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17. Juni 2013, von Michael Schöfer
Anlass, den Sozialismus zu loben


Heute, an dem Tag, an dem wir dem Volksaufstand in der ehemaligen DDR gedenken, gibt es kurioserweise Anlass, den Sozialismus zu loben - und zwar für die Bewahrung des Potemkinschen Dorfes. Angeblich soll es ein Russe erfunden haben, ein gewisser Feldmarschall Reichsfürst Grigori Alexandrowitsch Potjomkin, Vertrauter und Günstling der russischen Zarin Katharina der Großen. Zweifellos alles andere, bloß kein Sozialist. Der Legende nach wurden Katharina und adeligen Besuchern aus ganz Europa im Jahr 1787 auf einer Schiffsreise Dörfer präsentiert, die im Wesentlichen aus Pappfassaden bestanden. Menschen sollen entlang der Fahrtstrecke von Dorf zu Dorf gekarrt worden sein, um als vermeintliche Einwohnerschaft den hohen Herrschaften zuzujubeln. Verantwortlich für das Schmierentheater: Grigori Alexandrowitsch Potjomkin. Ich bin aber ziemlich sicher, dass es auch schon vor 1787 geniale Blender gegeben hat, die allerdings von der überlieferten Weltgeschichte schnöde ignoriert wurden.

Es ist, wie gesagt, nur eine Legende. Die nachfolgenden Ereignisse sind hingegen verbürgt. Und nun kommen endlich Erich Honecker und der Sozialismus ins Spiel. 1983 hat man, um nur ein Beispiel zu nennen, in Eisenach vor dem Besuch des damaligen Staatsratsvorsitzenden eigens die Fassaden der Häuser getüncht - sogar die von baufälligen, eigentlich zum Abbruch vorgesehenen. In den Fensterhöhlen wurden Gardinen aufgehängt, um Leben vorzutäuschen.

Bei diversen Anlässen fanden natürlich auch Berufsjubler Verwendung, beispielsweise 1981 beim Staatsbesuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt. Honecker fuhr zusammen mit Schmidt nach Güstrow: "Die Staatschefs wurden durch Stasi-Mitarbeiter von den Bewohnern Güstrows vollständig abgeschirmt. Gemäß den Vorstellungen Honeckers inszenierten sie das Bild 'eines glücklichen Volkes in heimeliger Adventsstimmung'. Die meisten 'Besucher des Weihnachtsmarktes' waren in Zivil gekleidete Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, welche die Aufgabe hatten, auf dem Weihnachtsmarkt eine festliche Atmosphäre zu verbreiten und Erich Honecker zuzujubeln." [1]

Kein Wunder, dass Honecker die DDR bis zuletzt zu den führenden Wirtschaftsnationen der Erde zählte und den Protest des Volkes ignorierte. Am 14. August 1989 tönte er voller Selbstbewusstsein: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf." Zwei Monate danach musste Honecker zurücktreten, und im darauffolgenden Jahr hauchte die Deutsche Demokratische Republik ihr Dasein aus.

Was ist daran lobenswert, werden Sie vielleicht fragen. Tja, außer dem Grünpfeil hat im Grunde nur noch das Potemkinsche Dorf das Ende der DDR überdauert. Honecker sei Dank. Und wo ist es geblieben? Der Westen hat's übernommen. Genauer: Der Ort "Belcoo" in Nordirland. In der Nähe findet nämlich gerade der G8-Gipfel statt. Eine arme Gegend, die in den vergangenen Jahrzehnten schwere Zeiten durchmachte. 15 Kilometer von Belcoo entfernt treffen sich in einem 5-Sterne-Hotel die Staats- und Regierungschefs von Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Russland, Großbritannien und den USA. Der britische Premier David Cameron hat sich aus diesem Anlass offenbar wohlwollend an den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR erinnert, denn Cameron hat Belcoo kurzerhand in Eisenach verwandelt:

"Mit Fotoplakaten schummelt sich die nordirische Region fürs G8-Gipfeltreffen schön: Leerstehende Läden werden zu scheinbar florierenden Geschäften. (…) Prall gefüllte Regale, reichhaltige Auslagen, eine einladend offene Tür - so hübsch haben die Läden in Belcoo an der Grenze zwischen Nordirland und der Irischen Republik schon lange nicht mehr ausgesehen. (…) Rasch vorbeifahrenden Journalisten, Delegationen und Gipfeltouristen soll offensichtlich entgehen, dass die bis unter die Dachsparren mit Ware vollgestopften Läden nur ein Fake sind." [2]

Aus einer alten Apotheke wurde mit ein bisschen Klebefolie ein Schreibwarengeschäft, der Parmaschinken an der Metzgerei Flanagan's ist genauso wenig echt wie das vollbesetzte Restaurant oder das Schuhgeschäft. [3] Ohne das segensreiche Wirken Honeckers wäre so etwas kaum möglich gewesen. Wladimir Putin wird gewiss Bauklötze staunen und seine Entourage gehörig zusammenstauchen: "Warum kriegen wir das nicht hin, Sergej Andrejewitsch?" Der wird bekümmert auf den Fall der Mauer verweisen und erwidern: "Wladimir Wladimirowitsch, wir hatten bislang nur den Auftrag, Wahlen zu fälschen."

Und wenn es dann abends im Luxushotel "Lough Erne" etwas weniger steif zugehen soll, werden Merkel, Obama und Cameron wahrscheinlich "ihrem lieben Wladimir Wladimirowitsch" mit den Worten "Vom Sozialismus lernen heißt siegen lernen" zuprosten. Augenzwinkernd, versteht sich. Der Rest geht dann seinen gewohnten Gang: Die Staats- und Regierungschefs handeln wortreiche, aber leider völlig wirkungslose Gipfelbeschlüsse aus. Wachstum, Wohlstand, Arbeitsplätze, Frieden etc. Potemkinsche Dörfer eben, schöne Kulisse fürs geneigte Publikum. Ach, wenn das doch bloß der Erich noch erlebt hätte...

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[1] Wikipedia, Güstrow, Neuere Zeit 1933–2000
[2] ZDF vom 17.06.2013
[3] Süddeutsche vom 15.06.2013