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31. Mai 2014, von Michael Schöfer
Nichts ist beständiger als der Wandel


Der technische Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Wäre es anders, würden wir heute noch wie in der Steinzeit leben. Proteste, etwa gegen die Einführung des mechanischen Webstuhls, der die industrielle Textilherstellung erst möglich gemacht hat, aber seinerzeit zahlreiche zu Hause arbeitende Weber ins Elend stürzte, waren bekanntlich nutzlos. Sie haben höchstens das Bewusstsein für die soziale Frage geschärft. Gegen höhere Effizienz ist eben kaum etwas auszurichten.

Mitunter fördert die Skepsis gegenüber dem Fortschritt Kurioses zutage, so wurden etwa nach der Einführung der Eisenbahn Anfang des 19. Jahrhunderts ernsthafte Bedenken geäußert, die "unerhörte Geschwindigkeit" von bis zu 40 km/h könnte die Menschen krank machen. "Die schnelle Bewegung muss bei den Reisenden unfehlbar eine Gehirnkrankheit, eine besondere Art des Delirium furiosum, erzeugen", wie damals ein Gutachten des bayerischen Obermedizinal-Kollegiums prophezeite. [1] "Der Mensch sei nicht mehr in der Lage, die 'vorbeirasenden Landschaften' wahrzunehmen." [2] Und heute rasen wir im Pkw mit 200 km/h über die Autobahn zur Oma nach Buxtehude, düsen im Flugzeug mit einer Reisegeschwindigkeit von 900 km/h über Meere und Kontinente in den Urlaub, während die Astronauten der Internationalen Raumstation (ISS) mit ca. 28.000 km/h um die Erde kreisen. Delirium furiosum? Fehlanzeige.

Die Technik verändert unser Leben nachhaltig. Im Guten wie im Schlechten. Wie konntet ihr nur ohne Internet und Smartphone leben, fragen die nach der Jahrtausendwende Geborenen. Ja, genau, wie? Unglaublich! Ständig kommen Neuentwicklungen auf den Markt, die das revolutionäre Potential in sich tragen. Google hat gerade den Prototyp eines selbstfahrenden Autos präsentiert, in naher Zukunft sollen lenkradlose Elektrofahrzeuge die Passagiere buchstäblich per Knopfdruck ans gewünschte Ziel bringen. "'Wenn Sie mal so ein Google-Fahrzeug gesehen haben, sieht das etwa so aus wie eine Mondlandefähre', lästerte Daimler-Chef Dieter Zetsche vor einem Jahr, nachdem der US-Internetkonzern Google Pläne für ein selbstfahrendes Auto vorgestellt hatte." [3]

Dabei müsste es Zetsche eigentlich besser wissen, denn über die knatternden Kutschen eines gewissen Carl Benz mokierten sich einst auch dessen Zeitgenossen, zum Beispiel hochnäsige Reiter, für die eine Welt ohne vierbeinige Fortbewegungsmittel absolut undenkbar erschien. "Pferdelose Kutschen braucht niemand - sie qualmen, stinken und machen mit ihrem Lärm die Pferde scheu", lautet ein historisches Zitat. Selbst die Freunde des Fahrrads trugen mit großer Fachkunde ihren Teil zur Diskussion ums Auto bei: "Auch wenn ihr Preis der pferdelosen Kutsche in Zukunft wahrscheinlich fällt, wird sie natürlich niemals einen so breiten Einsatz finden wie das Fahrrad." [4] Wer lästert hat schnell das Nachsehen, weil er dadurch bloß seine eigene Ignoranz offenbart.

Fahrerlose Autos seien dem Mensch überlegen, da sie im Verkehr weniger Fehler machen, lautet ein Argument. Tatsächlich ist ein dramatischer Rückgang der Unfälle zu erwarten, weil sich die Technik vollkommen emotionslos über die Straßen von A nach B bewegt. Was man von dem ehedem auf den Bäumen lebenden Primaten, der sich in der Neuzeit massenhaft hinters Steuer klemmt und dort seinen im Tierreich wurzelnden Emotionen freien Lauf lässt, nicht behaupten kann. Dennoch muss rechtlich geklärt werden, wer bei Unfällen haftet, schließlich tragen die Insassen eines lenkradlosen Fahrzeugs keine Schuld, falls wider Erwarten doch irgendetwas passiert. Aber letztlich es geht gar nicht um Unfälle oder Haftungsfragen, das fahrerlose Auto macht vielmehr eine ganz andere Verkehrspolitik möglich. Mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Alltagsleben.

Unsere Beziehung zum "Heilig’s Blechle" wird sich dramatisch ändern. Schon jetzt verzichten viele junge Menschen aufs eigene Auto und nutzen allenfalls Carsharing - eine Branche mit hohen Wachstumsraten. Künftig bestellen wir womöglich ein fahrerloses Taxi, das uns zu Hause vor der Haustür abholt und nach dem Absetzen am Arbeitsplatz schon von anderen für die nächste Fahrt gebucht ist, bequem per Smartphone übers Internet. Erschöpft von der Shoppingtour durch die Innenstadt? Auto steht gleich nebenan bereit! Autofahrer sind dann eben keine Möchtegern-Schumis mehr, sondern lesen entspannt während der Autofahrt die neusten Nachrichten auf ihrem Tablet. Den "Coffee to go" oder meinetwegen den "Coffee to drive" inklusive. Das ist, zumindest unter Effizienzgesichtspunkten, fast ein Quantensprung.

Sie sind skeptisch? Das waren Menschen gegenüber Neuem schon von jeher. Wir können bestenfalls hoffen, das Ganze in die richtige Richtung zu lenken. Der Fortschritt trägt stets ein Janusgesicht - zu ihm gehören havarierende Atomkraftwerke genauso wie umweltschonende Windkrafträder oder Solarmodule. Roboter übernehmen bald den Großteil unserer Arbeit, nach einer Studie werden in den USA bis zum Jahre 2025 47 Prozent der heute existierenden Arbeitsplätze durch Automatisierung verschwinden. Doch das ist nur dann schlimm, wenn wir die derzeitige Organisation unserer Gesellschaft beibehalten. Wenn man sie dagegen so organisieren würde, dass Menschen eben nur noch halbtags beschäftigt sind (bei vollem Lohnausgleich, versteht sich), hätten wir viel mehr Zeit für die eigentlich wichtigen Dinge des Lebens. Autonome Kampfroboter, die künftig Kriege ganz ohne eigene Verluste versprechen, ängstigen uns zu Recht. Haushalts- und Pflegeroboter könnten dagegen unser Privatleben immens bereichern. Müsste ich zu Hause nicht abstauben oder putzen, könnte ich jeden Tag einen meiner wunderbaren Artikel schreiben (wer außerhalb jeglicher Kritik steht, werfe die erste faule Tomate).


Mit anderen Worten: Es kommt immer darauf an, was wir daraus machen. Insofern kann ich über die Reaktion der etablierten Autobauer über Googles Neuentwicklung nur den Kopf schütteln. Ich vermute, die werden sich noch mächtig wundern. Viele Entwicklungen wurden anfangs sträflich unterschätzt, belächelt oder gar abgelehnt. Das ging demjenigen, der in grauer Vorzeit das Rad erfunden hat, bestimmt genauso.

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[1] Deutsche Welle, KalenderBlatt, 13.2.1804: Erste Lokomotive auf der Schiene
[2] Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Eisenbahn
[3] Stuttgarter Zeitung vom 30.05.2014
[4] Alleenportal.de, Zitate