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25. August 2013, von Michael Schöfer
Die Blockbuster-Krise Hollywoods


Warum nicht mal wieder ins Kino gehen? Gesagt, getan. Doch hätte ich, im Nachhinein betrachtet, meine Hollywood-Abstinenz besser beibehalten sollen. So bin ich eben um eine Enttäuschung reicher. "Elysium" hatte ein paar gute Kritiken (NDR: "ein ziemlich realer Science-Fiction"), und Endzeitfilme übten obendrein schon von jeher einen gewissen Reiz auf mich aus. Klassiker wie "Soylent Green / Jahr 2022… die überleben wollen", "Die Zeitmaschine", "Der Tag, an dem die Erde Feuer fing", "Das letzte Ufer" oder "Quiet Earth – Das letzte Experiment" fand ich faszinierend und intelligent gemacht. Etwas, das man von Elysium leider nicht behaupten kann.

Schon die unvermeidliche Vorschau auf andere Blockbuster machte deutlich, wo ich mich freiwillig hineinbegeben hatte: in ein furchtbares Gemetzel. Die Trailer von vier oder fünf Filmen zeigten innerhalb von 10 Minuten gefühlt erheblich mehr Tote, als in 12 Jahren Afghanistankrieg zu beklagen waren. Pausenlos wird geschossen und gebombt - die Helden überleben allerdings wie durch ein Wunder jede Ballerei oder Explosion. Das war der passende Vorgeschmack auf Elysium. Aber kein guter, wie ich versichere.

Mit Logik und Naturwissenschaft darf man solchen Filmen natürlich nicht kommen. Doch warum muss sich die Handlung von Blockbustern eigentlich immer auf dem geistigen Niveau eines 10-Jährigen bewegen? Gut und Böse sind, wie sollte es anders sein, klar zu unterscheiden. Die Ausgangslage ist schnell erzählt: "Im Jahr 2154 gibt es zwei Klassen von Menschen: Eine kleine Schicht von Privilegierten und Superreichen auf der Raumstation Elysium (steht auf lateinisch für 'Insel der Seligen') und die Masse der Menschheit auf der abgewirtschafteten und überbevölkerten Erde." (Wikipedia) Wie es weitergeht auch: Max DeCosta, der von Matt Damon gespielte Held, lebt auf der heruntergekommenen Erde und muss unbedingt innerhalb von fünf Tagen zur Raumstation, um sich dort dekontaminieren zu lassen und nebenbei die Menschheit von der bedrückenden Zweiteilung in Arm und Superreich zu erlösen. Und nach 109 Minuten permanentem Geballer schafft er zumindest letzteres. Gähn...

Wieso die Bürger Elysiums ihre medizinischen Wundermaschinen nicht gleich von Anfang an der leidenden Erdbevölkerung zur Verfügung stellen, ist ebenso unklar wie die Frage, warum sie zwar ausgeklügelte Kampfroboter herstellen können, aber dennoch in ihren schmutzigen Fabriken auf der Erde primitive menschliche Arbeitskraft benötigen. Die Raumstation ist darüber hinaus ein physikalisches Wunder, denn sie kann ihre künstliche Atmosphäre sogar ohne Dach festhalten. Bekanntlich wird die Atmosphäre von der Gravitation einer ausreichend großen Masse gehalten, nicht von der langsamen Rotation einer Raumstation. Doch das nur am Rande. Wie gesagt, mit Logik und Naturwissenschaft darf man solchen Filmen nicht kommen. Intellektuell ist Elysium trotzdem eine Beleidigung, aus der Story hätte man mehr machen können und müssen.

Die Handlung des aufwendig gedrehten Streifens (mit einem Budget von 115 Mio. US-Dollar) ist schlicht und vorhersehbar. Und das trifft auf viele amerikanische Mainstream-Filme zu. Je größer die Effekte, desto geringer der geistige Anspruch. Positive Überraschungen, wie seinerzeit etwa "The Sixth Sense" oder jüngst "Planet der Affen: Prevolution", sind die absolute Ausnahme. Das Blockbuster-Kino sei in der Krise, schreibt die Presse. Sieben der 17 Blockbuster floppten an der Kinokasse. "'Lone Ranger' kostete 250 Millionen Dollar und spielte an den amerikanischen Kinokassen bislang gerade einmal 81 Millionen ein. Der Alien-Action-Streifen 'Pacific Rim' (Produktionskosten: 180 Millionen) erreichte ebenso 68 Millionen wie Emmerichs 'White House Down' (150 Millionen). Selbst Blockbuster-Garant Will Smith musste mit 'After Earth' (Kosten: 130 Millionen, US-Umsatz bislang: 60 Millionen) einen Tiefschlag hinnehmen. Kürzlich setzte die Untoten-Polizisten-Ballerei 'R.I.P.D.' (130 Millionen) am wichtigen Startwochenende magere 12,6 Millionen um, am vergangenen Wochenende startete 'The Wolverine' (Kosten: 100 Millionen) zwar ordentlich mit 55 Millionen Dollar Umsatz, blieb jedoch hinter den Prognosen von etwa 80 Millionen Dollar zurück." [1]

Für sämtliche Blockbuster gilt gewissermaßen: Hast du einen gesehen, hast du alle gesehen. Langweilig und unkreativ. Inhaltsangabe: Bumm, Patsch, Peng, Aus. Trotzdem liefert Hollywood andauernd gleiches Material nach: "Transformers 4", "The Fast and The Furious 7", "Fluch der Karibik 5". Und bei "Avatar" sind die Teile 2 bis 4 ebenfalls schon fest geplant. Nun, der Untergang Hollywoods wird zwar ebenso häufig prophezeit wie der Untergang des Kapitalismus, dennoch erfinden sich beide erstaunlicherweise immer irgendwie neu. Aber die Neuerfindung Hollywoods lässt schon ziemlich lange auf sich warten (über die des Kapitalismus schweige ich hier betreten). Besserung ist freilich nicht in Sicht. Mich hat jedenfalls Elysium nachhaltig abgeschreckt, so schnell werde ich mir keinen Blockbuster mehr reinziehen. Nicht einmal, wenn er gute Kritiken bekommt. Zum Glück haben wir in Mannheim noch ein Programmkino.

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[1] Süddeutsche vom 04.08.2013