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13. April 2014, von Michael Schöfer
Hier lügt einer wie gedruckt


Die Nato wirft Russland vor, an der Grenze zur Ukraine Truppen zusammengezogen zu haben und untermauert diese Aussage mit Satellitenbildern. Russland behauptet dagegen, die Fotos würden aus dem August 2013 stammen, als russische Truppen in dieser Gegend Manöver abhielten. Die Nato versichert wiederum, die Aufnahmen seien "zwischen Ende März und Anfang April 2014" gemacht worden. [1] Hier lügt also einer wie gedruckt. Mindestens einer, vielleicht sogar alle beide.

Der Mensch ist ein visuelles Wesen und glaubt deshalb Bildern mehr als Worten. Doch Bilder können gefälscht sein bzw. in Wahrheit eine ganz andere Bedeutung haben. Legendär sind ja die Satellitenbilder, die der damalige US-Außenminister Colin Powell 2003 dem Uno-Sicherheitsrat präsentierte. Darauf gestützt stellte er fest: "Es gebe keinen Zweifel, dass Saddam Hussein in der Lage sei, biologische und chemische Waffen zu produzieren." [2] Doch wie wir heute wissen, war alles gelogen, Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen existierten überhaupt nicht. Die USA brauchten bloß einen Vorwand, um in den Irak einzumarschieren. Dies sei ein "Schandfleck" in seiner Karriere, gab Powell später zähneknirschend zu. [3]

Und jetzt geht es erneut um Satellitenbilder. Doch wem soll man glauben? Den in der Verbreitung nützlicher Lügen erprobten Vereinigten Staaten? Oder der darin nicht minder begabten russischen Führung? Schwer zu beurteilen. Ein Nato-Bild auf Spiegel-Online zeigt den Militärflughafen Primorsko-Achtarsk in der Region Krasnodar, der am Schwarzen Meer direkt gegenüber der ukrainischen Küste liegt. Auf dem Flughafen sind acht Kampfflugzeuge und sechs Kampfhubschrauber zu sehen. Sieht man sich allerdings den Militärflughafen (Breite: 46° 3'25.69"N, Länge: 38°13'48.30"E) in Google Earth an, die Aufnahmen stammen vom 15.08.2013, sind dort auf dem Rollfeld 61 Kampfflugzeuge und zwei Hubschrauber zu sehen. Mitte August 2013 saß in der Ukraine Präsident Viktor Janukowitsch noch fest im Sattel, die Proteste auf dem Maidan in Kiew begannen erst im November 2013. Zumindest in Bezug auf Primorsko-Achtarsk stützen die Satellitenbilder von Google Earth also die russische Version.

Das nächste Satellitenbild der Nato, das auf Spiegel-Online zu sehen ist, zeigt angeblich ein Artillerie-Bataillon bei Nowotscherkassk. In Google Earth ist in der Stadt jedoch auch eine große Kaserne (Breite: 47°24'35.82"N, Länge: 40° 4'6.46"E) zu sehen, auf deren Gelände jede Menge Militärfahrzeuge stehen, darunter offenbar etliche Kampfpanzer und/oder Panzerartillerie (die Bildqualität gestattet leider keine eindeutige Feststellung). Die Aufnahme wurde am 09.08.2011 gemacht, d.h. dass in dieser Region wahrscheinlich ohnehin starke Truppenverbände dieser Waffengattung stationiert sind. Die Orte der anderen Nato-Satellitenaufnahmen konnte ich mit Google Earth nicht genau lokalisieren. Natürlich ist damit keineswegs gesagt, dass es die von der Nato angeprangerte russische Truppenkonzentration in der Nähe der Ukraine nicht gibt, aber zumindest scheint eine größere Ansammlung in dieser Region nichts Außergewöhnliches zu sein.

Man kann davon ausgehen, dass in diesem Konflikt beide Seiten Probleme mit der Wahrheit haben. Und es ist bedauerlicherweise mitnichten klar, wem man mehr glauben darf. Für den Zustand der "westlichen Wertegemeinschaft" ist dieses Urteil im Grunde ein Armutszeugnis, denn gemessen an ihren hehren Ansprüchen müsste sie wesentlich vertrauenswürdiger sein. Die Erfahrung zeigt indes (siehe oben), dass die Menschen auch den Darstellungen des Westens nur begrenzt Vertrauen schenken können. Die westliche Propaganda kommt freilich in der Regel nicht so plump daher, wie zuweilen die russische. Dmitri Kisseljow, Generaldirektor der Nachrichtenagentur Rossiya Segodnya, meint etwa: "In Russland können wir die Redefreiheit in vollem Maße genießen, während im Westen 'Politkorrektheit und politische Zweckmäßigkeit im Interesse der Sicherheit' zu Argumenten gegen das freie Wort geworden sind." Der Westen habe daher an Redefreiheit verloren und Russland an Redefreiheit gewonnen. [4] Nun ja, so kann man es natürlich auch sehen. Von der Meinungsfreiheit à la Putin können viele Andersdenkende ein Lied singen - abends, im Straflager, nach getaner Zwangsarbeit.

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[1] Ria Novosti vom 10.04.2014
[2] Spiegel-Online vom 05.02.2003
[3] FAZ.Net vom 09.09.2005
[4] Ria Novosti vom 11.04.2014