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05. April 2014, von Michael Schöfer
Political correctness kann auch zur Hysterie führen


Die Bundesregierung hat beschlossen, aus Anlass des 90. Geburtstages von Henry Kissinger an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn einen Lehrstuhl für internationale Beziehungen und Völkerrecht unter dem Namen des früheren amerikanischen Außenministers einzurichten. Kissinger habe sich "in herausragender Weise um Friedenspolitik und Entspannung, um Sicherheit und Abrüstung in der Welt verdient gemacht". [1] Finanziert wird die Stiftungsprofessur aus Mitteln des Verteidigungsministeriums und des Auswärtigen Amtes. Ausgerechnet Kissinger, ausgerechnet ein Lehrstuhl für Völkerrecht. Das ist genau besehen so unverträglich wie Feuer und Wasser.

Wegen der höchst dubiosen Rolle, die Henry Kissinger in der Vergangenheit gespielt hat, insbesondere im Vietnamkrieg und bei der Unterstützung von Militärdiktaturen in Lateinamerika, protestieren Wissenschaftler, Publizisten und Studierende m.E. zu Recht gegen die Einrichtung einer Henry-Kissinger-Professur: "Henry Kissinger wird vorgeworfen, als Nationaler Sicherheitsberater (1969-1973) und US-Außenminister (1973-1977) Kriegsverbrechen verantwortet und schwere Menschenrechtsverletzungen geduldet oder begünstigt zu haben. Dies bezieht sich unter anderem auf Kissingers Rolle bei der Verlängerung und Intensivierung des Vietnamkriegs, auf die von ihm betriebene Ausweitung der kriegerischen Intervention der USA auf Kambodscha und Laos sowie die Flächenbombardements gegen zivile Ziele in Nordvietnam. Direkt beteiligt war Kissinger auch an der Planung des von den USA ausgehenden Wirtschaftskriegs gegen den gewählten Präsidenten Chiles, Salvador Allende, der dem Militärputsch vom 11. September 1973 vorausging. (...) Angesichts dieser schwerwiegenden Tatbestände, die sich durch zahlreiche Dokumente und Forschungserkenntnisse belegen lassen, ist eine Ehrung Kissingers durch eine nach ihm benannte Professur schlichtweg inakzeptabel", schreiben sie in einem offenen Brief.

"Ich halte Kissinger für einen Kriegsverbrecher", sagt der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser. Und der 2011 verstorbene britische Journalist Christopher Hitchens, der sich in seinem Buch "Die Akte Kissinger" ausgiebig mit der Politik Kissingers auseinandergesetzt hat, nannte den Doyen der amerikanischen Diplomatie einen "Lügner", "Mörder" und "Kriegsverbrecher". [2] "Nixons ungemein abstoßender Stellvertreter Henry Kissinger tat sich keinen Zwang an, im Ausland zum Mord anzustiften und Militärcoups zu fördern", wetterte Hitchens in dem für ihn charakteristischen Stil. [3]

Offiziell wies Kissinger sämtliche Vorwürfe stets empört zurück, beispielsweise in Bezug auf den Putsch in Chile anno 1973. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen der "anti-amerikanischen Propaganda" habe die Regierung Nixon nichts "mit der Vorbereitung" des Sturzes von Allende und "den Verschwörern" zu tun gehabt, beteuerte er standhaft. Es gebe "keinen Nachweis für eine amerikanische Beteiligung. (...) Die offiziellen Akten lassen außer Zweifel, dass sich die amerikanische Regierung nach Übernahme des Präsidentenamtes durch Allende nicht besonders intensiv mit Chile beschäftigte." [4] Später von US-Präsident Clinton veröffentlichte Dokumente belegen freilich das Gegenteil.

Telegramm an das CIA-Büro in Santiago de Chile, 06.10.1970: "Nehmen Sie Verbindung zu den Militärs auf und lassen Sie sie wissen, dass die Regierung der USA eine militärische Lösung anstrebt und dass sie jetzt und in Zukunft unsere Unterstützung haben. (...) Schaffen Sie zumindest eine für Putschabsichten günstige Atmosphäre. Leisten Sie einer militärischen Aktion Vorschub." [5] Telegramm vom 16.10.1970: "Es ist ein fester und andauernder Grundsatz, dass Allende durch einen Staatsstreich gestürzt wird. Es wäre von großem Vorteil wenn dies vor dem 24. Oktober [1970] passierte, aber Maßnahmen in dieser Angelegenheit werden über dieses Datum hinaus energisch weitergeführt. Wir werden fortfahren, maximalen Druck unter Ausnutzung aller geeigneten Mittel bis zum Schluss aufzubauen. Es ist geboten, dass diese Maßnahmen heimlich und sicher vollzogen werden, so dass die US-Regierung und die amerikanische Hand wohl verborgen ist." [6]

Kurzum, Kissinger sollte wirklich nicht durch eine Stiftungsprofessur geehrt werden. Wer so viele dunkle Flecken auf der Weste hat, ist wahrlich kein Aushängeschild, mit dem man sich brüsten kann. Ehre, wem Ehre gebührt. Kissinger gebührt sie jedoch unzweifelhaft nicht.

Aber Vorsicht, die weitverbreitete political correctness kann leicht zur Hysterie führen. Brendan Eich ist nach nur zehn Tagen als Chef von Mozilla zurückgetreten. Grund: Er "hatte 2008 einen Gesetzentwurf gegen gleichgeschlechtliche Ehen in Kalifornien mit 1000 Dollar unterstützt" und "in den 90er Jahren an rechtskonservative Politiker wie Pat Buchanan und Ron Paul" Geld gespendet. [7] Wegen des daraufhin einsetzenden Shitstorms musste er schließlich rasch die Segel streichen. Nun kann man gleichgeschlechtliche Ehen unter dem Gesichtspunkt der Gleichbehandlung durchaus für gerechtfertigt halten, aber man muss es nicht. Das ist nämlich eine Frage der politischen, religiösen oder ethischen Einstellung jedes Einzelnen und fällt folglich unter die Meinungsfreiheit. Ob anderen das gefällt oder nicht, ist vollkommen irrelevant. Man darf sich also dagegen aussprechen, ohne gleich mit seinem Job dafür bezahlen zu müssen. Konservative Politiker zu unterstützen, ist ebenfalls kein Verbrechen. Eigentlich.

Kürzlich war auch der künftige Chef der Münchner Philharmoniker, der Dirigent Valery Gergiev, heftiger Kritik ausgesetzt. Grund: Der Russe unterstützt Wladimir Putins Krim-Politik. Gergiev sei in München "ein designierter Chefdirigent auf Bewährung", kommentierte die taz und sprach sich damit faktisch für Meinungskontrolle und Berufsverbote aus. [8] Erstaunlich für ein linksalternatives Blatt. Um es klarzustellen: Gergiev hat weder Kinder missbraucht, Massenmorde gerechtfertigt noch Putin-Kritikern die Kehle durchgeschnitten. Er hat lediglich eine andere politische Meinung. Neuerdings offenbar schon der Vergessenheit anheimgefallen: Pluralismus und Toleranz sind Merkmal der vielbeschworenen westlichen Wertegemeinschaft und untrennbar mit ihr verbunden. Oder um es mit dem fälschlicherweise Voltaire zugeschriebenen Satz zu sagen: "Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen." (In Wahrheit stammt er von der englischen Schriftstellerin und Voltaire-Biografin Evelyn Beatrice Hall.)

Die beiden zuletzt genannten Fälle liegen auf einem anderen Level als das widerwärtige Handeln Henry Kissingers, deshalb muss man das Ganze sauber auseinanderhalten. Differenzierung tut not, alles andere ist in meinen Augen höchst undemokratisch. Niemand soll allein wegen seiner Meinung den Job verlieren - dieses Prinzip gilt sogar für taz-Redakteure. Kissinger in der taz-Redaktion zu sehen, würde mir hingegen weniger gefallen. Aber er hat ja auch Menschen auf dem Gewissen, vertritt also nicht bloß eine abweichende Meinung. Bedauerlicherweise haben wir im Zeitalter der political correctness diesen ausschlaggebenden Unterschied etwas aus den Augen verloren. Unterschiedslos fegt die Empörung über alles hinweg, was sie glaubt verdammen zu müssen. Und wer nicht rechtzeitig den Kopf einzieht, ist ihn alsbald los. Schuldig oder nicht schuldig? Heutzutage fast schon egal. Keine gute Entwicklung, wenn Sie mich fragen.

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[1] Deutsche Welle vom 03.04.2014
[2] Christopher Hitchens, The Hitch: Geständnisse eines Unbeugsamen
[3] Deutschlandfunk vom 31.10.2011
[4] Henry Kissinger, Memoiren 1973-1974, Teil 1, Seite 524f
[5] Tim Weiner, CIA - Die ganze Geschichte, Frankfurt am Main 2008, Seite 415
[6] The National Security Archive, The George Washington University, Chile and the United States: Declassified Documents Relating to the Military Coup, September 11, 1973, PDF-Datei mit 1 MB, Übersetzung Wikipedia, Putsch in Chile 1973
[7] taz vom 04.04.2014
[8] taz vom 27.03.2014