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16. Dezember 2013, von Michael Schöfer
Geballte ökonomische Kompetenz


Fünfzig Prozent der Wirtschaft beruhen angeblich auf Psychologie - ein Großteil davon besteht offenbar aus Angst. Wer Angst hat, ist in Panik, das blockiert wiederum den Denkapparat. Unterstützt wird diese zerebrale Lähmung von sogenannten Experten, die natürlich - ganz nebenbei - nur unwesentlich davon profitieren. So darf sich etwa Michael Eubel, Leiter der Abteilung Sorten und Edelmetalle der Bayerischen Landesbank, in der Süddeutschen zur Frage "Gold statt Sparbuch?" äußern.

Bloß um Ihre Erinnerung ein bisschen aufzufrischen: Spätestens am 15. September 2008, als die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Konkurs anmeldete, merkte hierzulande auch der unkritische "Otto Normalverbraucher", dass der Kapitalismus ein paar Probleme hatte. Gravierende sogar, es drohte nämlich die Kernschmelze des globalen Finanzsystems. Mit einem Mal war es aus mit den rosigen Zukunftsaussichten (ifo-Chef Hans-Werner Sinn im Juni 2007: "Aufschwung könnte jahrelang anhalten"). [1] Je länger die Krise dauerte, desto stärker stieg der Goldpreis, schließlich schienen die sauer ersparten Notgroschen in höchster Gefahr zu schweben. Neben Immobilienmaklern (Stichwort: Betongold) durften sich vor allem Edelmetallverkäufer wie Michael Eubel freuen. Lag der Goldpreis pro Feinunze Anfang 2007 noch bei 609,80 US-Dollar, erklomm er im September 2011 mit 1.900,40 US-Dollar seinen historischen Höchststand. Angst kann äußerst lukrativ sein, die BayernLB erzielte im Edelmetallhandel Rekordumsätze.

Was vorher die Angst vor der Kernschmelze des Finanzsystems war, ist nun die Angst vor der Inflation. Gold sei die richtige Anlagestrategie gegen die mickrigen Zinsen für das Geld auf dem Sparkonto, behauptet Eubel heute. Merke: Wenn Du wegen der Inflation mit dem Sparkonto Geld verlierst, greife zu Gold, das überhaupt keine Zinsen abwirft. Ist doch logisch, nicht wahr? Dass man dann noch höhere Verluste hat, erwähnen solche "Experten" natürlich kaum. Immerhin habe Gold Potential nach oben, sprich es winken Kursgewinne. Eine Garantie, dass es mit dem Goldpreis tatsächlich wieder aufwärts geht, gibt es freilich nicht. Erneut droht die zerebrale Lähmung zuzuschlagen, denn seit dem Höchststand im September 2011 ist der Goldpreis mittlerweile auf 1.245,10 US-Dollar gesunken. Wer zum falschen Zeitpunkt (d.h. auf dem Höhepunkt der Existenzangst) eingekauft hat, sitzt jetzt erst einmal auf riesigen Verlusten von mehr als einem Drittel und wäre mit den mickrigen Sparbuchzinsen sicherlich gut bedient gewesen. Gold verlor 34,5 Prozent plus 3,5 Prozent Inflation (Verbraucherpreisindex September 2011: 102,5 Punkte, November 2013: 106,1 Punkte), das Geld auf dem Sparbuch hat real vielleicht 2 Prozent an Wert eingebüßt (lediglich die Differenz zwischen Zins und Inflationsrate). Ein Bombengeschäft - bloß nicht für die Goldkäufer.

Die "Experten" sind auf das schwache Gedächtnis der Anleger angewiesen. Menschen wie Eubel wissen, mit welchen Argumenten sie ihre Ware an den Mann respektive die Frau bringen: "Wer Gold kaufe, suche Sicherheit. Und zwar eine, die in Krisenzeiten kein Sparbuch biete, kein Wertpapier und nicht einmal eine Immobilie: 'Wer dem Finanzsystem nicht hundertprozentig vertraut, der will auch Mobilität', sagt Eubel. Das heißt, dass man zur Not Hunderttausende Euro in Form von Goldmünzen oder -barren mit sich herumtragen kann. 'Und mit diesen Münzen und Barren können Sie dann am Hindukusch wie am Amazonas einkaufen', sagt Eubel, 'versuchen Sie das mal mit Ihrer Kreditkarte!'" [2] Das ist offensichtlich ernst gemeint. Und wir schreiben definitiv nicht den 1. April. Jo mei, geballte ökonomische Kompetenz eben.

Also, wenn das Finanzsystem demnächst doch noch zusammenbrechen sollte, schnappen Sie sich Ihre vier Kilogramm schweren Feingoldbarren (aktueller Verkaufspreis beim Goldkontor Hamburg: 117.300 Euro) und flüchten damit an den Hindukusch oder an den Amazonas. Bon voyage! Besitzen Sie mehr als eine Million in Gold, rate ich Ihnen zu einem Kleintransporter. Das Gold können Sie dann den Taliban oder den Yanomami-Indianern andrehen, die Sie dafür bestimmt monate-, oder falls es nötig sein sollte sogar jahrelang durchfüttern werden. Sofern Sie so weit kommen, denn es spricht eine klitzekleine Wahrscheinlichkeit dafür, dass Ihnen bei einem Totalzusammenbruch der Weltwirtschaft unterwegs ein paar Wegelagerer begegnen werden. Die haben zwar nichts gespart, schon gar kein Gold, wollen aber trotzdem nicht verhungern. Mal gespannt, wie lange Sie ihr Vermögen in Händen halten.

Wer Gold zu horrenden Preisen kauft, muss quasi auf den Kollaps der Wirtschaft hoffen. Nur dann macht das Investment überhaupt Sinn. Bleibt der Zusammenbruch jedoch aus, hat man nicht nur Zinseinkünfte verloren, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch Kursverluste hinzunehmen. Je stabiler die Lage, desto weniger wird Gold nachgefragt, ergo sinkt der Marktpreis. Ob die Goldverkäufer ihre Provisionen ebenfalls in Gold anlegen? Spannende Frage, über die man allerdings nur spekulieren kann. Es soll schließlich Menschen geben, die ihrer eigenen Propaganda auf den Leim gehen.

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[1] Focus-Online vom 25.06.2007
[2] Süddeutsche vom 16.12.2013