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13. September 2013, von Michael Schöfer
Steinbrücks Stinkefinger: Darf der das?


In den Parteien und in der Politik (übrigens nicht bloß dort) geht es oft ruppig zu. Klar, hier dreht sich alles um Macht, Eitelkeit und gewichtige Interessen, da ist voller Einsatz selbstverständlich. Die einen, siehe etwa Richard von Weizsäcker, bewältigen das mit Noblesse, andere, siehe zum Beispiel Ronald Pofalla, mit dem Charme eines Gassenjungen. "Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen. Ich kann Deine Scheiße nicht mehr hören", soll Pofalla seinem in der Euro-Finanzierung widerspenstigen Parteifreund Wolfgang Bosbach an den Kopf geworfen haben - und blieb trotzdem im Amt. [1] Herbert Wehner und Franz Josef Strauß waren berühmt-berüchtigt für ihre verbalen Entgleisungen. Wehner galt dennoch als ministrabel und führte lange Zeit die SPD-Bundestagsfraktion. Strauß wiederum war mehrfach Bundesminister, zudem bayerischer Ministerpräsident und brachte es 1980 sogar zum Kanzlerkandidat der Union. Natürlich haben beide extrem polarisiert und das jeweils andere Lager gegen sich aufgebracht. Ihre Eignung, höchste Ämter zu bekleiden, wurde allerdings nie ernsthaft infrage gestellt.

Darf SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im SZ-Magazin den "Stinkefinger" zeigen? Spontan habe ich zunächst an eine Fälschung gedacht, als ich das Bild zum ersten Mal sah. Da hat bestimmt irgendjemand Steinbrücks Kopf dreist in ein Bild hineinkopiert. Miese Methoden, um Gegner zu diskreditieren, sind ja hinreichend bekannt. Aber das Bild ist echt, es wurde sogar eigens von Steinbrück autorisiert. Einerseits ist das wirklich nicht die Art, in der sich ein Kanzlerkandidat präsentieren sollte. Diese Pose verbindet man nämlich eher mit betrunkenen Oktoberfest-Besuchern, publicitysüchtigen Rockstars oder rotzfrechen Pennälern auf dem Schulhof. Andererseits hebt sich das Foto wohltuend von den erkennbar gestellten und dadurch unnatürlich wirkenden Bildern auf den Wahlplakaten ab, die uns momentan überall ins Auge springen.

Hat sich Steinbrücks Kanzlerkandidatur dadurch endgültig erledigt? Nun, allein dadurch meiner Meinung nach nicht. Steinbrück ist schon viel früher an seinem Anspruch gescheitert. Die aktuellen Umfragen prognostizieren zwar ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schwarz-Gelb und der Opposition (SPD, Grüne, Linke), aber Merkel wird aller Voraussicht nach Kanzlerin bleiben (entweder bei einem Sieg von Schwarz-Gelb oder in einer Großen Koalition). Für eine eigenständige Mehrheit von Rot-Grün wird es jedenfalls kaum reichen, und Rot-Rot-Grün haben die Sozialdemokraten kategorisch ausgeschlossen. Da müssten die Demoskopen schon mächtig danebengreifen, sollte sich daran noch etwas grundlegend ändern. Ausschließen kann man es freilich nie. Der Stinkefinger wird den ätzend langweiligen Wahlk(r)ampf gut eine Woche vor der Bundestagswahl zweifellos gehörig beleben. Endlich gibt es wieder ein Aufregerthema. Ob Steinbrück davon profitieren wird, ist allerdings offen. Mit Politik hat das Ganze ohnehin nichts zu tun, das sind vielmehr Stilfragen. Und die kann man unterschiedlich bewerten. Viel wichtiger wären harte Auseinandersetzungen um den richtigen Weg, doch genau daran hat es in diesem Wahlkampf gemangelt. Die Unterschiede zwischen den beiden Lagern (Schwarz-Gelb und Rot-Grün) sind marginal, dies gilt insbesondere für die zu erwartende Regierungspraxis.

Lassen Sie es mich so ausdrücken: Meine Wahlentscheidung steht unabhängig vom Stinkefinger schon seit Wochen fest. Und als Kanzlerkandidat hätte ich auf diese Pose verzichtet. Ist Peer Steinbrück als Kanzler ungeeignet? Ob mit oder ohne Stinkefinger: Meiner Ansicht nach ja. Aber bei dieser Frage habe ich mich ausschließlich nach politischen Gesichtspunkten und an meiner Einschätzung über die Glaubwürdigkeit der Person orientiert.

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[1] Focus-Online vom 01.10.2011