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12. Mai 2013, von Michael Schöfer
Den Wald vor lauter Bäumen...


"Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht", sagt eine Redewendung. Aufgrund der Fülle an Details übersehen wir das Große und Ganze. Anstatt nervös von Einzelthema zu Einzelthema zu hasten, müssten wir vielmehr vernetzt denken. In Zusammenhängen eben. Oft gefordert, aber anscheinend selten erreicht. So hat sich zum Beispiel vor kurzem SPD-Chef Sigmar Gabriel erdreistet, ein Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen "für sinnvoll" zu erachten. [1] Übers Land erhob sich sogleich ein mächtiges Geschrei. Tempolimit geht natürlich überhaupt nicht, jedenfalls nicht im autoverliebten Deutschland. Gabriel hat seinen Einwurf zwar mit der geringeren Schwere der Unfälle begründet, aber jeder weiß, dass es auch einen ökologischen Grund gibt. Denn wer in seinem Auto mit Tempo 180 über die Autobahn düst, verbraucht - bei gleicher Wegstrecke - mehr Benzin als mit Tempo 120. Analog zum Benzinverbrauch steigt respektive sinkt nämlich auch der CO2-Ausstoß. Kein Auto verbraucht bei höherem Tempo weniger. Eigentlich eine einfache physikalische Tatsache. Und die ist sogar messbar. Klarer geht’s nicht.

Das umweltschädliche Verhalten unserer Spezies wird seit Jahrzehnten angeprangert. Leider meist vergebens. Stichwort: Treibhauseffekt. Wissenschaftlich ist er im Grunde erwiesen, dennoch gibt es nach wie vor Menschen, die davon nichts wissen wollen. Entweder leugnen sie die Erderwärmung, bagatellisieren deren Folgen oder streiten deren Ursache, das menschliche Handeln, schlichtweg ab. Unser Planet schert sich freilich keinen Deut darum, was einige gerne hätten, sondern nur darum, was tatsächlich ist. Was zählt, sind allein Fakten. Ideologie lässt kein einziges Molekül aus der Erdatmosphäre verschwinden. Es ist dort, selbst wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Und es entfaltet seine Wirkung, auch wenn wir diese geflissentlich ignorieren. Selbst bei denen, die über das Bewusstsein verfügen, mangelt es häufig bei der Umsetzung an den entsprechenden Konsequenzen.

Was den CO2-Gehalt der Erdatmosphäre angeht, haben wir gerade die 400er-Marke geknackt. "Das Observatorium Mauna Loa auf Hawaii meldete eine durchschnittliche Tageskonzentration von 400,03 ppm CO2 in der Atmosphäre. (…) 'Damit wird zum ersten Mal seit 25 Millionen Jahren die 400-ppm-Schwelle überschritten', sagt Jelle Bijma vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. 'Und noch in diesem Jahrhundert werden wir möglicherweise die 500-ppm-Marke knacken, wenn die Politik nicht endlich aktiv wird.'" [2] Angesichts der politischen Trägheit ist der Klimawandel aber unausweichlich. Wir können ihn gar nicht mehr verhindern, höchstens - wenn es gut läuft - begrenzen. Doch momentan läuft er ungebremst weiter.


CO2-Anteil in der Erdatmosphäre, der Anstieg auf 400 ppm vom Mai 2013 ist darin noch nicht enthalten [Quelle: ESRL Global Monitoring Division, Trends in Atmospheric Carbon Dioxide,
Full Mauna Loa CO2 record]

Catherine Hoffmann hat sich kürzlich in der Süddeutschen mit dem Wachstum und den Wachstumskritikern beschäftigt, sie erklärte die Kritik an der Wachstumspolitik kurzerhand zu einer Frage der Moral: "Wir brauchen eine Abkehr, weg vom Wachstum, sagen die Kritiker. Es geht ihnen um mehr als nur die Frage nach dem richtigen Wirtschaftsmodell, es geht ums Ganze: um die Moral." [3] Neuerdings erklärt die SZ in puncto Umwelt offenbar alles zu einer Frage der Moral, denn auch Michael Winter hat dort unlängst Umweltfragen unter dieser Rubrik subsumiert. [4] Haben die Redakteure etwa alle am gleichen Seminar teilgenommen? Wenn ja, dann sollten sie die dort präsentierten Glaubenssätze schleunigst vergessen, denn es geht lediglich um physikalische Vorgänge (Stoff- und Energieumsätze). Was Hoffmann und Winter angesichts dessen mit Jean-Jacques Rousseau wollen, ist mir ehrlich gesagt vollkommen schleierhaft. Ob mehr Güter die Menschen glücklicher machen oder nicht, ist doch im vorliegenden Zusammenhang absolut irrelevant. Relevant ist nur, ob sie mehr Güter verbrauchen. Warum sie das tun und wie sie sich dabei fühlen, ist letztlich unbedeutend.

Wir brauchen Wachstum, behauptet Hoffmann: "Wachstum ist der einzige Weg, Lebensqualität und soziale Sicherheit zu verbessern und dauerhaft zu bewahren." Doch sie schränkt in weiser Voraussicht gleich ein: "Nun ist nicht alles gut, was wächst. Natürlich darf die Welt ihr ressourcenfressendes Wachstum des vergangenen Jahrhunderts nicht fortsetzen und ungezügelt Natur verbrauchen. Aber wer sagt denn, dass dem von Kohle und Öl befeuerten Industriezeitalter nicht eines der grünen Energien aus Wind und Sonne folgt, mit denen ökologisch verträglich Computer, Maschinen und Motoren produziert werden, die mehr leisten als die alten - und doch weniger Strom fressen?" [5]

Allerdings ist genau das unser Problem, denn bislang war Wirtschaftswachstum stets mit einem höherem Ressourcenverbrauch verbunden: Dem Energiekonzern BP zufolge ist der globale Ölverbrauch von 1.512,8 Mio. t im Jahr 1965 auf 4.059,1 Mio. t im Jahr 2011 gestiegen (= +168%), der Gasverbrauch stieg im gleichen Zeitraum von 593,8 Mio. t Öläquivalent auf 2.905,6 Mio. t Öläquivalent (= +389%), der Kohleverbrauch von 1.427,0 Mio. t Öläquivalent auf 3.724,3 Mio. t Öläquivalent (= +161%). Wasserkraft (791,5 Mio. t Öläquivalent) und andere regenerative Energieträger (Wind, Solarenergie, Biomasse, Geothermie, 194,8 Mio. t Öläquivalent) haben am Primärenergieverbrauch (12.274,6 Mio. t Öläquivalent) bislang einen vergleichsweise geringen Anteil von lediglich 8 Prozent. Entsprechend wuchsen die CO2-Emissionen: 1965 waren es noch 11.689,4 Mio. t, 2011 schon 34.032,7 Mio. t. (= +191%). [6] Der Verbrauch nicht-energetischer Rohstoffe ist ebenfalls explodiert, so wurden beispielsweise 1965 5,02 Mio. t Kupfer gefördert, 2010 waren es 16,1 Mio. t. (= +220%). [7] Trotz einer beachtlichen Recyclingquote von 33,8 Prozent steigt der Bedarf noch immer an.





Brauchen wir in einer endlichen Welt wirklich weiteres Wachstum? Vor allem, wenn sich bislang die theoretisch durchaus mögliche Reduktion des Stoffdurchsatzes als reines Wunschdenken entpuppt hat? Nach wie vor gilt: In einer endlichen Welt kann es kein unbegrenztes Wachstum geben. Gewiss, aufs einzelne Produkt bezogen ist der Energieverbrauch tatsächlich gesunken, die Steigerung der Anzahl der Produkte hat diese Einsparungen jedoch überkompensiert. In der Natur sind freilich bloß die Gesamtemissionen relevant. Aber gerade da sieht es düster aus. Wenn die Natur ein auf ewiges Wachstum angewiesenes Wirtschaftsmodell nicht toleriert, liegt der Fehler womöglich nicht an der Natur, sondern wahrscheinlich am Wirtschaftsmodell.

Man fragt sich, ob die Kritiker von Sigmar Gabriel oder die Redakteure der Süddeutschen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr erkennen. Und man möchte ihnen deshalb zurufen: Open your eyes. Denn genau besehen ist ein Tempolimit gar nicht so schlimm. Beim Wachstum (höher, weiter, schneller) kommen einem dagegen schon eher Bedenken.

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[1] Rheinische Post vom 08.05.2013
[2] klimaretter.info vom 10.05.2013
[3] Süddeutsche vom 04.05.2013, Lob des Wachstums
[4] siehe Was hat das mit Moral zu tun? vom 28.04.2013
[5] Süddeutsche a.a.O.
[6] BP, Statistical Review of World Energy 2012, Excel-Datei mit 1,4 MB
[7] 1965: Fischer Weltalmanach 1968, Seite 263; 2010: Fischer Weltalmanach 2013, Seite 656