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22. August 2013, von Michael Schöfer
Verbrauchermacht contra Überwachung


Auf der Suche nach neuen lukrativen Geschäftsfeldern sind die Technologiekonzerne auf die Smartwatch (schlaue Uhr) gekommen - ein Kleinst-PC am Handgelenk. "Die Omate True Smart soll ein eigenständiger Handgelenksrechner in Uhrenform werden." Sie läuft mit Android 4.2 und ist mit einer Micro-SIM-Karte ausgestattet, kann also Verbindung zum Internet aufnehmen. Außerdem hat sie eine Kamera und eingebautes GPS. [1] Sony verspricht den Nutzern seiner Smartwatch: "Du kannst E-Mails, SMS und andere Benachrichtigungen auf deiner SmartWatch lesen. Wische über das Display, um zu blättern. Berühre das Display, um zu navigieren. (…) Du musst nicht erst auf dein Handy schauen, um zu erfahren, was deine Facebook-Freunde vorhaben. Deine SmartWatch informiert dich. Du kannst Facebook-Nachrichten und Tweets in Echtzeit lesen." [2] Samsung soll an einer Smartwatch arbeiten, mit der man u.a. seine Schlafgewohnheiten und die körperlichen Anstrengungen beim Sport aufzeichnen kann. Nebenbei gefragt: Spuckt sie die Leistungskurve beim Sex ebenfalls aus? Ach ja, und die Zeit kann sie auch noch anzeigen. Über Apples iWatch ist bislang wenig bekannt, das Unternehmen macht - wie üblich - ein großes Geheimnis daraus.

Nun sind wir dank Edward Snowden zuletzt ein bisschen schlauer geworden. Die NSA soll in Amerika 75 Prozent des Internetverkehrs überwachen, kann also drei von vier E-Mails mitlesen. Die Nachrichtendienste NSA und GCHQ beobachten das Internet und alles was sich darin tut angeblich nahezu vollständig. IT-Experten der Bundesregierung warnen mittlerweile sogar vor Windows 8, nach deren Darstellung enthält das Betriebssystem nämlich via Trusted Computing "eine Hintertür, die nicht verschlossen werden kann". Sie "könnte zur Folge haben, dass Microsoft jeden Computer aus der Ferne steuern und kontrollieren kann. Und damit auch die NSA." [3] Das, was gestern als paranoid galt, ist heute offenbar bittere Realität.

Natürlich stellt sich angesichts dessen die drängende Frage: Was kann man dagegen tun? Damit, dass uns die Behörden vor der Bespitzelung schützen, sollte man nicht rechnen. Und die meisten User können sich wegen mangelndem technischen Verständnis kaum gegen die scheinbar übermächtigen Geheimdienste wehren. Schon allein die Verschlüsselung von E-Mails ist viel zu aufwendig. Aber unter Umständen hilft die Nachfragemacht der Konsumenten. Cloud-Computing, das Deponieren von Daten auf Internet-Servern, könnte durch den NSA-Abhörskandal schweren Schaden nehmen, weil Unternehmen kein Vertrauen mehr haben, dass ihre Daten wirklich sicher ausgelagert sind. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich rät: "Wer Angst hat, dass seine Daten abgefangen werden, sollte Dienste suchen, die nicht über amerikanische Server laufen." Auch Neelie Kroes, die Vizepräsidentin der EU-Kommission, warnt vor amerikanischen Anbietern: "Wenn europäische Cloud-Kunden nicht der US-Regierung und ihren Versprechungen trauen können, dann können sie vielleicht auch nicht den amerikanischen Cloud-Anbietern trauen. Das ist meine Einschätzung. Und wenn ich recht habe, dann bedeutet das Milliarden-Konsequenzen für amerikanische Firmen." Nach einer ersten Prognose "könnte die Cloud-Industrie in den nächsten drei Jahren 35 Milliarden Dollar an Geschäft verlieren, weil Kunden in aller Welt nicht mehr sicher sind, ob ihre Daten vor den Augen der US-Geheimdienste geschützt sind". [4] Wenn etwas die kapitalistische Vormacht bis ins Mark trifft, dann sind es entgangene Gewinne. Vielleicht kommt die Regierung dadurch zur Vernunft (oder sie wird durch die Wirtschaft zur Vernunft gebracht).

So stünde etwa Microsoft, durch den Erfolg von Smartphones und Tablets ohnehin stark bedrängt, ziemlich dumm da, wenn sich Unternehmen und Endverbraucher erfolgreich nach Alternativen umsehen würden. Die Stadt München stellt ja bereits ihre gesamte IT-Umgebung peu à peu auf Linux um. Das könnte Schule machen. Entpuppen sich Windows 8 und seine Nachfolger als Flop, käme Microsoft gehörig ins Trudeln, müsste womöglich sogar ums Überleben kämpfen. Linux soll sowieso sicherer sein als Windows. Beim quelloffenen Linux kann jeder Fachkundige selbst überprüfen, ob sich darin eine Hintertür befindet. Bei Windows muss man dem Unternehmen vertrauen, doch genau daran hapert es neuerdings. Findet Linux den Weg auf die Rechner der Konsumenten, entwickeln sich Windows-Rechner vielleicht zum Ladenhüter. Man sollte als User zumindest den Anfang wagen. Ich habe zu Hause auf meinem Rechner Ubuntu 12.04 LTS parallel zu Windows 7 installiert. Bei einem eigentlich ausrangierten Notebook hat es das veraltete Windows XP ersetzt und damit dessen Lebenszeit verlängert. Das Produkt der Softwareschmiede aus Redmond nutze ich daher immer weniger. Der Anfang mit Ubuntu war unerwartet einfach, die Installation völlig problemlos. [5] Es kann durchaus sein, dass ich in ein paar Jahren nur noch mit Linux arbeite.

Bei neuen Produkten, wie den eingangs erwähnten "schlauen Uhren", muss man sich eh überlegen, ob man sie wirklich haben will. Wie oft kaufen wir uns Dinge, die wir gar nicht brauchen? Viel zu oft. Während eines Lebens sammelt sich so allerhand überflüssiges Zeugs an. Wozu das Aufzeichnen der Schlafgewohnheiten gut sein soll, erschließt sich mir jedenfalls nicht. Ein vollkommen überflüssiges Gimmick. Viel schlimmer ist jedoch, dass man mit Smartwatches bequem überwacht werden kann. Rund um die Uhr sozusagen. Der Internet-Anschluss, der GPS-Empfänger, die Kamera und das eventuell vorhandene Mikro machen die Smartwatch unversehens zur elektronischen Handgelenksfessel (analog zur elektronischen Fußfessel) oder zur Wanze. Die NSA und das GCHQ würden es gewiss begrüßen. Mittels Fernüberwachung wüssten sie ständig, wo wir uns gerade befinden, was wir sagen und was wir tun. Ist wenigstens das paranoid? Tja, das hätte ich noch vor drei Monaten ohne zu zögern bejaht. Inzwischen bin ich mir diesbezüglich nicht mehr so sicher. Schlimme Zeiten...

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[1] Golem.de vom 22.08.2013
[2] Sonymobile, SmartWatch
[3] Die Zeit-Online vom 20.08.2013
[4] SWR vom 19.08.2013
[5] siehe Ubuntu: Fortschritte sind unverkennbar vom 21.05.2012


Nachtrag (29.08.2013):
Die Zeit-Online hat ihren Artikel (siehe Fußnote Nr. 3) mittlerweile aus dem Netz genommen, weil Microsoft vor Gericht eine Einstweilige Verfügung erreicht hat. Zeit-Online steht aber zu den darin gemachten Aussagen und will sich gerichtlich wehren. [6] Genau meine These, da wurde offenbar der Nerv getroffen. Ist das Renommee eines Betriebssystems erst einmal dahin, drohen nämlich die Verkaufszahlen zu sinken. Davor hat Microsoft offenbar Angst. Allerdings sollten sich die Behauptungen von Zeit-Online am Ende auch als richtig herausstellen, welche die Redaktion aber nach eigener Aussage mit Dokumenten untermauern kann. [7]

[6] Heise-Online vom 28.08.2013
[7] Zeit-Online vom 22.08.2013