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13. Mai 2014, von Michael Schöfer
Schließt ruhig die Augen


Der Mensch ist ignorant und unfähig, sein Verhalten nach langfristigen Gesichtspunkten auszurichten. Beispiel Erderwärmung: Die OECD hat sich kürzlich über das zu geringe Wachstum in den Industriestaaten beklagt. "Technische Entwicklungen, Rationalisierungsstrategien in den Betrieben und die Exportorientierung der Konzerne sorgen unter den gegebenen Bedingungen dafür, dass ein langfristiges Wirtschaftswachstum von etwa zwei Prozent notwendig wäre, um die Zahl ordentlich bezahlter Arbeitsplätze auch nur zu erhalten." [1] Zwei Prozent, jedes Jahr? Oje.

Zwei Prozent klingt nach nicht viel, doch was bedeutet das konkret? Bei einer zweiprozentigen Steigerung wächst die Wirtschaft in zehn Jahren um gut ein Fünftel (ein Plus von 21,9 %), in 20 Jahren nahezu um die Hälfte (ein Plus von 48,6 %), und schon nach vierzig Jahren hat sie sich mehr als verdoppelt (ein Plus von 120,8 %). Schreiben wir das Ganze 100 Jahre in die Zukunft, das ist eine Zeitspanne vom I. Weltkrieg bis heute, würde die Wirtschaft um satte 624,5 Prozent zulegen. Und laut OECD werden bei einem zweiprozentigen Wachstum aber bloß die vorhandenen Arbeitsplätze gehalten, für einen Zuwachs wäre folglich ein Wachstum von mehr als zwei Prozent notwendig.

Wir ahnen es nicht nur, sondern wissen es im Grunde bereits: Das ist vollkommen unmöglich, weil es in einer endlichen Welt kein unendliches Wachstum geben kann, der Planet wächst bekanntlich nicht entsprechend mit. Uns fehlt, falls wir nicht alsbald die totale Umkehr hin zu den Erneuerbaren Energien schaffen, für derartige Wachstumsraten schon allein die energetische Basis. Von den Auswirkungen auf andere Bereiche ganz zu schweigen: "Die weltweit für die Nahrungsmittelproduktion verfügbare Ackerfläche wird, unter anderem zum Erhalt von Wäldern und Feuchtgebieten, nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO bis 2050 nur noch um vier Prozent ausgedehnt werden. Bis dahin wird die Weltbevölkerung aber um 39 Prozent zunehmen, und zu ihrer Ernährung muss die Getreideproduktion um 46 Prozent gesteigert werden." [2]

Anhaltendes Wirtschaftswachstum wird wahrscheinlich die zur Verfügung stehende Ackerfläche entgegen dem prognostizierten Bedarf sogar schrumpfen lassen. Es sei denn, wir holzen die Regenwälder noch viel stärker ab als bisher (angesichts der dünnen Humusschicht allerdings nur eine temporär hilfreiche Lösung). Die forcierte Abholzung heizt indes die Erdatmosphäre noch viel stärker auf, ergo verschieben sich dadurch die Klimazonen und damit die landwirtschaftlichen Nutzflächen dramatisch. Ackerflächen gehen auch durch den Anstieg des Meeresspiegels verloren. Neue Untersuchungen lassen befürchten, dass in der Westantarktis die Eisschmelze schon unumkehrbar ist. "Ein großer Teil der Eiskappe in der Westantarktis ist in einem Stadium des unumkehrbaren Rückzugs." [3] Das Gleiche gilt für Grönland. "Die bisher als stabil geltenden Gletscher im Nordosten Grönlands verlieren nach einer neuen Studie riesige Eismassen." [4] Man habe die Eisschmelze auf Grönland unterschätzt, heißt es. Anders ausgedrückt: Die Auswirkungen des Klimawandels sind wohl stärker als bislang angenommen.

"Zwei Drittel der Weltbevölkerung leben weniger als 50 km von der Küste entfernt." [5] Es finden sich aber auch andere Angaben: "Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in einem weniger als 100 km breiten Küstenstreifen." [6] Oder: "Über vierzig Prozent der Weltbevölkerung lebt nicht weiter als 100 Kilometer von einer Küste entfernt." [7] Wie dem auch sei, der Meeresspiegelanstieg wird jedenfalls in den nächsten Jahrhunderten dramatische Folgen für die Menschheit haben.

Jahrhunderte? "Pah", werden Sie vielleicht denken, "was geht das mich an?" Das ist genau die Haltung, die eingangs beklagt wurde. Schnödes Kurzfristdenken. Wie bei der OECD. Die bewegt sich nämlich mit ihrer Forderung nach einem Wachstum von mindestens zwei Prozent lediglich innerhalb eines langfristig gar nicht haltbaren Wirtschaftssystems. Dabei gilt es, endlich über dessen Grenzen hinauszudenken. Offenbar ist die OECD nach wie vor dem Wachstumsfetisch verfallen, anders ist ihre Forderung nicht erklärbar. Mein Rat: Schließt ruhig die Augen. Aber passt auf, dass dabei eure Füße nicht nass werden.

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[1] taz vom 06.05.2014
[2] Presseportal.de vom 12.05.2014
[3] Der Standard vom 13.05.2014
[4] ORF vom 17.03.2014
[5] Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Institut für Geowissenschaften, Arbeitsgruppe Sedimentologie, Küsten- und Schelfgeologie
[6] Stiftung Deutscher Küstenschutz vom 25.03.2010
[7] Wikipedia, Meeresschutz