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01. Februar 2014, von Michael Schöfer
Es gibt Dinge, die ändern sich offenbar nie

Platon irrte, seine Einschätzung "Alles bewegt sich fort und nichts bleibt" ist falsch, denn ein paar Dinge bleiben uns erhalten: die alljährliche Grippewelle; das Mosern über zu kaltes, zu warmes, zu nasses oder zu trockenes Wetter; das kultivierte Gesprächsklima bei Markus Lanz und natürlich die falschen Prognosen übers Weihnachtsgeschäft. "Deutschland im Kaufrausch", titelte Spiegel-Online kurz vor Weihnachten. Grund: "Laut GfK sinkt die Sparneigung, die Konsumstimmung ist so gut wie seit sechs Jahren nicht mehr." [1] Der Fachverband HDE erwartete fürs Weihnachtsgeschäft Rekordumsätze, überschwänglich feierte man die scheinbar massiv gestiegene Kauflaune der Konsumenten. [2] Wie freilich von kritischen Beobachtern vorhergesagt, wurden die Erwartungen leider abermals enttäuscht.

Denn wie nun das Statistische Bundesamt mitteilte, lag der "Einzelhandelsumsatz im Dezember 2013 real um 2,4 % niedriger als im Dezember 2012". Im "gesamten Jahr 2013 setzte der deutsche Einzelhandel (...) real 0,1 % mehr um als im Jahr 2012". [3] Magere 0,1 Prozent mehr! Damit lösen sich nicht nur die Rekordumsätze und der Kaufrausch in Luft auf, sondern womöglich auch gleich der private Konsum als entscheidende Stütze der Konjunktur. Die privaten Konsumausgaben seien, so berichtete das Statistische Bundesamt Mitte Januar bei der Präsentation der vorläufigen Ergebnisse des Bruttoinlandsprodukts [4], preisbereinigt um 0,9 Prozent gestiegen (BIP 0,4 %). Angesichts der enttäuschenden Zahlen des Einzelhandels ist hier durchaus eine Korrektur nach unten denkbar. Abwarten, detaillierte Ergebnisse gibt es erst am 25. Februar.

Die Anzeichen für eine deflationäre Entwicklung mehren sich: Die Reallöhne sind hierzulande im dritten Quartal 2013 um 0,3 Prozent gesunken [5] (1. Quartal -0,1 %, 2. Quartal 0,0 %) und die Verbraucherpreise im Januar 2014 gegenüber dem Vorjahresmonat um lediglich 1,3 % gestiegen [6] (im Januar 2012 waren es gegenüber dem Vorjahresmonat noch 1,7 Prozent [7]). Wo die Werte übers ganze Jahr hinweg stehen, muss man ebenfalls abwarten.

Die Krise ist also noch lange nicht vorbei. Wie auch, schließlich haben sich die Verhältnisse nicht grundlegend geändert. Es ist doch eigentlich Irrsinn: Da erwirtschaftet Deutschland 2013 weltweit mit 200 Mrd. Euro den höchsten Leistungsbilanzüberschuss aller Staaten [8], dennoch sind bei uns die Reallöhne heute niedriger als im Jahr 2000 [9]. Das eine bedingt eben das andere: Die von Deutschland u.a. mithilfe von Hartz IV betriebene Dumpingpolitik bei den Löhnen hat unsere sagenhaften Exporterfolge erst möglich gemacht. Allerdings, wie man andernorts sieht, zum Schaden unserer Handelspartner, denn die Überschüsse des einen sind logischerweise die Defizite des anderen. Und wenn Markus Lanz Sahra Wagenknecht hätte ausreden lassen [YouTube-Video], hätte er es unter Umständen auch begriffen. Aber selbst das, die Umgangsformen des ZDF-Moderators, ändert sich offenbar nie.

Und das Allerbeste ist: Die Deutschen sind angeblich weiter in Kauflaune, das Geld sitze ihnen derzeit besonders locker im Portemonnaie. Sagen zumindest die Konsumforscher. "Die Konsumlaune sei im Januar so gut gewesen wie zuletzt vor mehr als sechs Jahren, teilte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg mit. Getrieben werde die Kauflust von einem wachsenden Konjunktur-Optimismus und erneut gestiegenen Einkommenserwartungen - ein stabiler Arbeitsmarkt sowie eine geringe Inflation böten dafür derzeit beste Bedingungen." Das sind die üblichen Textbausteine, die die GfK alle paar Monate an die Medien versendet. Besser kann man Platon kaum widerlegen. "Die GfK-Konsumklimastudie gilt als wichtiger Konjunkturindikator", gibt uns die ARD bedeutungsvoll mit auf den Weg. [10] Ja, ja, genauso wichtig wie im Dezember, als man mit der Prognose fürs Weihnachtsgeschäft meilenweit danebenlag.

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[1] Spiegel-Online vom 20.12.2013
[2] N24 vom 21.12.2013
[3] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 036 vom 31.01.2014
[4] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 016 vom 15.01.2014
[5] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 437 vom 19.12.2013
[6] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 035 vom 30.01.2014
[7] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 040 vom 31.01.2013
[8] Die Welt-Online vom 14.01.2014
[9] Statistisches Bundesamt, Verdienste und Arbeitskosten, Reallohnindex und Nominallohnindex, 3. Vierteljahr 2013, PDF-Datei mit 281 kb
[10] tagesschau.de vom 29.01.2014