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19. Januar 2014, von Michael Schöfer
Superduper-Helden


Das Problem mächtiger Politiker ist: sie können nicht loslassen. Und dadurch verpassen sie oft die Chance, in der Geschichtsschreibung positiv in Erinnerung zu bleiben. Außerdem zerstören sie nicht selten die Erfolge ihres eigenen Wirkens. Hier gilt der Hinweis Abraham Lincolns: "Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht."

Nehmen wir zum Beispiel Deng Xiaoping, dessen Reformpolitik der Volksrepublik China nach den Wirren der Kulturevolution einen phänomenalen Aufschwung bescherte. Hätte er sich Ende der achtziger Jahre rechtzeitig auf sein wohlverdientes Altenteil zurückgezogen, wäre er als der Erneuerer Chinas in die Geschichte eingegangen. Aber es sollte nicht sein, er hat eben nicht loslassen können. Stattdessen befahl der 85-Jährige Anfang Juni 1989 die gewaltsame Niederschlagung der Studentenproteste, was uns allen als Tian’anmen-Massaker in Erinnerung geblieben ist. Dengs Andenken ist seitdem unauslöschlich mit Blut befleckt, neben dem erfolgreichen Reformer prägt jetzt das Bild des skrupellosen Schlächters die Geschichtsbücher.

Recep Tayyip Erdogan ist unter den Politikern ebenfalls ein Superduper-Held. Während seiner Regierungszeit hat sich die Türkei ökonomisch enorm weiterentwickelt. Das Land boomte. Auch politisch, etwa hinsichtlich der Entkrampfung zwischen Türken und Kurden, konnte er Erfolge erzielen. Wenngleich nicht alles Gold ist was glänzt, ging es der Türkei unter Erdogan recht gut. Bis vor kurzem. Bei der Niederschlagung der Gezi-Park-Proteste zeigte Erdogan der Welt sein wahres Gesicht - das eines selbstherrlichen Paschas. Und nach Korruptionsvorwürfen gegen Politiker der regierenden AKP geriert er sich unverhohlen als Autokrat. Unbequeme Justiz- und Polizeibeamte wurden geschasst, neuerdings stehen sogar Beamte von Aufsichtsbehörden und Redakteure des staatlichen Fernsehsenders TRT auf der Abschussliste. [1] Folge: Die türkische Lira ist auf einen historischen Tiefstand abgestürzt, die Börsenkurse fielen um ein Drittel [2], was - falls es dabei bleibt - die wirtschaftlichen Erfolge Erdogans wieder zunichtemachen könnte. Welches Bild der türkische Regierungschef in der Geschichtsschreibung hinterlassen wird, ist noch offen. Er unternimmt jedenfalls derzeit alles, um sein Image dauerhaft zu beschädigen. Ähnlich wie bei Deng Xiaoping könnte sein Starrsinn am Ende das Bild des Reformers überlagern.

Der nächste Superduper-Held hält am gegenüberliegenden Ufer des Mittelmeers die Zügel fest in der Hand: der ägyptische General Abd al-Fattah as-Sisi. As-Sisi ließ gerade, nachdem er vor einem halben Jahr die erste freigewählte Regierung Ägyptens wegputschte, mit sozialistisch anmutenden 98,1 Prozent eine fürs ägyptische Militär maßgeschneiderte Verfassung absegnen. Allerdings lag die Wahlbeteiligung bei mageren 38,6 Prozent, von fairen Bedingungen im Vorfeld der Abstimmung kann ebenfalls keine Rede sein. Nun denn, as-Sisi gilt zumindest im Augenblick als der starke Mann Ägyptens, und er wird wohl auch der nächste Präsident des Nil-Landes sein. "Wenn Volk und Armee mich rufen, werde ich kandidieren", bekundet er. [3] Der Herr möchte also gerufen werden, was freilich bloß die gewaltsame Machtübernahme kaschieren soll. Und man darf sicher sein, das Volk wird ihn rufen, die Propaganda wird bestimmt dafür sorgen. Seine Bereitschaft garniert as-Sisi, wie könnte es in der Region anders sein, mit orientalischen Märchen: Vor 35 Jahren sei ihm der damalige Präsident Anwar as-Sadat in einem Traum erschienen: "Sadat sagte, er habe früh geahnt, dass er später Präsident werde. Ich erwiderte, dass auch ich bereits weiß, dass ich mal Ägyptens Präsident sein werde", erinnert sich der 59-Jährige. [4] Höhere Weihen hätte er nur von Gott oder Gamal Abdel Nasser empfangen können, aber das hebt sich as-Sisi vielleicht für später auf. Man träumt ja gemeinhin jede Nacht. Der General steht erst am Anfang seiner politischen Karriere. Für Prognosen, wohin er sich entwickeln wird, ist es daher noch zu früh (Potentaten bleiben bekanntlich, sofern sie zwischendurch nicht gewaltsam gestürzt werden, häufig lebenslang im Amt). Immerhin ähnelt as-Sisis derzeitiges Verhalten eher dem Beispiel Augusto Pinochets, weniger dem Nelson Mandelas.

Superduper-Helden können sich in der Regel nur dort entwickeln, wo keine oder bloß unzureichende demokratische Kontrollen existieren. Checks and Balances sind somit für das langfristige Gedeihen eines Gemeinwesens unabdingbar. Genau die schließen nämlich Superduper-Helden aus. Das hält zwar Demokratien, wie derzeit auf ökonomischem Gebiet zu beobachten ist, nicht von haarsträubenden Torheiten ab, doch ermöglichen es die demokratischen Mechanismen der Gesellschaft, dem Pendel bei Bedarf auch wieder eine andere Richtung zu geben. Etwas, das Superduper-Helden unterbinden, weil es deren Macht einschränkt. Genaugenommen sind Superduper-Helden wie die Dinosaurier - noch herrschen sie, aber ihre Uhr läuft unaufhaltsam ab, denn wahre Modernität ist untrennbar mit geistiger Freiheit verbunden. In einem Klima politischer Intoleranz gibt es kaum echte Innovationen. So glänzt zum Beispiel China weltweit mit den meisten Patenten. Kritiker sagen allerdings, die Volksrepublik sei lediglich bei der Quantität spitze, weniger bei der Qualität. "Der neue iPod wird nicht in China erfunden", heißt es deshalb. Von daher wird sich auch in der Türkei und Ägypten die Situation nur verbessern, wenn es die politischen Verhältnisse zulassen.

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[1] tagesschau.de vom 18.01.2014
[2] boerse.ARD.de vom 03.01.2014
[3] Spiegel-Online vom 11.01.2014
[4] tagesschau.de vom 28.12.2013