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19. Mai 2013, von Michael Schöfer
Hellseher


"Es liegt in der Natur von Statistiken, die Vergangenheit abzubilden, und die war zuletzt ausgesprochen düster in der Euro-Zone", stellt die Süddeutsche fest. Doch die Zukunft ist angeblich nicht ganz so schlimm. "Zu einer spürbaren Belebung der Wirtschaft wird es nach Ansicht vieler Volkswirte in diesem Jahr zwar noch nicht kommen. 2014 aber sollen den Prognosen der EU-Kommission zufolge viele Krisenstaaten wieder wachsen, allen voran Irland mit geschätzten 2,2 Prozent. Aber auch Spanien mit seinen zehn Millionen Arbeitslosen soll ein Plus von 0,9 Prozent erwirtschaften. Und selbst Griechenland schafft es laut Brüssel, sein Bruttosozialprodukt nach sechs Rezessionsjahren im kommenden Jahr um 0,6 Prozent zu steigern." [1] Es ist ja beileibe nicht schön, ständig Kassandra spielen zu müssen, deshalb sind gute Nachrichten eine willkommene Abwechslung. Doch Wünsche sind in der realen Welt bedauerlicherweise nicht entscheidend. Worauf es wirklich ankommt, sind vielmehr harte Fakten. Gibt es welche, die den Optimismus der EU-Kommission rechtfertigen?

Zwar werde die "gefühlte Rezession" in den Krisenländern noch länger andauern, aber die "positiven Effekte der Konjunktur" seien in der Regel nur zeitverzögert zu erkennen, sagen ungenannte Analysten der Commerzbank. Voraussetzung: Das Wachstum müsse so nachhaltig sein, dass Firmen wieder Arbeitnehmer einstellen. Es überrascht kaum, dass wir eine Bank, die solche Analysten hat, mit Hilfe des Steuersäckels retten mussten. Bleiben wir einmal beim Beispiel Griechenland. Dort kannte das reale Bruttoinlandsprodukt seit 2008 nur eine Richtung - die nach unten (2008: -0,2 %, 2009: -3,1 %, 2010: -4,9 %, 2011: -7,1 %, 2012: -6,4 %). [2] Für 2013 wird abermals ein Minus von 4,2 Prozent vorhergesagt. Die griechische Volkswirtschaft wird dann seit Ausbruch der Krise um nahezu ein Viertel (23,4 %) geschrumpft sein. Die Rezession ist also keineswegs bloß "gefühlt". Und obgleich in Hellas die Arbeitslosigkeit mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen hat (die Arbeitslosenquote lag bei den unter 24-Jährigen im Februar 2013 bei erschreckenden 64,2 Prozent) [3], soll die griechische Volkswirtschaft im Jahr 2014 gleichsam wie Phönix aus der Asche auferstehen und um 0,6 Prozent wachsen. Behauptet zumindest die EU-Kommission. Ist das realistisch?

Woher der plötzliche Wachstumsschub kommen soll, bleibt allerdings vollkommen schleierhaft. Die Binnennachfrage kann es ja nicht sein. Sehen wir uns die Lohnentwicklung an: Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am (geschrumpften) Bruttoinlandsprodukt ist seit 2008 von 35,6 Prozent auf 33 Prozent im Jahr 2012 gefallen. Für 2013 und 2014 erwartet man einen weiteren Rückgang auf 31,7 bzw. 31,3 Prozent. [4] Doch erst in Euro offenbart sich das ganze Ausmaß der Katastrophe: Die Arbeitnehmerentgelte betrugen 2008 noch 82,9 Mrd. Euro, 2012 lagen sie schon bei 64 Mrd. Euro. Treffen die - wohlgemerkt optimistischen - Prognosen ein, werden sie bis 2014 dennoch auf magere 57,5 Mrd. Euro sinken. Ein Rückgang um happige 30,6 Prozent.

Logische Konsequenz: Die Konsumausgaben der Privathaushalte sind eingebrochen (seit 2008 -15,4 %), die Konsumausgaben des Staates jedoch ebenfalls (seit 2008 -18,6 %). Es soll schließlich gespart werden. Auch die Investitionstätigkeit ist erlahmt (Bruttoanlageinvestitionen seit 2008 -51,6 %). Das hat unvermeidbar negative Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Ein echter Teufelskreis: Die Wirtschaft schrumpft, daraufhin wächst die Arbeitslosigkeit und sinkt die Investitionstätigkeit, was wiederum wegen der abklingenden Nachfrage die Wirtschaft noch stärker schrumpfen lässt. Unausweichliche Folge: Die Arbeitslosigkeit steigt, die Investitionstätigkeit sinkt... Und so weiter und so fort. Die positiven Rückkopplungseffekte ziehen daher den Ägäisstaat immer mehr nach unten.

Bleibt der Rettungsanker Export, die Griechen müssten ja inzwischen wegen den drastisch gesunkenen Löhnen äußerst wettbewerbsfähig sein. Jedenfalls wenn man der Theorie Glauben schenkt. Die Praxis sieht leider ein bisschen anders aus. Die griechischen Exporte von Waren und Dienstleistungen gingen seit 2008 von 56,3 Mrd. Euro auf aktuell 52,3 Mrd. Euro zurück. Kleiner Hoffnungsschimmer: Gegenüber 2011 hat die Ausfuhr im Jahr 2012 um mickrige 61,8 Mio. Euro zugelegt. Und 2013 und 2014 sollen sie laut Prognose auf 53,6 bzw. 55,8 Mrd. ansteigen. Ist das das vielbeschworene Licht am Ende des Tunnels? Griechenland endlich auf dem Weg zur Besserung? Abwarten. Noch klafft in der Leistungsbilanz ein Loch von knapp 10 Mrd. Euro. Und ob die positiven Prognosen angesichts des negativen konjunkturellen Umfelds wirklich eintreffen, steht in den Sternen.

Die klassische Anschubfinanzierung, um aus dem Teufelskreis auszubrechen, nämlich die Erhöhung der Investitionstätigkeit durch Deficit spending, ist genau das, was die "schwäbische Hausfrau" Angela Merkel weiterhin stur ablehnt. Warum also sollten Unternehmen wieder Arbeitnehmer einstellen, das tun die ja nicht aus Spaß an der Freude? Es muss sich auch auszahlen. Und es zahlt sich nur aus, wenn die produzierten Waren und Dienstleistungen irgendwo Abnehmer finden. Ich weiß, ich weiß, jeder hofft auf die Chinesen...

Falls Spanien, Italien oder sogar Frankreich in den fatalen Abwärtssog geraten, wird es wirklich gefährlich. Die griechische Krise ist im Vergleich dazu bloß eine Lappalie. Da das "Europa-aus-der-Krise-sparen" vermutlich nicht funktioniert, wäre es interessant zu erfahren, wie die Berufsoptimisten in Brüssel zu ihren Erkenntnissen gelangt sind. Woher sollen ihrer Meinung nach die Impulse zur Belebung der Wirtschaft kommen? Ich glaube, die haben heimlich einen Hellseher bemüht, der - verbunden mit dem für die Zunft üblichen Getue - tief in seine Glaskugel geblickt hat. Mit diesem sagenumwoben Instrument hat man bekanntlich schon vor Jahrhunderten herumexperimentiert. Bislang leider wenig erfolgreich. Und das dürfte sich unterdessen kaum geändert haben. Somit wird wie gehabt fieberhaft nach einem gangbaren Ausweg aus dem von Finanzmarktakteuren angerichteten Schlamassel gesucht.


Ist das der ominöse Hellseher, der einen Beratervertrag mit der EU-Kommission zu haben scheint?
[Quelle: Wikimedia Commons, Bild ist public domain]


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[1] Süddeutsche vom 16.05.2013
[2] Eurostat, Wachstumsrate des realen BIP - Volumen, Veränderung gegenüber dem Vorjahr (%)
[3] Süddeutsche vom 09.05.2013
[4] Eurostat, Arbeitnehmerentgelt zu jeweiligen Preisen in Prozent des BIP