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20. Januar 2014, von Michael Schöfer
Seien Sie ausnahmsweise mal ehrlich


Mein Gott, tun Sie doch nicht so, wo wird denn heutzutage nicht geschummelt? Die Doktortitelträger, angefangen von Anette Schavan über Silvana Koch-Mehrin bis Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, die ihren akademischen Grad wegen ein paar falsch gesetzten Vornamen Fußnoten zurückgeben mussten, sind ja bereits Legende. Wohlmeinende fragen sich mittlerweile, ob man nicht besser die aufzählt, die ihren Doktortitel rechtmäßig erworben haben. Dann wäre man wenigstens schneller fertig. Und was ist mit "Schummel-Schumi"? Trotz Skiunfall bleibt festzuhalten: "Holzplatten, Schwarze Flaggen, Rammstöße - Skandale pflastern Michael Schumachers Weg. Kein anderer Formel-1-Fahrer hat ein umfangreicheres Sündenregister und musste sich häufiger vor den strengen Richtern des Automobil-Weltverbandes (FIA) verantworten." [1] Und? Was war? Schumi ist trotzdem siebenfacher Formel 1-Weltmeister geworden. Oder gerade deswegen...

In Russland hat ehedem ein gewisser Grigori Alexandrowitsch Potjomkin hübsch anzusehende Dörfer aufgebaut. Kaum zu glauben: Obgleich ihm die farbenfrohe Gestaltung der Fassaden besonders wichtig war, unterbot er hinsichtlich der Baukosten alle Erwartungen. Dadurch ist er berühmt geworden, man hat die Dörfer sogar nach ihm benannt, mit Ehrlichkeit wäre er dagegen längst der Vergessenheit anheimgefallen. Oder denken Sie an den Baron Münchhausen - Hans Albers hat sich damals um die Rolle gerissen, so attraktiv war das Leben des Lügenbarons. Über Guttenberg wurde ja auch geschrieben, er habe stets "bella figura" gemacht. Ehrliche Menschen sind hingegen stinklangweilig, und keiner geht wegen eines Langweilers ins Kino. Die Welt will eben betrogen werden.

Organisationen, ob Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften, lassen ihre Mitgliederzahlen gerne größer erscheinen, als sie in Wahrheit sind. Nur der Kleintierzuchtverein Strümpfelbrunn hat sich diesbezüglich zu absoluter Ehrlichkeit verpflichtet. 38,5 Mitglieder! Und? Sehen Sie den Vereinsvorsitzenden tagtäglich in den 20 Uhr-Nachrichten? Nein, natürlich nicht, aber dafür die CDU-Vorsitzende, den Papst oder den Chef der Lokführergewerkschaft. Mit anderen Worten: Aufrichtigkeit zahlt sich nicht aus - zumindest nicht medial. Wer will es von daher dem ADAC verdenken, bei der Wahl zum "Gelben Engel" (Leserwahl des Lieblingsautos) die Zahl der abgegebenen Stimmen ein bisschen frisiert zu haben? Niemand. Frisieren ist doch bei Autos branchenüblich. Diesmal allerdings nicht tiefergelegt, sondern "nach oben korrigiert". So nett kann man Manipulationen umschreiben.

Der Vorsitzende der ADAC-Geschäftsführung, Dr. Karl Obermair, ist "fassungslos über die Dreistigkeit des Fehlverhaltens einer einzelnen Führungskraft", dem ADAC sei dadurch "schlimmer Schaden zugefügt worden". [2] Zweifellos. Wer angesichts dessen das bitterböse Wort "Bauernopfer" in den Mund nimmt, lügt wie gedruckt. Nicht "korrigiert" wurde zum Glück, darauf legt der ADAC allergrößten Wert, die Rangfolge der Ergebnisse. So dreist war die "einzelne Führungskraft" nun auch wieder nicht. Jedenfalls müssen wir das bis zum Beweis des Gegenteils glauben. Gesiegt hat dieses Jahr der VW Golf - ob mit 3.409 oder mit 34.299 Stimmen ist doch im Grunde einerlei. Wladimir Putin will bei den Präsidentschaftswahlen in Russland 45.602.075 Stimmen erhalten haben, in Wahrheit waren es bloß zwei (seine und die von Dmitri Medwedew). Seien Sie ausnahmsweise mal ehrlich: Was ist schlimmer? Sehen Sie...

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[1] RP-Online
[2] ADAC, Der ADAC bedauert die Vorkommnisse um geschönte Zahlen bei der Wahl zum "Gelben Engel"