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05. März 2014, von Michael Schöfer
Der Splitter im Auge des anderen


Putin hat Angela Merkels Worten zufolge "den Kontakt mit der Realität verloren", der russische Präsident "lebe in einer anderen Welt". Und sie habe Putin in einem Telefongespräch vorgeworfen, "mit der unakzeptablen russischen Intervention auf der Krim" gegen das Völkerrecht zu verstoßen. [1] Putin ist zweifellos ein Autokrat, der zu Hause die Meinungsfreiheit unterdrückt und - siehe Tschetschenien - nicht davor zurückschreckt, auch Waffengewalt anzuwenden. Seine treuherzige Beteuerung, Russland sei ja gar nicht in der Krim einmarschiert, es handle sich bei den Soldaten dort lediglich um örtliche Selbstverteidigungskräfte ("Uniformen könne man sich inzwischen in jedem Geschäft besorgen"), ist Zynismus pur. Radpanzer und Sturmgewehre dürfte man selbst in der Ukraine kaum in "jedem Geschäft" besorgen können. Putin ist freilich nicht dumm, er weiß, dass er hier Blödsinn zum Besten gibt. Nennen wir den Blödsinn einfach plumpe Propaganda. Man darf sich hinsichtlich des russischen Präsidenten keinerlei Illusionen hingeben. Oder haben Sie von ihm wirklich etwas anderes erwartet? Ob er jedoch tatsächlich den Kontakt zur Realität verloren hat, ist fraglich. Es könnte ja durchaus sein, dass er zwar riskant, aber dennoch rational kalkuliert.

Merkels Urteil, Putin habe den Kontakt zur Realität verloren, könnte genauso gut auf den Westen zutreffen. Denn das, wovor viele seit langem gewarnt haben, nämlich die Unsitte, notfalls gegen das Völkerrecht zu handeln (Grenada, Kosovo, Irak, um nur drei Beispiele zu nennen), rächt sich nun bitter. Aber das wollten die Verantwortlichen bei uns nie hören. Es gibt kein Land, das häufiger verdeckte Operationen und militärische Interventionen im Ausland unternommen hat, als die Vereinigten Staaten von Amerika. Und das in den meisten Fällen ebenfalls nicht im Einklang mit dem Völkerrecht. Scheinbare Hilferufe? Das kennen die USA doch zur Genüge. Und sie sind ihnen oft allzu bereitwillig gefolgt.

Wie will man Putin für etwas verurteilen, vor dem man genauso wenig zurückschreckt? Wer sich als Richter über andere aufspielt, sollte selbst über jeden Verdacht erhaben sein. Muss man wirklich daran erinnern, dass in Guantanamo noch immer Menschen ohne Anklage oder Gerichtsurteil inhaftiert sind? Und das zum Teil schon mehr als zehn Jahre? Muss man daran erinnern, dass die moralisch ach so überlegenen USA gefoltert haben und in Pakistan, dem Jemen oder Somalia nach wie vor einen rechtswidrigen Drohnenkrieg führen? Dass Barack Obama sich dort als Herr über Leben und Tod aufspielt, Ankläger, Richter und Henker in einem ist? Ich bezweifle, ob Angela Merkel dem US-Präsidenten angesichts der skandalösen Abhörpraxis der NSA je attestiert hat, er habe den Kontakt zur Realität verloren. Öffentlich jedenfalls nicht. Obgleich das Urteil durchaus angemessen wäre, denn wer das Abhören der deutschen Regierung mit dem Kampf gegen den Terror begründet, hat offenbar nicht alle Tassen im Schrank.

Man sollte sich überdies vor Hysterie hüten. Wenn jetzt beispielsweise in Polen, Ungarn oder in Tschechien gefragt wird, ob man das nächste Opfer Putins sei, wird maßlos übertrieben. Die Ängste sind zwar aufgrund der Geschichte (Hitler-Stalin-Pakt, Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn 1956, Einmarsch der Sowjetunion in die CSSR 1968) verständlich, aber sind sie auch realistisch? Wohl kaum. Putin weiß, dass er damit den Rubikon zum Krieg mit der Nato überschreiten würde, es käme fast unvermeidbar zum Dritten Weltkrieg. Wäre er wirklich derart realitätsfern, hätte er in der Ukraine ganz anders gehandelt. Zumindest bislang fielen auf der Krim noch keine Schüsse. Trotz martialischem Gehabe hat Russland in der Vergangenheit eher zurückhaltend agiert und bis auf wenige Ausnahmen (Berlin-Blockade, Kubakrise) nie die direkte Auseinandersetzung mit dem Westen gesucht. Wenn Putin, wie unterstellt, sowjetisch geprägt ist, wird er sich wahrscheinlich entsprechend verhalten.

Meiner Ansicht nach handelt Putin rational, er hat kühl einkalkuliert, dass der Westen wegen der Krim keinen Krieg mit Russland führen wird. Das macht das Ganze - völkerrechtlich und moralisch betrachtet - zwar nicht besser, bedeutet aber, dass man sich mit ihm auf einer rationalen Ebene treffen kann. Falls nicht, muss man ohnehin mit dem Schlimmsten rechnen. Mag sein, dass er sich hinsichtlich der ökonomischen Folgen verkalkuliert hat, aber er wird die Vor- und Nachteile seines Handelns vorher abgewogen haben. Das schützt zwar nicht vor Fehlurteilen, und meines Erachtens beruht der Militäreinsatz auf der Krim auf einem solchen, spricht ihm aber keineswegs - anders als es Merkel tut - jegliche Rationalität ab. Im Gegenteil, Putin lebt, ebenso wie wir alle, genau in der Realität, die wir bedauerlicherweise haben. Wir leben nun mal unzweifelhaft in einer grausamen, verlogenen und ungerechten Welt. Homo homini lupus, wie der Lateiner sagen würde: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Zum Teil sogar (siehe oben) durch unser eigenes Zutun.

Man kann es als Realitätsverlust bezeichnen, nur den Splitter im Auge des anderen zu sehen, während man den Balken im eigenen geflissentlich übersieht. Das Schwarz-Weiß-Denken, bei dem wir das Gute stets auf der eigenen Seite wähnen, das Schlechte hingegen immer auf der Seite des anderen, hat sicherlich keinen Bezug zur Realität. Letztere ist nämlich vielschichtiger, als wir gemeinhin annehmen. Insofern fällt das Urteil Angela Merkels über Wladimir Putin ein bisschen auf sie selbst zurück.

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[1] Die Welt-Online vom 03.03.2014