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28. April 2013, von Michael Schöfer
Was hat das mit Moral zu tun?


Michael Winter sieht die Deutschen unter Druck stehen. Unter moralischem Druck. Und er beginnt in seinem "moralischen Tagebuch" mit folgendem Eintrag: "Mein erster Buchführungstag sieht nicht gut aus: morgens geduscht, ohne das Wasser zwischendurch abzustellen; drei Eier aus Käfighaltung gegessen; das Aktienpaket eines amerikanischen Rüstungskonzerns mit großem Gewinn (Nordkorea) abgestoßen und einen Teil davon in den südamerikanischen Markt investiert (Holz, Mais, Kupfer); für den Rest einen neuen PS-starken Geländewagen bestellt; mit meinem Physiotherapeuten während der Rückenmassage Herrenwitze ausgetauscht und anschließend beschlossen, die FDP zu wählen; wieder mit dem Rauchen angefangen; den Müll nicht getrennt; bei einem Händler unter dem Ladentisch alte 60Watt-Glühbirnen für viel Geld gekauft (…)". [1] "Der Spielraum für private Freiheit in unserer Gesellschaft" werde enger, beklagt er sich und sieht schon an jeder Ecke Moralapostel stehen. "Die Remoralisierung unserer Gesellschaft hat eher etwas mit einer Rückkehr zum Tugendstaat als mit politischer Freiheit zu tun." Von dort ist es für ihn zu Oliver Cromwell und Robespierre nicht mehr allzu weit.

Zweifellos kämpft jede Gesellschaft mit dem Antagonismus von Freiheit und Ordnung. Zu viel Freiheit, sprich Egoismus, bringt, wie wir zuletzt in der Finanz- und Wirtschaftskrise gesehen haben, ganze Gesellschaften an den Rand des Zusammenbruchs. Zu viel Ordnung wiederum, sprich Einschränkung der Freiheitsrechte, lässt Weltreiche erstarren und langsam in Agonie versinken. Unlängst haben wir das bei der Implosion der Sowjetunion miterleben dürfen. Von daher stehen selbst Bürger einer Demokratie, die sich auf die Fahnen schreibt, zwischen den Antagonismen einen friedlichen Ausgleich herstellen zu können, ständig unter einem mehr oder minder ausgeprägten Verhaltensdruck. Doch es handelt sich in den von Winter angeführten Fällen keineswegs um einen, wie er unterstellt, moralischen Druck, sondern vielmehr um den realen Druck der von außen auf die Gesellschaft einwirkenden veränderten Rahmenbedingungen.

Was haben beispielsweise der Geländewagen und die 60Watt-Glühbirne mit Moral zu tun? Nichts. Gar nichts! Moral ist, wie wir unschwer feststellen können, höchst wandelbar. Es unterliegt der jeweiligen Moralvorstellung der Gesellschaft, ob Unverheiratete in einer gemeinsamen Wohnung leben dürfen oder nicht (in den prüden fünfziger Jahren fiel die Antwort anders aus als heute). Es unterliegt der jeweiligen Moralvorstellung der Gesellschaft, ob Homosexuelle ins Gefängnis müssen oder Außenminister einer frei gewählten Regierung werden können. Und es unterliegt der jeweiligen Moralvorstellung der Gesellschaft, ob man sich lebenslange Treue schwört oder in aller Offenheit den Weg der Promiskuität beschreitet. Vieles von dem, was früher als moralisch unabdingbar bezeichnet wurde, gilt in unseren Tagen bestenfalls noch als altmodisch. War Homosexualität in Deutschland bis 1994 unter bestimmten Umständen strafbewehrt, sind die unterschiedlichen Lebensformen heute rechtlich weitgehend gleichgestellt. Und im Grunde ist es auch egal, wer mit wem ins Bett geht. Verstöße gegen die jeweils vorherrschende Moralvorstellung schaden nämlich in Wahrheit niemand.

Im Gegensatz zum CO2-Ausstoß eines Geländewagens, der schadet tatsächlich. So stößt beispielsweise der Porsche Cayenne Turbo S laut Herstellerangaben 270 g/km aus. Zum Vergleich: Beim VW up! des gleichen Konzerns sind es in der BlueMotion-Version lediglich 95 g/km. Es hat überhaupt nichts mit moralischem Druck zu tun, wenn Geländewagenfahrer angesichts dessen mehr und mehr als Umweltdinosaurier in Verruf geraten, denn der CO2-Anstieg in der Erdatmosphäre ist eine objektive Tatsache - mit allen daraus resultierenden Konsequenzen für die Menschheit: Anstieg des Meeresspiegels, Ausdehnung der Wüsten, Wasserknappheit, Probleme für die Landwirtschaft, stärkere Wirbelstürme etc. Es geht daher nicht um eine wie auch immer geartete "Moral", sondern um die unbestreitbaren Folgen einer konkreten Handlungsweise. Mit anderen Worten: Das "sündige Verhalten" der Bewohner Sodom und Gomorras hat der biblischen Legende zufolge zwar Gottes Zorn entfacht, auf den CO2-Ausstoß hat es sich hingegen absolut neutral ausgewirkt. Der gesellschaftliche Druck, den Michael Winter spürt, kommt nicht von der angeblich nahenden Diktatur der Moralapostel, sondern resultiert einzig und allein aus der nicht unbegründeten Angst vor den realen Auswirkungen unseres Handelns auf die Umwelt. Es geht um Vernunft oder Unvernunft, nicht um Moral oder Unmoral. Wer beides gleichsetzt, vergleicht Äpfel mit Birnen und hat offenbar wenig verstanden.

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[1] Süddeutsche vom 27.04.2013, "Anleitungen zum richtigen Leben"