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25. Mai 2013, von Michael Schöfer
Die Untiefen der Statistik


"Deutsche kaufen ein wie lange nicht", melden die Gazetten. "Die ungewöhnlich gute Kauflaune der Bundesbürger hat Deutschland im Frühjahr vor dem Absturz in die Rezession bewahrt. (…) Der Konsumklimaindex der Marktforschungsgesellschaft GfK für Juni übertrifft (...) die ohnehin hohe Prognose für Mai und erreichte den höchsten Wert seit fast sechs Jahren. Gleichzeitig fiel die Sparneigung auf einen historischen Tiefstand." [1] Das soll suggerieren: Die Deutschen plündern ihre Sparkonten und geben sich hemmungslos dem Kaufrausch hin.

Nun muss man bei derartigen Meldungen erfahrungsgemäß höchst misstrauisch sein, denn allzu oft entpuppte sich der vermeintliche "Kaufrausch" am Ende als "Kaufflaute". Das wurde an dieser Stelle schon häufiger beklagt. [2] Leider sind - neben den notorisch optimistischen Regierungspolitikern - Journalisten offenbar die Einzigen, die den Jubelmeldungen absolut unkritisch gegenüberstehen. Es erstaunt immer wieder aufs Neue, wie einseitig und unvollständig sie Fakten interpretieren respektive darstellen. So auch jetzt.

Liebe Leserinnen und Leser, wir sind uns hoffentlich darüber einig, dass bei der Beurteilung ökonomischer Sachverhalte schwammige Begriffe wie "Kauflaune" nichts zu suchen haben, sondern dass es einzig und allein auf nüchterne Zahlen ankommt. Auf Euro und Cent also. Denn was nützt die angeblich sprudelnde Kauflaune, wenn die Menschen in Wahrheit an den Kassen der Händler weniger Geld ausgeben? Nichts! Von Begriffen wie "Kauflaune" oder "Kaufrausch" kann sich niemand etwas kaufen. (Höchstens die Konsumforscher, die von ihrem in Serie produzierten Unsinn offenbar gut leben können.)

Doch selbst bei den vollkommen leidenschaftslosen Fakten muss man genauer hinschauen. Oder wenigstens "sollte man". Unglücklicherweise gelingt auch das nicht jedem. Die aktuelle Jubelmeldung "Deutsche kaufen ein wie lange nicht" geht nämlich auf eine Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes zurück. "Positive Impulse kamen im Vorquartalsvergleich fast ausschließlich von den privaten Konsumausgaben; sie stiegen zum Jahresbeginn preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,8 %", steht dort. [3] Die Betonung liegt jedoch auf "Vorquartalsvergleich".

Im "Vorjahresvergleich" sieht das Ganze nämlich ein bisschen anders aus: "Die privaten Konsumausgaben waren um 0,4 % niedriger als im ersten Quartal 2012." Die Deutschen kaufen ein wie lange nicht? Von wegen. Die Süddeutsche verwechselt offenkundig "Vorquartal" mit "Vorjahresquartal", denn im Widerspruch zur Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes heißt es in der SZ fälschlicherweise: "Wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte, legte der private Konsum im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 0,8 Prozent zu." Richtig wäre aber "im Vergleich zum Vorquartal" gewesen. Ein keineswegs unbedeutender Unterschied.

Schaut man sich die Statistik näher an, stellt sich Folgendes heraus:

Preisbereinigt sind die privaten Konsumausgaben des ersten Quartals 2013 gegenüber dem ersten Quartal 2012 um 0,39 % zurückgegangen (von 101,97 auf 101,57 Indexpunkte). [4]

Lediglich "preis-, saison- und kalenderbereinigt" sind die privaten Konsumausgaben des ersten Quartals 2013 gegenüber dem ersten Quartal 2012 um 0,63 % gestiegen (von 105,57 auf 106,23 Indexpunkte). [5] Hinzuzufügen wäre: nach Census X-12-ARIMA.

Denn um Ihre Verwirrung komplett zu machen, ausschlaggebend für das Ergebnis ist das statistische Verfahren, das man verwendet. Es gibt nämlich noch eins: "Preis-, saison- und kalenderbereinigt nach BV4.1" sind die privaten Konsumausgaben des ersten Quartals 2013 gegenüber dem ersten Quartal 2012 um 0,37 % gestiegen (von 105,70 auf 106,09 Indexpunkte). [6] Die Differenz der beiden Verfahren macht immerhin 0,26 Prozentpunkte aus, demnach sprechen wir hier über rund eine Milliarde Euro Umsatz.

Ich fasse zur besseren Übersicht zusammen. Wir finden beim Statistischen Bundesamt in Bezug auf die Konsumausgaben der privaten Haushalte drei voneinander abweichende Angaben:
a) preisbereinigt
danach sind die Konsumausgaben gegenüber dem Vorjahresquartal um 0,39 % gesunken

b) preis-, saison- und kalenderbereinigt nach X-12-ARIMA
danach sind die Konsumausgaben gegenüber dem Vorjahresquartal um 0,63 % gestiegen

c) preis-, saison- und kalenderbereinigt nach dem Berliner Verfahren in der Version BV4.1
danach sind die Konsumausgaben gegenüber dem Vorjahresquartal um 0,37 % gestiegen
Tja, liebe Leserinnen und Leser, das sind eben die Untiefen der Statistik. X-12-ARIMA und BV4.1 sind überdies bloß Schätzwerte, die der besseren Vergleichbarkeit dienen.

Die Statistiker versuchen, der Wirklichkeit möglichst früh auf die Spur zu kommen. Erst später, wenn die tatsächlichen Einnahmen der Händler feststehen, sind Angaben über die Konsumausgaben verlässlich. Deshalb werden die Zahlenreihen des Statistischen Bundesamtes mitunter noch nach Jahren berichtigt. Das Bundesamt erläutert: "Bei der Beurteilung der Konjunkturlage leisten sowohl die Trend-Konjunktur-Komponenten wichtiger makroökonomischer Reihen als auch die nur von Saison- und ggf. Kalendereinflüssen bereinigten Ausgangsdaten wertvolle Dienste. Bei ihrer Interpretation ist grundsätzlich zu beachten, dass die Schätzungen der Zeitreihenkomponenten am Reihenende naturgemäß mit gewissen Unsicherheiten behaftet sind. Hierfür sind zwei Ursachen verantwortlich. Einerseits sind die den Analysen zugrundeliegenden Beobachtungswerte am aktuellen Reihenende häufig nur vorläufig und werden im Zeitablauf noch korrigiert, andererseits revidieren die Analyseverfahren zurückliegende Ergebnisse auch ohne eine Änderung der Zeitreihenwerte eine gewisse Zeit lang, wenn zusätzliche Reihenwerte in die Analyse einbezogen werden können." [7]

Bestenfalls liegt bei der Süddeutschen eine sprachliche Ungenauigkeit vor. Und zwar dann, wenn sie mit "im Vergleich zum Vorjahr" das letzte Quartal 2012 gemeint haben sollte. Bei statistischen Gegenüberstellungen ist aber mit "im Vergleich zum Vorjahr" üblicherweise "im Vergleich zum Vorjahreszeitraum" gemeint. Auf der derzeit vorliegenden Grundlage davon zu sprechen, die Deutschen würden "kaufen wie lange nicht", halte ich jedenfalls für ziemlich gewagt. Nochmal: Preisbereinigt verzeichnen wir gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Minus von 0,39 Prozent.

Außerdem mahnt die Vergangenheit zur Vorsicht: "Die privaten Konsumausgaben in Deutschland sind von 2000 bis 2012 preisbereinigt um 7,2 % gestiegen", sagt das Statistische Bundesamt. [8] Macht im Durchschnitt pro Jahr magere 0,55 Prozent. Wo ist denn die turnusmäßig gemeldete hohe Kauflaune der vergangenen Jahre geblieben? Hat sie sich etwa in Luft aufgelöst? Offensichtlich. So viel zur realistischen Einschätzung der Lage.

Bedauerlicherweise erinnert sich im schnelllebigen Chronistengeschäft nach ein paar Monaten niemand mehr an frühere Falschmeldungen. Am wenigsten die Journalisten selbst, denn ich prophezeie: Spätestens im November wird man in den Gazetten wieder den Worten "Kauflaune" oder "Kaufrausch" begegnen. In jenem Monat geben nämlich GfK und HDE ihre Prognosen fürs Weihnachtsgeschäft und die Aussichten aufs kommende Jahr zum Besten. Meist stellen sie sich zwar später als irreführend heraus, aber sie erfüllen in den Augen der Hellseher einen psychologischen Effekt. 50 Prozent der Wirtschaft sollen ja auf Psychologie beruhen. Das heißt: Die Wirtschaft profitiert vom Optimismus der Menschen. Der Hintergedanke ist: Wenn ich fest daran glaube, dass andere ihr Geld buchstäblich zum Fenster hinauswerfen, öffne ich vielleicht ebenfalls generös meine Geldbörse. Menschen sind schließlich, wie man nicht erst seit gestern weiß, folgsame Herdentiere. Wenigstens in der Regel.

Mehr auf dem Boden der Tatsachen stehende Beobachter sagen allerdings, es komme hauptsächlich darauf an, was den Menschen tatsächlich an Geld zur Verfügung steht. Und ich darf Ihnen gestehen, dass ich der zuletzt genannten Schulmeinung zuneige. Mit anderen Worten: Es ändert nichts, gerne von Kauflaune zu sprechen und dann überraschend festzustellen, dass man einer Fata Morgana aufgesessen ist. Man tappt bloß jedes Jahr aufs Neue in die gleiche Falle. Eine Falle namens "Hoffnung". Die stirbt zwar bekanntlich zuletzt, aber allein damit ist natürlich kein Staat zu machen. Es kommt demzufolge darauf an, auch die richtigen Konsequenzen zu ziehen, sprich die zur Verfügung stehende Kaufkraft zu erhöhen. Und das geht nur über eine deutliche Erhöhung der Reallöhne, insbesondere im mittleren und unteren Bereich (Stichwort: Konsumquote). Aus diesem Grund brauchen wir endlich den gesetzlichen Mindestlohn und eine Steuerreform, wie sie die Grünen vorgelegt haben.

Wie dem auch sei, wir werden wohl erst gegen Ende 2013 oder im Laufe des nächsten Jahres wirklich wissen, wie hoch die Konsumausgaben des ersten Quartals 2013 waren. Wäre ich Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, hätte ich die Lage bei den Konsumausgaben differenzierter dargestellt. Bei BILD wäre niemand über eine derart tendenziöse Schlagzeile verwundert gewesen. Aber bei der "Nr. 1", der "größten überregionalen Qualitäts-Tageszeitung Deutschlands" (SZ-Eigenwerbung)?

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[1] Süddeutsche vom 25.05.2013
[2] siehe zum Beispiel:
"Wartet erst mal ab..." vom 02.05.2007
oder "Warum machen Journalisten das mit?" vom 23.12.2008
oder "Dichtung und Wahrheit" vom 04.05.2009
oder "Alljährlich grüßen die Kaffeesatzleser" vom 02.03.2013
[3] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 174 vom 24.05.2013
[4] Statistisches Bundesamt, Fachserie 18 Reihe 1.2, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Inlandsproduktsberechnung, Vierteljahresergebnisse, 1. Vierteljahr 2013, Tabelle 3.5 Konsum preisbereinigt, PDF-Datei mit 360 kb
[5] Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Inlandsproduktsberechnung, Saisonbereinigte Vierteljahresergebnisse nach Census X-12-ARIMA und BV4.1, Tabelle 2.3.4 Konsum preisbereinigt, PDF-Datei mit 451 kb
[6] Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Inlandsproduktsberechnung, Saisonbereinigte Vierteljahresergebnisse nach Census X-12-ARIMA und BV4.1, 3.3.4 Konsum preisbereinigt, PDF-Datei mit 451 kb
[7] Statistisches Bundesamt, Zeitreihenanalyse, PDF-Datei mit 87 kb
[8] Statistisches Bundesamt, Schlaglicht