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24. Juni 2014, von Michael Schöfer
Der Fluch der Technik


Abhören ist Mist. Ganz großer Mist. Weil Onkel Otto zu Recht befürchten muss, dass die NSA ihm beim Durchstöbern seiner Pornosammlung heimlich über die Schulter blickt, bekommt er immer häufiger einen roten Kopf. Nicht vor Scham - vor Zorn! "Allein der Gedanke ist unausstehlich, es gibt überhaupt keine Privatsphäre mehr." Und wenn der Jens mit der Bärbel zum intimen Tête-à-Tête verabredet ist, will er ebenfalls nicht überwacht werden. "Bärbels Papi kann mich nicht leiden", meint Jens. "Falls der von den Amis unter der Hand was gesteckt bekommt... Da wäre die Kacke aber am Dampfen. Mein lieber Scholli!" (Verzeihen Sie mir, aber diese Äußerungen sind wirklich mitten aus dem Leben gegriffen.)

Nur Mutti Merkel ist - wie immer - ziemlich gelassen. (Im Gegensatz zu Dirk Notheis kann ich mir despektierliche Äußerungen erlauben.) "Abhören von Freunden geht gar nicht", wiederholt sie ein ums andere Mal lakonisch. Was schließen wir daraus? Merkel hat weder eine Pornosammlung noch wird sie zu intimen Tête-à-Têtes eingeladen. Sie hat halt, wenn Sie so wollen, nichts zu verbergen. Das ist wahre Bürgernähe!

Wenig Probleme mit der Überwachung hatte bislang auch die polnische Regierung, dort haben die Ermittlungsbehörden im Jahr 2012 satte 1,7 Millionen Verbindungs- und Standortinformationen abgefragt. [1] Die polnische Bürgerrechtsorganisation Panoptykon Foundation spricht von einer hohen Zahl an missbräuchlicher Nutzung, unter anderem sollen Journalisten bespitzelt worden sein. [2]

Der polnische Regierungschef Donald Tusk und Angela Merkel sind sich recht ähnlich. Nein, ich rede jetzt nicht von der fehlenden Pornosammlung und den fehlenden Tête-à-Têtes. In Polen sind sie ja ohnehin meist katholisch, schon allein das bürgt für Seriosität. Jedenfalls in Bezug auf alles, was auch nur im Entferntesten mit Sex zu tun hat. Es sei denn, man(n) ist Pfarrer und gleichzeitig pädophil. Gegen die Überwachung durch die NSA hat Tusk nämlich ebenso milde reagiert wie die deutsche Kanzlerin. "Nachrichtendienste sind keine Schulen des guten Benehmens", wiegelte er im Oktober letzten Jahres ab. "Zwar müssten die Vorwürfe auch im eigenen Land überprüft werden. Tusk warnte jedoch davor, Europa soll es mit seiner Empörung nicht übertreiben." [3]

Ausgerechnet er stürzt jetzt vielleicht über eine Abhöraffäre. Nicht weil die Regierung polnischen Bürgern elektronisch zu nah auf den Pelz gerückt wäre, sondern weil sich die Journalisten des Landes offenbar dazu entschlossen haben, mit den gleichen Waffen zurückzuschlagen. In der Zeitung "Wprost" werden neuerdings Abhörprotokolle veröffentlicht. Dabei geht es nicht bloß um doofe Herrenwitze à la Rainer Brüderle, es geht darüber hinaus um abfällige Bemerkungen von Regierungsmitgliedern über den wichtigsten Verbündeten - die USA.

Danach hat der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski zum stellvertretenden Ministerpräsident Jan Vincent Rostowski angeblich Folgendes gesagt: "Weißt du, das polnisch-amerikanische Bündnis ist nichts wert. Es ist sogar schädlich, denn es schafft ein falsches Gefühl der Sicherheit. Totaler Bullshit. Wir streiten uns mit den Deutschen, mit Russland, und wir glauben, alles ist super, nur weil wir den Amerikanern einen geblasen haben. Schwachköpfe. Totale Schwachköpfe. Das Problem in Polen ist, dass wir zu wenig Stolz haben und zu wenig Selbstwertgefühl. So eine Negerhaftigkeit." [4] Wenigstens hat Sikorski nicht "Niggerhaftigkeit" gesagt. Über was er sich wohl vor kurzem mit Obama bei dessen Staatsbesuch in Warschau unterhalten hat? Vermutlich über Selbstwertgefühle.

Erstaunlich: Nun sind plötzlich auch die polnischen Politiker gegen das Abhören. Das sei ein versuchter Staatsstreich, mutmaßt Tusk. Und im Gegensatz zur NSA-Affäre werden sie jetzt sogar quicklebendig - Staatsanwälte durchsuchten die Redaktionsräume. Vergeblich, Beweise sollen nicht gefunden worden sein. Zeitschriften sind eben keine Schulen des guten Benehmens. Diese Formulierung kommt Tusk sicherlich bekannt vor. Außerdem: Wer hier wen stürzen will und die Bänder aus diesem Grund der Wprost zugespielt hat, bleibt einstweilen im Dunkeln. Falls die polnischen Ermittler nichts herausbekommen, waren es bestimmt die bösen Russen. Die sind es nämlich im Zweifelsfall immer. Gerade in Polen, schon allein aus historischen Gründen. "Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen", hätte Captain Renault in dieser Situation gesagt. Aber zum Leidwesen von Donald Tusk sind wir nicht in Casablanca. Und es darf auf die Veröffentlichung weiterer Bänder gehofft werden.

Abhören ist Mist. Ganz großer Mist. Und Schadenfreude auch. Ich weiß, mea culpa! Aber ein bisschen wird man sich doch wohl noch freuen dürfen, oder nicht? Wenn sich der Fluch der Technik gegen die Urheber des Abhörwahns richtet, darf man zumindest schmunzeln.

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[1] 3sat vom 07.04.2014
[2] Heise.de vom 04.04.2012
[3] Wiener Zeitung vom 30.10.2013
[4] FAZ.Net vom 23.06.2014