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24. Februar 2013, von Michael Schöfer
Die Hybris des Menschen


Der Mensch überschätzt sich gerne selbst. Er glaubt, alles felsenfest im Griff zu haben, doch genau besehen rieselt ihm vieles durch die Finger. Bestes Beispiel Atomenergie: Einst gepriesen als endgültige und saubere Lösung des Energieproblems, erweist sie sich nun als bleischwere Hypothek. Das Salzbergwerk Asse, in das man von 1967 bis 1978 radioaktive Abfälle hineingekippt hat, ist inzwischen einsturzgefährdet, der Austritt von Radioaktivität in die Umwelt damit sogar wahrscheinlich. Angeblich weiß man nicht einmal genau, was dort unten alles schlummert. Die Zustände waren so haarsträubend, dass die frühere Betreibergesellschaft abgelöst wurde. Die irische See ist mit radioaktivem Abwasser aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sallafield verseucht. Aus Tanks der Plutoniumfabrik Hanford im US-Bundesstaat Washington tritt radioaktive Flüssigkeit aus, es besteht aber nach Angaben des Gouverneurs "keine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung". [1] Die Standardantwort - wie immer in solchen Fällen. Von den GAUs in Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima ganz zu schweigen. Selbst als in Japan schon die Reaktorgebäude in die Luft geflogen waren, haben manche noch beruhigend abgewunken. Aus Dummheit? Aus Naivität? Aus Ignoranz?

Doch die Atomenergie ist nur eines von vielen Feldern, auf dem sich die menschliche Hybris bemerkbar macht. Der Mensch glaubt, in einer endlichen Welt grenzenloses Wachstum garantieren zu können, anders ist sein Wirtschaftssystem gar nicht lebensfähig. Er meint offenbar, die Folgen des Treibhauseffektes seien vernachlässigbar. Einige behaupten immer noch steif und fest, es gebe - allen empirischen Belegen zum Trotz - überhaupt keine von Menschen verursachte Erwärmung der Erdatmosphäre. Auch an die Marktkräfte wird noch gerne geglaubt, obgleich deren Versagen eigentlich offenkundig ist. Ebenso verhält es sich mit dem Dogma des Freihandels. Natürlich ist es auf den ersten Blick vorteilhaft, Billigware aus Asien kaufen zu können. Aber nur, wenn man die sozialen Bedingungen ausklammert, unter denen sie produziert wird. Und in Deutschland hat uns ja gerade ein schockierender Fernsehbericht ein bisschen hinter die glänzende Fassade vom vermeintlich segensreichen Internet-Handel blicken lassen. Das heißt jetzt keineswegs, dass Freihandel und der Vertrieb übers Internet per se schlecht wären, doch es kommt - wie bei Medikamenten - auf die passende Dosis an. Es geht folglich ums richtige Maß. Ohne soziale Mindeststandards ist Freihandel Mist. Ohne klare Arbeitsgesetzgebung und entsprechender Kontrolle führt der Internet-Handel zwangsläufig zu ausbeuterischen Verhältnissen. Ohne Transparenz regieren in Wahrheit die Lobbyisten, neigen Parteien und Politiker zu Korruption.

Zur Hybris des Menschen gehört ebenso die Haltung der Verantwortlichen, dass alles so bleiben könne, wie es jetzt ist. Dabei ist die Welt einem beständigen Wandel unterworfen. Und nichts spricht dafür, dieses Prinzip wäre mittlerweile obsolet. Wer heute am Gestern festhält, hat die Zukunft bereits verschlafen. Der Weg zurück zu den scheinbar guten alten Zeiten, wie ihn beispielsweise die Briten mit ihrem Rückzug in die "splendid isolation" erwägen, ist eine Scheinlösung. Allerdings ist die Alternative nicht weiterwursteln wie bisher. Bundespräsident Joachim Gauck hat recht: "Europa braucht jetzt nicht Bedenkenträger, sondern Bannerträger, nicht Zauderer, sondern Zupacker, nicht Getriebene, sondern Gestalter." [2] Konkreter wollte oder konnte er, vielleicht aus Rücksicht auf seine begrenzte Kompetenz, nicht werden. Doch man muss bloß weiterdenken: Ist es Hybris, ein Europaparlament mit allen Kompetenzen anzustreben, die jedem vollwertigen Parlament zustehen (Initiativrecht, Haushaltsrecht, Gesetzgebungskompetenz etc.)? Ist es Hybris, auf eine Europaregierung zu hoffen, die durch selbiges gewählt wird? Möglicherweise eine Utopie, freilich sind viele ehemalige Utopien heute Realität.

Und so schließt sich der Kreis. Zum Glück ist nicht alles, was der Mensch anpackt, Ausfluss seiner Hybris. Manches wird zudem, im Guten wie im Schlechten, schneller kommen, als man gemeinhin denkt. Zweifellos wird es Rückschläge, unter Umständen sogar Katastrophen geben. Aber irgendwann wird es auch mal wieder besser.

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[1] Focus-Online vom 23.02.2013
[2] Süddeutsche vom 22.02.2013