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24. Dezember 2013, von Michael Schöfer
Aus aktuellem Anlass: Was würde Jesus tun?


Über die Weihnachtszeit heißt es ja, sie sei besinnlich. Der Duden bietet hierfür u.a. folgende Synonyme an: gedankenvoll, nachdenklich, tiefsinnig, versonnen, versunken. Kurzum, wir sollen uns an den Festtagen endlich einmal die Gedanken machen, zu denen wir in der übrigen Zeit wegen der Hektik des Alltags gar nicht kommen. Und weil wir nicht so weltfremd sind wie die kirchlichen Würdenträger, interessiert uns vor allem der Bezug zur Gegenwart. Was würde Jesus heute tun? Oder was würde er zu diesem oder jenem sagen?

Zugegeben, im 21. Jahrhundert sind wir diesbezüglich etwas verunsichert, frühere Generationen hatten da wesentlich weniger Probleme. "Für Gott und Vaterland", war seit jeher in Kriegszeiten die übliche Losung. Und das, wohlgemerkt, bei allen Beteiligten. Gott stand in den Schlesischen Kriegen genauso selbstverständlich auf Seiten der Preußen wie auf Seiten der Österreicher (damals konnte man "Ostarrichi" noch als Großmacht bezeichnen). Mit anderen Worten: Der alte Herr hatte ziemlich viel zu tun. Nehmen wir zum Beispiel die Völkerschlacht bei Leipzig, in der 1813 Truppen Russlands, Preußens, Österreichs, Schwedens und Frankreichs aufeinander eindroschen. Oder den Ersten Weltkrieg, bei dem sage und schreibe 40 Staaten mitmischten. Hätten Sie alle Schlachtpläne bis in jede Einzelheit hinein zu koordinieren gewusst? Wohl kaum. Für Gott, der bekanntlich allmächtig ist, war das kein Problem. Er hatte ja auch vorher in den Religionskriegen und Kreuzzügen schon kräftig üben dürfen. Dennoch fragten sich seinerzeit militärisch interessierte Zeitgenossen: Was hätte Jesus wohl zum Schlieffen-Plan gesagt? Im Zweiten Weltkrieg war die Frage einfacher zu beantworten, weil mit Hitler ein weithin anerkannter Teufel beteiligt war, der sich auf alles, bloß nicht auf Gott berufen konnte.

Später, in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wandte sich die rebellische Jugend tiefschürfenderen Fragen zu? "Hatte Jesus Sex", wollte sie wissen. Schließlich wird die Pubertät auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen sein, viele Darstellungen zeigen ihn ja mit Bart. Na bitte! Und war da nicht mal was mit einer gewissen Maria Magdalena? Zur Erinnerung: In jener Zeit begann das, was man später die "sexuelle Revolution" nannte. Papst Paul VI. soll "not amused" gewesen sein. Die einen kämpften für das Recht auf den Orgasmus, die anderen für den Vietcong. Nicht selten sogar für beides. "Würde Jesus vietnamesische Kinder mit Napalm bombardieren", fragten sich allerdings nicht nur die Studenten.

Mit der Zeit veränderten sich die Ansprüche an Jesus drastisch. In den Achtzigern und Neunzigern, als Michael Douglas in dem Hollywood-Streifen "Wall Street" den habgierigen und skrupellosen Gordon Gekko spielte, dachten viele darüber nach, ob Jesus Apple-Aktien kaufen würde. Hätten es seine Nachfolger bloß getan: An Weihnachten 1998 kostete die Aktie des Technologiekonzerns an der Nasdaq in New York schlappe 9,81 US-Dollar. Nun, 15 Jahre danach, muss man dafür 570,09 US-Dollar berappen - satte 58-mal so viel. Die Sonderkollekte für die Kirchenheizung der St. Bonifatius-Kirchengemeinde in Bad Soden brachte dieser Tage 353,30 Euro ein. Hätte St. Bonifatius jedoch 1998 für den gleichen Betrag Apple-Aktien erworben, könnte die Kirchengemeinde mit den 20.491,40 Euro, die die Anteile heute wert wären, wahrscheinlich jahrelang ordentlich durchheizen. Deshalb sind manche trotz Kamel und Nadelöhr felsenfest davon überzeugt: Jesus wäre heutzutage Kapitalist.

Aktuell bewegen uns an Weihnachten so bedeutsame Fragen wie: Was würde Jesus zur 398. Wiederholung der Schmonzette "Der kleine Lord" sagen? Und würde er den Film zum Anlass nehmen, grundsätzlich über die britische Monarchie nachzudenken? Die ist bekanntlich seit Lady Di ziemlich angeschlagen (die Queen war nur anfangs amused). Echte Besinnlichkeit geht aber noch viel tiefer: Warum hat Jesus vor 2.000 Jahren darauf verzichtet, die Glühbirne zu erfinden? Für Gott, den Allmächtigen, sicherlich kein Problem. Doch er überließ es unverständlicherweise Edison, weshalb noch etliche Generationen vollkommen unnötig im Dunkeln ausharren mussten. Hätte Jesus nicht wenigstens den Buchdruck erfinden können anstatt es dem ollen Gutenberg zu überlassen? "Shades of Grey" wäre vermutlich im Weihnachtsgeschäft anno 87 n. Chr. der Renner gewesen und hätte später die Verhörmethoden der Inquisition überflüssig gemacht. Es ist mir zudem absolut schleierhaft, warum uns Jesus zwei Jahrtausende lang in dem Glauben ließ, die Erde sei flach wie eine Tortenschachtel. Forrest Gump korrigierte unser Weltbild nachhaltig: "Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt." Von der frühzeitigen Erläuterung der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik ganz zu schweigen. Und hätte Jesus nicht schon vor 2.000 Jahren Juden und Palästinenser zur Versöhnung aufrufen können? Vielleicht hätten sie es bis heute geschafft.

Merken Sie jetzt, wozu weihnachtliche Besinnlichkeit führen kann? Uralte Menschheitsfragen werden aufgeworfen, sämtliche Geheimnisse des Universums ergründet. Bedauerlicherweise haben wir dazu bloß zwei läppische Weihnachtsfeiertage zur Verfügung. Also: Carpe diem - nutze den Tag! Falls Ihnen die nervtötenden Geräusche des Ballerspiels, das Sie Ihrem Sohn gerade geschenkt haben, dafür überhaupt Gelegenheit geben. Was Jesus zu Letzterem gesagt hätte, will ich jetzt gar nicht mehr untersuchen. Ich versuch's nämlich gleich mal selbst mit der Besinnlichkeit.