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11. August 2013, von Michael Schöfer
Die Welt will betrogen werden


Ich schaue mir keine Leichtathletik-WM an, denn ich bin der Meinung, dass es im Fernsehen schon genug Arzneimittel-Werbung gibt. Manche glauben ja, die Abscheu vorm Doping im Allgemeinen und vorm Doper im Besonderen hätte mit dem kanadischen Sprinter Ben Johnson begonnen, als der bei den Olympischen Spielen in Seoul das 100m-Finale in der seinerzeitigen Fabelweltrekordzeit von 9,79 Sekunden gewann. Zwei Tage danach war klar, dass er es ohne Stanozolol wahrscheinlich nicht einmal ins Finale geschafft hätte. Vom Weltrekord ganz zu schweigen.

Ben Johnson war deshalb eine besondere Enttäuschung, weil bis dahin fast nur osteuropäische Leichtathleten als dopingverdächtig galten. Jarmila Kratochvílová zum Beispiel, die nach wie vor den bereits 1983 aufgestellten 800m-Weltrekord (1:53,28) hält. Ihre Physiognomie ähnelte eher der eines Mannes. "Muskelprall, eckig und bar aller Rundungen stampfte sie der Konkurrenz uneinholbar davon. Mediziner bescheinigten der Athletin mit dem kantigen Profil weiblichen Status. Augenschein und überfrauliche Leistungen deuten auf Testosteron, das in der Dopingszene vielverwendete männliche Geschlechtshormon", schrieb der Spiegel damals. [1]

Doch die Tschechin wurde nie positiv getestet, ihre Weste ist - zumindest auf dem Papier - blütenweiß. Trotzdem wird ihr bis heute unter der Hand Doping nachgesagt. Beweise gibt es allerdings keine. Falls Kratochvílová wirklich gedopt war, nahm sie ein Mittel, das schwer nachweisbar war. Oder eines, das sie außerordentlich geschickt verwendete, weil sie bei den im Vergleich zu heute viel laxeren Kontrollen nie auffiel. Wie dem auch sei, Kratochvílová hatte, was die Reputation angeht, ohnehin einen gravierenden Nachteil: Sie kam aus dem Osten. Damals standen alle Sportler jenseits des Eisernen Vorhangs unter Generalverdacht - im Gegensatz zu denen aus dem Westen.

Den Unterschied sah man schließlich sofort, der Kontrast hätte nicht größer sein können: Dort die muskulöse Jarmila Kratochvílová, hier die hübsche Hildegard Falck. Kratochvílová, mit 171 cm zwei Zentimeter kleiner als Falck, brachte mit 68 kg zehn Kilogramm mehr auf die Waage. Muskeln, kein Fett, wohlgemerkt! Obgleich Hildegard Falck 1971 die erste Frau war, die die 800m unter zwei Minuten lief und 1972 in München auf dieser Strecke die Goldmedaille gewann, blieb an ihr nie auch nur der Hauch eines Verdachts hängen. Falck und Doping? Undenkbar!

Nun gibt es seit kurzem eine Studie der Berliner Humboldt-Universität mit dem Titel "Doping in Deutschland von 1950 bis heute". Gemeint ist nicht bloß Ostdeutschland. Und genau das hat Aufsehen erregt: "Auf 800 Seiten bemisst sich der Bericht einer Historiker- und Soziologengruppe zum Doping im deutschen Sport; die Kernerkenntnis lautet: Diese Geschichte muss umgeschrieben werden. (…) Nicht nur im Osten Deutschlands wurde jahrelang gedopt, auch der Westen hielt flächendeckend mit allen verbotenen Mitteln dagegen." [2] Danach hat Westdeutschland über Jahrzehnte hinweg Versuche mit leistungsfördernden Substanzen unterstützt. Übrigens schon vor den Olympischen Sommerspielen in München, die für die Bundesrepublik einen Medaillenregen brachten (13 x Gold, 11 x Silber, 16 x Bronze). Darf man unter dem Lichte der aktuellen Erkenntnisse an dieser Stelle "erwartungsgemäß" sagen? Der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher soll vor den Spielen zu einem Sportmediziner geäußert haben: "Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen in München." Genscher dementiert freilich. [3]

Namen von Dopingsündern sind bislang noch keine bekannt geworden, aber das wird unter dem Druck der Öffentlichkeit nicht lange auf sich warten lassen. Noch mauern die Verantwortlichen - aus datenschutzrechtlichen Gründen, wie es heißt. Bis dahin stehen quasi alle unter Verdacht: Sportmediziner, Politiker und Sportler. Ob sie nun schuldig oder unschuldig sind. Ganz so wie früher die osteuropäischen Sportmediziner, Politiker und Sportler. Wenn Sie so wollen, ausgleichende Gerechtigkeit. Obzwar etwas spät. Vom Ende der Unschuld wird gesprochen, über die Heuchelei und die Lebenslüge des westdeutschen Sports geschrieben. Allem Anschein nach zu Recht. Sich anderen, aus welchen Gründen auch immer, unberechtigterweise überlegen zu fühlen, gehört offenbar zur Grundausstattung des Homo sapiens. Ebenso, andere zu betrügen, sich auf unlautere Weise Vorteile zu verschaffen. Dort, wo viel Geld und/oder Prestige im Spiel ist, ist die Lüge nicht allzu weit entfernt.

Zurück zur Leichtathletik-WM in Moskau. Die Sprinter Tyson Gay und Asafa Powell wurden bereits im Vorfeld als Dopingsünder geoutet. Die Sprinterin Veronica Campbell-Brown ebenfalls. Man darf gespannt sein, wer den Dopingkontrolleuren während der WM noch ins Netz geht. Jäger und Gejagte - das uralte, scheinbar nie enden wollende Spiel. Und wer ist schuld? Der Zuschauer! Das mag Sie verblüffen, aber es ist wahr. Haupteinnahmequellen der Veranstalter und Sportler sind Fernsehübertragungsrechte, Sponsorengelder und Werbeverträge. Man stelle sich vor: Die rollende Apotheke namens Tour de France findet statt und keiner sieht zu. Weder daheim noch vor Ort. Olympische Sommerspiele oder Leichtathletik-Weltmeisterschaften, und die Menschen gehen lieber ins Freibad, als im heißen Wohnzimmer vor der Glotze zu sitzen. Niemand will von den Gold-, Silber- oder Bronze-Medaillen-Gewinnern Notiz nehmen. Gähnende Leere in den Stadien, keine hysterisch schreienden Fans in den Serpentinen am Aufstieg zu Alpe d'Huez. Bis auf das angestrengte Keuchen der Fahrer Totenstille. Keiner kauft mehr den Sportartikelherstellern die Sportschuhe oder Trikots der Sportstars ab. Noch besser: Die Sportstars hören auf, Sportstars zu sein, denn sie werden einfach ignoriert. Wie lange, glauben Sie, würde Doping unter diesen Umständen noch existieren? Doch solange das anders ist, muss man wohl unterstellen: Die Welt will betrogen werden. Und deshalb wird sie auch betrogen.

Nein, ich schaue mir die Leichtathletik-WM wirklich nicht an. Keine einzige Sekunde. Lieber gehe ich Ihnen mit meinen Artikeln auf die Nerven und dope mich beim Schreiben mit einem Glas Rotwein. Oder sogar zwei. Der ist zwar leicht nachweisbar, aber wenn ich pinkle, stehen trotzdem keine Dopingkontrolleure mit dem Fläschchen neben mir. Das Leben kann so schön sein, ganz ohne diesen Druck, unbedingt eine Goldmedaille gewinnen zu müssen. Na ja, der Pulitzer-Preis wäre eigentlich nicht zu verachten. Der Nobelpreis für Literatur natürlich genauso wenig. Und der Ingeborg-Bachmann-Preis ist offen gesagt höchst attraktiv. Mein Gott, wenn ich's recht bedenke, sollte ich mich vielleicht doch mal mit ein paar Plagiaten dopen. Unter Umständen wird ja was draus.

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[1] Der Spiegel vom 29.08.1983
[2] Süddeutsche vom 03.08.2013
[3] Süddeutsche vom 09.08.2013