Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



18. Mai 2014, von Michael Schöfer
Alter Schwede


Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg und vor 75 Jahren der Zweite. 2014 ist zweifellos das Jahr der Erinnerungen, zahlreiche Bücher und Fernsehsendungen behandeln diese beiden furchtbaren Ereignisse. Doch was wissen die Menschen vom Dreißigjährigen Krieg - außer dass er 30 Jahre (von 1618 bis 1648) gedauert hat und ein gewisser Wallenstein etwas mit ihm zu tun hatte? Fast nichts.

Das wollte der schwedische Historiker Peter Englund ändern. Sein gut 800 Seiten dicker Wälzer "Verwüstung - Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" erschien im schwedischen Original bereits 1993 und ist hierzulande seit April 2013 als Taschenbuch erhältlich. Gleich vorweg: Englunds Absicht ist glänzend gelungen. Er hangelt sich keineswegs von Datum zu Datum oder von Schlacht zu Schlacht, diese Art der Geschichtsschreibung lockt heutzutage ohnehin keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor, Englund verbindet vielmehr die historischen Ereignisse mit Erik Jönsson (1625-1703), dem späteren Graf von Dahlberg, dessen Leben eng mit den damaligen Geschehnissen verknüpft war. Sie erhalten dadurch ein menschliches Gesicht.

Englunds Einstieg in den Dreißigjährigen Krieg beginnt im Jahr 1656, als der Krieg bereits vorbei war. Anschließend macht er gleich im zweiten Kapitel einen Sprung zurück ins Jahr 1625, dem Geburtsjahr Erik Jonssons. Da dauerte der Dreißigjährige Krieg schon sieben lange Jahre. Doch keine Angst, Sie verpassen nichts, keinen Kriegszug und keine politischen Winkelzüge, denn das war sozusagen erst der Anfang. Was viele Zeitgenossen damals wohl kaum ahnten: Der Krieg hatte nicht einmal ein Viertel hinter sich. Von da an folgen wir Erik Jonssons Schicksal. Und mit ihm den Auseinandersetzungen, an denen sich Schweden offiziell erst 1630 zu beteiligen begann.

Englund konzentriert sich nicht bloß auf die Regenten, sondern lässt uns auch auch am Soldatenleben und den Lebensumständen der einfachen Bevölkerung teilhaben. Wie sie unter dem Krieg gelitten haben, wie sie arbeiteten und wohnten, aber ebenso welche Wunden Armut und Seuchen schlugen. Wir erleben darüber hinaus, kein Wunder, schließlich hat Englund zeitweise als Kriegsreporter gearbeitet, hautnah Feldzüge, Belagerungen und Schlachten mit. Englunds Werk ist von beeindruckender Detailgenauigkeit, trotzdem leicht zu lesen und alles andere als langweilig. So sollte Geschichtsschreibung aussehen.

Warum gerade ein schwedischer Historiker? Nun, Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber das heute so friedliebende Schweden, dessen letzte militärische Auseinandersetzung 1814 stattfand, zählte in jener Zeit zu den führenden europäischen Großmächten. Die inzwischen ebenso friedlichen Dänen übrigens genauso. Schwedische Soldaten wüteten u.a. in Sachsen, Böhmen und Bayern, sie kamen auf Seiten der Protestanten bis vor die Tore Wiens, dem Sitz des katholischen Kaisers Ferdinand II. aus dem Hause Habsburg. Es gab sogar schwedische Siedlungen in Amerika. Viele haben sich damals vor den Schweden gefürchtet. Der berühmt-berüchtigte Schwedentrunk etwa wurde nicht in geselliger Runde herumgereicht, sondern war eine im Krieg häufig angewandte Foltermethode. Viel schlimmer als Waterboarding, was Letzteres dennoch nicht rechtfertigt. Überhaupt, es war eine ziemlich grausame Epoche, mit der uns der Historiker Peter Englund vertraut macht. Auf allen Seiten gehörten schier unbeschreibliche Gewaltexzesse gewohnheitsmäßig dazu.

Apropos Historiker: Christopher Clarks Standardwerk über den Aufstieg und Niedergang Preußens beginnt im Jahr 1600. In der Mark Brandenburg fand während des Dreißigjährigen Krieges etwa die Hälfte der Bevölkerung den Tod. Aus dieser Welt der Gewalt und Unordnung resultierte das, was man später gemeinhin mit Preußen verband - den von Pflichterfüllung und Disziplin geprägten Obrigkeitsstaat. Laut Clark eine fast zwangsläufige Folge der damaligen Verwüstung. So kann man einiges von dem, was letztlich zu den von Deutschland (= Preußen) verursachten Katastrophen von 1914 und 1939 führte, erst richtig verstehen, wenn man Näheres über die Epoche des Dreißigjährigen Krieges weiß. Peter Englunds Buch kann ich deshalb nur wärmstens empfehlen.