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24. Juni 2013, von Michael Schöfer
Untergang des Abendlandes erneut verschoben


In den sechziger Jahren galt hierzulande noch der Kuppeleiparagraph: "Wer gewohnheitsmäßig oder aus Eigennutz durch seine Vermittlung oder durch Gewährung oder Verschaffung von Gelegenheit der Unzucht Vorschub leistet, wird wegen Kuppelei mit Gefängnis nicht unter einem Monat bestraft." Man konnte dadurch sogar die bürgerlichen Ehrenrechte verlieren. Unter "der Unzucht Vorschub leisten" verstand das Strafrecht beispielsweise die Tolerierung des vorehelichem Geschlechtsverkehrs. Hätte man damals einem Richter die heutigen Verhältnisse geschildert, hätte er gewiss die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, "Sodom und Gomorra" geschrien und kurz vor dem Herzinfarkt etwas vom Untergang des Abendlandes geblubbert.

Die Zeiten waren hart: Unverheiratete leben in einer gemeinsamen Wohnung? Der Untergang des Abendlandes! Rock ’n’ Roll, Miniröcke und Antibabypille? Der Untergang des Abendlandes! Dr. Sommer bei der "Bravo" und schulterlange Haare? Der Untergang des Abendlandes! Ab und zu einen Joint reinziehen? Der Untergang des Abendlandes! Doch das war, wie wir heute wissen, alles Kappes. Das Abendland geht noch nicht einmal unter, wenn Männer Männer und Frauen Frauen heiraten. Eigentlich geht das Abendland nie unter, egal was passiert, seien die "Verfehlungen" gegen Gott oder die Natur auch noch so schlimm. Das Einzige was untergeht, sind allein unsere Vorurteile. Deshalb wird das Abendland die kreischenden und barbusigen Feministinnen von Femen wahrscheinlich ebenso unbeschadet überstehen.

"Auffallen" war von jeher das Motto der Provokateure. Manchmal koste es, was es wolle. Natürlich gingen sie den Normalos stets gehörig auf den Wecker. Die satte Zufriedenheit der Wohlstandsbürger ist durch die Konfrontation mit dem Kollaps festgefügter Weltbilder aufs höchste irritiert, zwangsläufige Folge ist große Verunsicherung. Genau das ist schließlich das Ziel der Provokateure. "Nackte Brüste zu zeigen ist weder feministisch noch radikal – es ist idiotisch", meint dagegen "Die Zeit". [1] Das kann man so sehen. Aber selbstverständlich auch anders. Streit über Provokationen gehört ohnehin dazu. Gäbe es keinen Streit, wäre es auch keine Provokation. Die Studenten, die 1968 gegen den "Muff von tausend Jahren" rebellierten, waren seinerzeit für viele sicherlich ebenso idiotisch. Mindestens das. Und erwartungsgemäß drohte abermals der Untergang des Abendlandes.

Man kann aus einer bestimmten Geisteshaltung heraus praktisch alles für idiotisch halten. Wer seine rebellische Haltung auf distinguierte Literaturlesungen im Nebenzimmer von Buchhandlungen beschränkt, fühlt sich durch Femen zweifellos gestört. Zu wenig Anspruch, zu wenig theoretischer Unterbau! Ja, Femen ist schrill und vielleicht idiotisch, doch das war der Auftritt von "Pussy Riot" in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale im Grunde auch. Nach allem, was man darüber lesen konnte, war er vieles, bloß kein musikalischer Genuss. Aber die Aktion war ein kreativer Protest gegen Putin, der weltweite Aufmerksamkeit erhielt und den meisten durch den anschließenden Prozess gut im Gedächtnis geblieben ist. Man sprach darüber, das ist entscheidend.

Die Welt wandelt sich, und mit ihr die Protestformen. Femen mag eine vorübergehende Zeiterscheinung sein, über die in ein paar Jahren niemand mehr sprechen wird. Aber die Gruppe bekommt zumindest temporär große Aufmerksamkeit - das ist in der heutigen Mediengesellschaft die härteste Währung, die es gibt. Und ich kann Sie, liebe Leserinnen und Leser, beruhigen: Der Untergang des Abendlandes wird auch diesmal ausbleiben.

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[1] Die Zeit-Online vom 20.06.2013