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10. Januar 2014, von Michael Schöfer
Ziemlich komisch, diese Menschen


Genetischen Untersuchungen zufolge sollen ja die Bonobos, also die Zwergschimpansen (oder falls Sie zufällig Lateiner sind: Pan paniscus), unsere nächsten Verwandten sein. Nur 1,23 Prozent unseres Erbguts unterscheidet sich von dem der Bonobos. Und angeblich sollen wir ihnen stammesgeschichtlich vor ungefähr sieben Millionen Jahren irgendwo in der Savanne Afrikas Adieu gesagt haben. Doch diese 1,23 Prozent haben es in sich: Wir philosophieren übers Metaphysische, komponieren mitreißende Symphonien, bauen schnelle Autos, riesengroße Flugzeuge und superflache Computer, drucken Bücher, Zeitungen und kryptische Gebrauchsanweisungen, fliegen in die Karibik zum Sonnenbaden und auf den Mond, um dort wie ein Känguru herumzuhüpfen, wählen ein Parlament und Deutschlands Superstar, erfinden unentwegt die raffiniertesten Mordwerkzeuge et cetera pp. Und die Bonobos? Nix davon! Könnten die das mit ihrem 400 ccm großen Gehirn (Homo sapiens: 1480 ccm) erfassen, würden sie mächtig staunen und vielleicht sogar gelegentlich anerkennend mit dem Kopf nicken. Nur in einem sind sie uns meilenweit voraus: beim Sex.

Sex spielt bei den Bonobos eine große Rolle. Das allein unterscheidet sie noch nicht von uns Menschen, aber sie praktizieren ihn auch ständig. Ja, Sie Neidhammel, wirklich ständig. Andauernd! Und im Gegensatz zu uns offenbar absolut selbstverständlich. Das was Moralapostel entsetzt als "Sodom und Gomorrha" bezeichnen, ist bei den Bonobos so normal wie unser Frühstücksei. Mal hier ein bisschen - Verzeihung - gevögelt, mal dort ein bisschen - Verzeihung - gepoppt. Bei den Bonobos scheint es absolut keine Moral zu geben, quer durch den Garten gewissermaßen, ohne eheliches Treueversprechen mit anschließendem Versorgungsausgleich. Wer etwas darüber liest, nickt insgeheim anerkennend mit seinem viel klügeren Menschenkopf. Oder soll man sagen: guckt neidisch? Im Vergleich zu unseren nächsten Verwandten sind wir alle furchtbar prüde. Sexuelle Revolution hin oder her. Anders ausgedrückt: Wir sind unter den Primaten die biedere "Hörzu", die Bonobos mindestens der "Playboy" (wenngleich etwas weniger intellektuell). Glauben Sie etwa, die Zwergschimpansen würden sich über Pornos im Internet aufregen und erzürnt eine PorNO-Kampagne ins Leben rufen? Nie im Leben! Die ließe das vollkommen kalt. Und was glauben Sie, was Zwergschimpansen mit einer Redtube-Abmahnung machen? Fressen, keinesfalls zahlen!

Bestimmt würden die Bonobos lauthals darüber lachen, dass den Weltreligionen Sex als größte Bedrohung der Menschheit gilt, sie sich aber zugleich intensiv damit befassen müssen. Rein theoretisch, versteht sich. Rauchen sollen wir nicht, fett essen ebenso wenig, natürlich niemals Drogen nehmen - und jetzt wollen einige auch noch die Prostitution verbieten. Sie ahnen ja sicherlich, was Bonobos von Freiern halten. Ist doch im Grunde sonnenklar: Warum etwas kaufen, das es ringsum im Überfluss gibt? Jedenfalls bei den Bonobos. So blöd können nur Menschen sein! Ob die Leiterin der Affengruppe lesbisch oder der Cousin des Alphatiers schwul ist, dürfte den Bonobos darüber hinaus herzlich egal sein. Nur wir Menschen machen einen Terz darum, wer mit wem im Bett was genau machen darf (oder auch nicht). Als ob uns das was anginge. Selbstbefriedigung und homosexuelle Kontakte sind bei den Bonobos die Regel, lesen wir im Tierlexikon. Hitzlspergers Coming-out ginge denen wahrscheinlich - Verzeihung - am Arsch vorbei. "So what?" Andererseits spielen Bonobos keinen Fußball. Stimmt auch wieder. Und glauben Sie, die würden sich wenigstens schamhaft zurückziehen? Pustekuchen, Bonobos machen es in aller Öffentlichkeit (nicht zur Nachahmung empfohlen). Sodom und Gomorrha eben.

Die 1,23 Prozent haben es also wirklich in sich. Und ich darf Sie gleich darauf hinweisen, dass die Gentechnik immer noch nicht in der Lage ist, in Liebesangelegenheiten aus einem Homo sapiens einen Pan paniscus zu machen. Die Bemühungen gehen vielmehr in die andere Richtung: das Gehirn eines Pan paniscus auf Menschengröße aufzublasen und im Gegenzug aus dessen überbordender Sexualität eine entsprechende Menge Energie herauszunehmen. Wissenschaftliche Forschung muss heutzutage züchtig sein. Schade eigentlich, denn die Gentechniker könnten sich damit ganz neue Käuferschichten erschließen. Das menschliche Verhalten ist ziemlich komisch: Wir haben Sexualität jahrtausendelang erfolgreich tabuisiert, gleichzeitig gipfeln all unsere Bemühungen (Karriere machen, schnelle Autos fahren, mit der Yacht, dem Privatflugzeug oder den Golfschlägern protzen) in dem Wunsch, die aufregendsten Weibchen abzuschleppen und - letztmals Verzeihung - flachzulegen. Genau das, was die Bonobos ganz ohne Karriere, Yacht und Golfschläger bekommen. Ziemlich aufwendig und irgendwie sinnlos, meinen Sie nicht? Kurzum, affig. Am Ende verpesten wir damit auch noch die Umwelt und gefährden dadurch den Bestand unserer Spezies. Das 1480 ccm-Gehirn des Homo sapiens bezeichnet dieses Verhalten zu allem Überfluss auch noch als "Fortschritt der Evolution". Ich fürchte, Darwin hat da irgendetwas falsch verstanden...