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18. Juli 2014, von Michael Schöfer
Manche widersprechen sich heftig


Seit Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) die Logik zwar nicht erfunden, aber doch zumindest systematisiert hat, streitet man sich darüber. Die Aussage "Ist doch logisch" findet nicht immer ungeteilte Zustimmung, weil viele lieber ihrer eigenen Logik folgen. Und manche schaffen es sogar, sich dabei innerhalb kurzer Zeit selbst zu widersprechen.

Roberto De Lapuente beispielsweise. Auf seinem Weblog "ad sinistram" wettert er gegen die politische Umdeutung des WM-Siegs der deutschen Fußballnationalmannschaft. Arnulf Baring etwa habe keine Ahnung von Fußball. Das mag durchaus sein, obgleich Lapuente den Zeithistoriker wohl kaum persönlich kennen dürfte. Egal. Jedenfalls mache Baring, so Lapuentes Vorwurf, das, "was alle machen, die keine Ahnung vom Fußball haben: Sie interpretieren Sportereignisse um und machen eine Art politische Botschaft daraus". [1] So weit, so gut, denn ich bin ebenfalls gegen die politische Umdeutung von Sportereignissen, obgleich man das - siehe die Proteste der Brasilianer im Vorfeld der WM oder die Diskussion über die Winterolympiade in Sotschi - nicht immer trennen kann. Was die deutsche Presse aus dem WM-Sieg macht, ist jedoch zum Teil wirklich dämlich. Nationale Großmannssucht und martialische Formulierungen sind mir zuwider.

Leider macht Lapuente eine Woche zuvor genau das, was er bei Baring kritisiert - er interpretiert das Sportereignis um und macht eine Art politische Botschaft daraus. Bloß eben umgekehrt, damit es in seine politische Ausrichtung passt. Am Tag vor dem WM-Finale schreibt er nämlich Folgendes: "Jeder Sieg der deutschen Nationalmannschaft verkappt den Niedriglohnsektor und kommunale Haushalte, die so verstümmelt sind, dass Freibäder und Büchereien nicht mehr finanzierbar bleiben. Jeder Titel macht die Menschen blind für ein System, dass unser komplettes Zusammenleben zu einem Geschäft macht, von dem nur wenige profitieren. Der WM-Titel ist ein Vollstreckungstitel. Überall. Wo man diese Nebensache zur Hauptsache emporjubelt, da wird die Hauptsache zur Nebensache." [2] Deshalb sei er für die Niederlage der Deutschen. Für eine Niederlage aus politischen Gründen, wohlgemerkt. Die Frage, ob Jogi Löws Mannen den WM-Titel aufgrund ihrer sportlichen Leistungen auf dem Fußballplatz verdienen, spielte für ihn offenbar eine untergeordnete Rolle. Politik hat halt stets Vorrang.

Ich will mir kein Urteil darüber anmaßen, ob Lapuente Ahnung von Fußball hat, aber er widerspricht sich meiner Auffassung nach selbst. Und das krass. Entweder man kann ein Sportereignis umdeuten und eine politische Botschaft daraus machen, das gilt dann allerdings für Baring genauso wie für Lapuente, oder man wertet eine Fußballweltmeisterschaft lediglich als Sportereignis ohne politischen Bezug. Wie gesagt, mit der Logik ist das so eine Sache.

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[1] ad sinistram vom 18.07.2014, Oh ja, ihr seid ja wirklich richtige Weltmeister
[2] ad sinistram vom 12.07.2014, Hoffentlich ziehen die Gauchos den Kürzeren