Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



25. April 2014, von Michael Schöfer
Russen-Panzer bald in Kiew?


Namen sind Schall und Rauch? Von wegen, Namen können sogar kriegsauslösend sein. Stellen Sie sich einmal vor, Angela Merkel hätte den CSU-Politiker Gerd Müller im Dezember vergangenen Jahres nicht zum Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sondern zum Verteidigungsminister gemacht. In der aktuell durch die Ukraine-Krise extrem angespannten Lage wäre Wladimir Putin bei seiner Internet-Recherche, wer sich hinter diesem ominösen Gerd Müller verbirgt, sicherlich schnell beim "Bomber der Nation" gelandet. Der heißt bekanntlich ebenfalls Gerd Müller.

"Verteidigungsminister" und "Bomber" - bei dieser Kombination ist es bis zum fatalen Fehlschluss, in Berlin säße ein ganz gefährlicher Mann an den Schalthebeln der Bundeswehr, nicht mehr allzu weit. Sir Arthur Travers Harris, den sie seinerzeit liebevoll "Bomber-Harris" nannten, legte nämlich im II. Weltkrieg als Oberkommandierender der britischen Bomberflotte Deutschlands Städte in Schutt und Asche. Wladimir Putin hätte womöglich in seiner Panik (Oh Gott, oh Gott, die Deutschen bomben wieder!) gleich auf den roten Knopf gedrückt. Tja, und das wäre es dann wohl gewesen - für die Ukraine, für Europa, für die Nato und vielleicht sogar für die ganze Welt. Merk' Dir deshalb, liebe Angela: Ernenne den Gerd Müller nie zum Verteidigungsminister, denn der "Iwan" könnte das furchtbar missverstehen und präventiv losschlagen.

Die Russen sind ohnehin leicht aus der Fassung zu bringen. Nach dem II. Weltkrieg, in dem sie glücklicherweise mit besagtem "Bomber-Harris" verbündet waren, schenkten sie uns zahlreiche Gedenkstätten: Es gibt ein Sowjetisches Ehrenmal im Berliner Tiergarten, in den Berliner Bezirken Lichtenberg, Treptow-Köpenick und Pankow sowie in den Städten Dortmund, Dresden, Potsdam und Stralsund. Die Sowjets (Tarnname der Russen von 1917 bis 1991) wollten damit ihre im "Vaterländischen Krieg" gefallenen Soldaten der "Roten Armee" ehren. Zum Glück haben wir die BILD-Zeitung, denn allein sie vermag es, hinter die einlullende Fassade zu blicken.

Die Russen werden von ihr, egal wie sie sich gerade nennen, stets als "die Roten" demaskiert. Auch wenn Putin ("der Ex-KGB-Mann") seine "höflichen grünen Männchen" euphemistisch als "örtliche Selbstverteidigungskräfte" bezeichnet, sieht das Blatt gewissermaßen ständig "Rotarmisten" am Werk. Folgerichtig fordert BILD: Weg mit den "Russen-Panzern" am Brandenburger Tor! Die "Russen-Panzer" seien das "Symbol kalter Machtpolitik!". Die Forderung, Hitler zu rehabilitieren, ist damit allerdings nicht verbunden. Gott sei Dank.

Und was sagen die Sowjets äh... Russen dazu? Die begreifen das natürlich als "Provokation" und fühlen sich prompt im Krieg mit dem Springer-Verlag. Auf einen Feind mehr oder weniger kommt es dem Kreml offenbar gar nicht mehr an. Ob Mathias Döpfner bereits eine Schutzweste gekauft hat? Immerhin scheint sich BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, der neuerdings vom Aussehen her ein bisschen an Fidel Castro erinnert, schon einmal vorsorglich die passende Tarnung zugelegt zu haben: Genosse Fidel ist Freund von Genosse Wladimir, mag er gedacht haben, ergo ist Genosse Wladimir - trotz Russen-Panzer-Deportation - vielleicht auch Freund von Genosse Kai. Kann wenigstens nicht schaden, falls die Russen, wie einst im Kalten Krieg, wider Erwarten doch innerhalb von 48 Stunden am Rhein stehen sollten.

Wie dem auch sei, die Aktion von BILD ist erwartungsgemäß nicht bis zur letzten Konsequenz durchdacht worden, denn auf dem Rückweg nach Moskau müssten die im Berliner Tiergarten stehenden T-34 zwangsläufig durch die Ukraine fahren. Stellen Sie sich mal die Schlagzeile vor: "Deutsche schicken Russen-Panzer nach Kiew." Welch ein Desaster für die bundesdeutsche Außenpolitik! Der Flurschaden wäre noch viel größer als im Jahr 2011, als Guido Westerwelle partout keine Panzer gen Libyen schicken wollte. Oder waren es Kampfflugzeuge? Egal, jetzt sollen jedenfalls, zumindest wenn es nach BILD geht, Russen-Panzer in Kiew den Maidan plattwalzen. Alle Achtung, das hat nicht einmal Viktor Janukowitsch geschafft. Ich fürchte, in der Ukraine werden die "Russen-Panzer" wohl kaum willkommen sein - weder die aus Deutschland noch die aus Russland.