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25. Dezember 2013, von Michael Schöfer
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt...


...erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht der Räuber Hotzenplotz vor der Tür (oder so ähnlich). Die Soldaten in Afghanistan haben zweifellos einen schweren Dienst, aber muss man sie deshalb vor einem Millionenpublikum als Einfaltspinsel desavouieren? Wer sich Folgendes hat einfallen lassen, erwies nämlich den Soldaten einen Bärendienst: Am 24. Dezember berichtete die Tagesschau über ein besonderes Geschenk für unsere Jungs und Mädels am Standort Mazar-e Sharif. Wortlaut: "Etwas ganz Besonderes wird für die Soldaten eingeflogen, ein Licht aus dem heiligen Land, entzündet am Geburtsort von Jesus Christus. (...) 'Ist schon ein kleines Wunder'", sagt ein Soldat ergriffen. Der Auslandskorrespondent der ARD nickt zwar heftig, aber seine Mimik spricht Bände: So ein Schmarrn, wird er wohl gedacht haben.

Also ehrlich, wenn man diese rührselige Story Fünfjährigen erzählt, leuchten bei denen vielleicht noch die Augen. Aber bei erwachsenen Soldaten, die sich mit den Taliban herumschlagen müssen? Ich fass' es nicht. Und ich will gar nicht wissen, was der Flug nach Israel gekostet hat. Ob's wirklich stimmt, dass man das Licht eigens in Bethlehem entzündet hat, oder ob man es nur behauptet? Ich als Verantwortlicher hätte zu der Flugzeugbesatzung gesagt: "Jetzt macht ihr mal so, als wärt ihr wegen dem Licht tatsächlich in Israel zwischengelandet. Merkt ja keiner."

Den gleichen Hokuspokus ist man alle zwei Jahre im Vorfeld der Olympiade gewohnt. "Nach einer Idee von Alfred Schiff und Carl Diem wurde der erste Fackellauf bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin unter Anweisung Joseph Goebbels’ von den Nationalsozialisten veranstaltet." [1] Ausgerechnet 1936, ausgerechnet von den Nazis. Nun, zu Fackeln hatten die Nazis bekanntlich ohnehin eine Affinität. Erst feierten sie in ihrem Feuerschein die Machtergreifung, dann inszenierten sie damit die Bücherverbrennung. Vielen Dank für die Bewahrung dieser Tradition. (Achtung: Ironie!) Seitdem wird jedes Mal rechtzeitig vor Beginn der Olympiade unter großem Brimborium in Griechenland das Olympische Feuer mit einem Brennspiegel entzündet und von einer Stafette zum jeweiligen Veranstaltungsort getragen. Heiliges Feuer eben.

Wie heilig zeigt sich, wenn das Licht unterwegs einmal ausgeht. Bis zu den Spielen im russischen Sotschi wird die Olympische Flamme an 123 Tagen insgesamt 65.000 km zurücklegen, wozu 14.000 Fackelläufer benötigt werden. Am 7. November wurde die Fackel mit einer Sojus-Rakete zur ISS geflogen - symbolisch, denn aus Sicherheitsgründen durfte dabei keine Flamme brennen. Sie wurde von einem Taucher natürlich auch auf den Grund des Baikalsees getragen (an dieser Stelle hat der See allerdings lediglich eine Tiefe von 13 Metern) - man darf offenbar keine Peinlichkeit auslassen. Die Fackel war sogar am Nordpol, was wahrscheinlich die russischen Ansprüche auf die dortigen Bodenschätze unterstreichen sollte. Und just in Moskau ist gleich zu Beginn einem Läufer die Flamme ausgegangen. Zum Glück war ein Streckenposten zur Stelle und hat sie mit seinem Feuerzeug wieder entfacht. Jetzt hat die Flamme natürlich ihre Seele verloren, aber sagen Sie es nicht weiter, denn dann hätte man ja von Anfang an jemanden in Sotschi mit dem Einwegfeuerzeug hinstellen können. Ohne vorher 65.000 km Umweg in Kauf zu nehmen. Nichtsdestotrotz sollen wir wegen dem ganzen metaphysischen Humbug ehrfurchtsvoll vor der Glotze sitzen und das Olympische Feuer bewundern. Ja, ja...

Das liegt auf der gleichen Linie mit dem heiligen Feuer aus dem heiligen Land für die deutschen Soldaten in Mazar-e Sharif. Ich frage mich ernsthaft: Sind wir inzwischen alle debil? Geht's noch? Nichts für ungut, liebe Jungs und Mädels in Afghanistan, aber ich schwankte zwischen Fassungslosigkeit und Lachkrampf. Hey, jetzt könnt Ihr es mir doch verraten: Das war bestimmt eine Satire, um die Zuschauer daheim ein bisschen zu veräppeln. Oder nicht?

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[1] Wikipedia, Olympischer Fackellauf