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09. Oktober 2013, von Michael Schöfer
Groteske Bevormundung


Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der Weltökonom, hat sich ordentlich verspekuliert. Der leidenschaftliche Raucher soll angeblich in Erwartung eines Verbots 200 Stangen Menthol-Zigaretten gebunkert haben, die wollte nämlich die Europäische Union quasi von heute auf morgen vom Markt nehmen. Doch nach dem soeben ergangenen Beschluss gibt es für das Verbot der Menthol-Zigaretten eine achtjährige Übergangsfrist. Mein Gott, der Mann ist 94, angesichts dessen ist das Bunkern der 200 Stangen eine glatte Fehlinvestition gewesen. Womöglich vertrocknet ihm ein Teil davon, das Geld hätte er sich folglich sparen können. 200 Stangen á 10 Packungen á 19 Zigaretten = 38.000 Glimmstängel - dafür brauchen selbst Kettenraucher zwei oder drei Jahre.

Nun sollen also Schockbilder die Raucher abschrecken, vor allem Jugendliche, die damit noch gar nicht angefangen haben. Rauchen ist zweifellos schädlich. Und als Ex-Raucher, der mit dem Aufhören ausgiebig Erfahrungen gesammelt hat (mindestens fünf Mal), begrüße ich beispielsweise das Rauchverbot in Gaststätten. Der Geruch von Rauch ist eklig, ganz besonders in den Kleidern. Und Raucherküsse sind total unromantisch. Aber ohne von der Tabakindustrie gesponsert zu werden, muss ich trotzdem die Frage stellen: Muss das sein? Die Schockbilder sind meiner Meinung nach unverhältnismäßig und inkonsequent.

Denn wo fängt man an, wo hört das Ganze auf? Werden wir demnächst auf Eiscreme-Verpackungen ebenfalls Schockbilder zu sehen bekommen, bekanntlich ist Adipositas (Fettleibigkeit) mindestens genauso schädlich? Adipositas löst zahlreiche Folgeerkrankungen aus, u.a. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkte, Arteriosklerose, Schlaganfälle, Brustkrebs, Arthrose, degenerative Wirbelsäulenerkrankungen, Gallenblasenerkrankungen oder Gicht. Wäre es wegen den hohen volkswirtschaftlichen Kosten der Fettleibigkeit nicht angebracht, auf allen McDonald's-Tüten und Cola-Flaschen abstoßend dicke Menschen abzubilden? Ottfried Fischer ist damit nicht gemeint, was das angeht gibt es noch viel schlimmere Kaliber. Schließlich werden auch in Fast-Food-Restaurants Kinder frühzeitig zu einer höchst ungesunden Lebensweise verführt. Gummibärchen bekämen künftig Schockbilder kariöser Zähne aufgedruckt, Eierkartons müssten Fotos von zerrupften Käfighühnern tragen und Textilhersteller die verbrannten Körper von Näherinnen in Bangladesch auf dem Etikett abbilden. Wein- und Biertrinker dürften auf der Flasche das Bild einer Säuferleber bewundern oder hätten die entstellten Unfallopfer alkoholisierter Autofahrer zu ertragen. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Das mag in vielen Fällen sogar politisch korrekt sein, aber wollen wir so etwas wirklich? Ich meine, nein. Denn das ist einfach maßlos übertrieben.

Wer Rauchen für so schädlich hält, um Zigarettenpackungen mit Schockbildern zu verunstalten, sollte es gleich ganz verbieten. Das wäre wenigstens konsequent. Inzwischen geht die Anti-Raucher-Hysterie sogar so weit, dass man unter Umständen noch nicht einmal in den eigenen vier Wänden qualmen darf. Ich habe immer gerne geraucht, obgleich ich inzwischen seit fast zwei Jahren clean bin. Aber sollte ich irgendwann einmal wieder Lust aufs Rauchen verspüren, möchte ich diesem Laster frönen dürfen, ohne zwangsweise Männer mit Kehlkopfkrebs sehen zu müssen. Hat der Staat überhaupt das Recht, mich gegen meinen Willen vor Schaden zu bewahren? Meiner Ansicht nach nicht. Langsam gleitet die Bevormundung ins Groteske ab. Solange man dadurch andere nicht beeinträchtigt, ist jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich. Sogar wenn es fürs Individuum objektiv schädlich ist.