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09. Mai 2013, von Michael Schöfer
Die Phylogenese am Beispiel der Watschelfüße


Die Flosse eines Delphins, so liest man in Wissenschaftsmagazinen, lasse aufgrund ihrer Beschaffenheit Rückschlüsse auf das Element zu, in dem das Tier lebt. Im Rahmen der evolutionären Anpassung habe diese nämlich eine Form angenommen, die dem Wasser und den artspezifischen Lebensumständen des Delphins optimal entspricht. Die Flosse ist quasi ein Gipsabdruck des Wassers, in ihr spiegeln sich dessen Eigenschaften wider. Der schlagende Beweis: Flossen sind fürs Hochgebirge denkbar ungeeignet. (Stöckelschuhe übrigens ebenfalls.) Übertragen auf die Politik heißt das: Wenn die Sozialdemokraten noch ein paar Millionen Jahre lang versuchen, das Kanzleramt zu erobern, müssten ihnen eigentlich bis dahin Watschelfüße wachsen. Bekanntlich lassen deren Protagonisten im Wahlkampf kein Fettnäpfen aus, sie bewegen sich darin buchstäblich wie der Pauschalurlauber im Swimming Pool. Zugegebenermaßen etwas tollpatschig, aber immerhin regelmäßig. Zwei Beispiele aus den vergangenen Tagen:

Fettnapf Nr. 1: Im Falle eines Wahlsiegs will die SPD strafbefreiende Selbstanzeigen für Steuersünder abschaffen, sagte Parteichef Sigmar Gabriel den Stuttgarter Nachrichten. [1] Kanzlerkandidat Steinbrück sah das zunächst anders: "Ich bin dafür, dass das Recht auf Selbstanzeige bleibt", erklärte er gegenüber RBB-Inforadio. [2] Nach heftiger Kritik aus seiner eigenen Partei ruderte er aber schnurstracks zurück und will sie jetzt nur noch teilweise beibehalten: "Wir dürfen kleine Fälle nicht kriminalisieren - die müssen reinen Tisch machen können. Ich bin gerne bereit, eine Bagatellgrenze einzuführen." [3]

Das Publikum reibt sich verwundert die Augen, denn was lernen wir im Internet über Schweizer Bankkonten? "Personen mit Wohnsitz im Ausland (ohne Grenzgänger) können bei vielen Banken ein Konto oft erst ab einer Mindesteinlage von CHF 100.000 - CHF 250.000 eröffnen. Aufgrund der höheren Gebühren für Kunden ohne Wohnsitz in der Schweiz ist eine Bankbeziehung mit einem Guthaben unter CHF 100.000 meist nicht empfehlenswert." [4] Dem gegenwärtigen Wechselkurs zufolge sind das 81.000 bis 200.000 Euro. Andere Quellen nennen sogar Mindesteinlagen von bis zu 500.000 CHF (400.000 Euro). "Kleine Fälle" dürfte es dort also gar nicht geben, ein Schwarzgeldkonto in der Schweiz à la Uli Hoeneß ist daher sicherlich kein Bagatellfall mehr. Die Diskussion ist zudem brandgefährlich, beim Ladendiebstahl gibt es schließlich auch keine Bagatellgrenze. Oder ist Steinbrück bereit, hier ebenfalls eine solche einzuführen? Wohl kaum. Das juristische Novum der strafbefreienden Selbstanzeige gehört deshalb ersatzlos abgeschafft.

Fettnapf Nr. 2: Sigmar Gabriel hält ein Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen für sinnvoll. Peer Steinbrück spricht sich allerdings dagegen aus: "Wir haben auf einem überwiegenden Teil des deutschen Straßennetzes bereits eine Geschwindigkeitsbeschränkung, und ich denke es ist nicht die Zeit, diese Debatte neu zu befeuern." [5]

Im Wahlkampf das neurotische Verhältnis der Deutschen zum "Heilig’s Blechle" anzutasten, ist zweifelsohne ein enormes Risiko. (Hinweis für Berliner Ureinwohner: So nennt der Schwabe scherzhaft sein Auto.) Unabhängig vom Pro und Contra drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Sprechen die sich eigentlich gar nicht ab? Als Laie hat man von Wahlkampfplanung ganz andere Vorstellungen: Da gibt es eine Wahlkampfkommission, die akribisch die Kampagne austüftelt. Und die auch festlegt, was die Parteigranden sagen sollen respektive keinesfalls sagen dürfen. Beispielsweise: "Gerechtigkeit ist gut, Tempolimit ist bäh." Das kapieren selbst Kleinkinder! Außerdem laufen sich die Damen und Herren immer irgendwo, etwa im Deutschen Bundestag oder auf Parteiveranstaltungen, über den Weg und könnten auf diese Weise ihre Aussagen koordinieren: Ich sag' das, und Du sagst jenes. Das Leben kann manchmal so einfach sein. Im Übrigen wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts das Telefon erfunden. Vielleicht sollte sich die SPD von Angela Merkel in der kreativen Nutzung von Handys unterweisen lassen. Die weiß offenbar, wie das geht: Eine Sitzung ohne SMS von Angie? Gibt's gar nicht! Seit das iPad verkauft wird, kann man obendrein bequem vom Fond des Dienstwagens aus E-Mails versenden.

Dass die CDU zuweilen ähnlich derangiert daherkommt wie die SPD, steht auf einem anderen Blatt. Von der FDP ganz zu schweigen. Dort wettert Rainer Brüderle immer noch mit markigen Sprüchen gegen den Sozialismus, obgleich der doch längst untergegangen ist. Müsste man dem Herrn bloß mal sagen. Und wenn die rot-grünen Steuerpläne (Spitzensteuersatz von 49 %) Sozialismus sind, dann waren Adenauer (Spitzensteuersatz von 53 %) und Helmut Kohl (Spitzensteuersatz von 56 %) Gralshüter des Marxismus. Mit anderen Worten: Dirndlbewunderer Brüderle hat uns lediglich substanzlose Spiegelfechtereien anzubieten.

Zurück zu den eingangs erwähnten Watschelfüßen: Die sind zwar kein Allheilmittel gegen Fettnäpfchen, aber wenigstens sinkt man mit ihnen darin nicht mehr bis zur Halskrause ein. Leider ist die Bundestagswahl schon im September 2013, für die evolutionäre Ausbildung von Watschelfüßen würden die Sozialdemokraten jedoch Jahrmillionen benötigen. Ich fürchte, zu diesem Zeitpunkt wird man weder von Peer Steinbrück noch von Sigmar Gabriel überhaupt noch irgendetwas ahnen. Warum Sozialdemokraten Watschelfüße besitzen, wird folglich in ferner Zukunft auf ewig ein ungelöstes Rätsel bleiben. Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel gewissermaßen als "Missing Link" der Phylogenese. Meine exzellenten Artikel wird man hingegen noch in Jahrmilliarden rühmen... Zeitloses ist eben unvergänglich.


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[1] Die Zeit-Online vom 24.04.2013
[2] Frankfurter Rundschau vom 24.04.2013
[3] news aktuell presseportal vom 28.04.2013
[4] schweizer-banken.info, Mindesteinlage / Mindestguthaben
[5] Süddeutsche vom 08.05.2013