnte? Wäre er mit "lediglich" zwei Milliarden todunglücklich und hätte Depressionen? Eine interessante Frage.

Albrecht lebt freilich sehr zurückgezogen und gibt keine Interviews, es ist daher wenig über sein Privatleben bekannt. Angeblich ist er bescheiden (eventuell, wie bei Gaddafi, eine gezielt lancierte Legende). Wie auch immer, jedenfalls ist sein Vermögen für Durchschnittsverdiener gigantisch. Angenommen, man hätte pro Monat 10.000 Euro zur Verfügung (eine keineswegs bescheidene Summe): Selbst wenn man die jeden Monat vollständig ausgeben würde, wären in 80 Jahren - nach einem ganzen Menschenleben - erst 9,6 Mio. weg. Was fängt dann ein Mensch mit einer Milliarde an? Oder mit 25,4 Milliarden? Es ist unfassbar. Und es bleibt - wenigstens für mich - auf ewig ein Mysterium, warum jemand wie Warren Buffett nicht einfach nach der ersten Milliarde aufgehört hat. Es fällt echt schwer, sich in solche Menschen - karitatives Wirken hin oder her - hineinzuversetzen.

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[1] tagesschau.de vom 28.12.2012
[2] Wikipedia, The Giving Pledge
[3] Wikipedia, Liste der reichsten Deutschen